Politischer Salon in der VHS diskutiert brisantes Thema

Kopftuchdebatte ist nicht weltanschaulich zu lösen

„Freiheit von der Religion Freiheit zur Religion“, unter diesem Titel stand die Diskussion zur Kopftuchdebatte im Politischen Salon der VHS, die am 5. November vom Marburger Politikwissenschaftler Johannes M. Becker moderiert wurde. Dabei gab der Soziologe und Unternehmensberater Dieter Haselbach durch seinen Redebeitrag Anstoß zu einer regen Diskussion, die durch eine Vielfalt an qualifizierten und überzeugenden, auch kontroversen Beiträgen gekennzeichnet war. Von Jan Opielka.

Die Grundaussage von Haselbach war dabei, das die Frage des Kopftuchs in der deutschen Öffentlichkeit zwar weltanschaulich diskutiert werde, auf die Weise aber nicht zu lösen sei. „Man kann entweder für oder gegen ein Kopftuchverbot sein und dabei sowohl religiös oder auch weltlich-säkular argumentieren“, so Haselbach, der außerordentlicher Professor am Soziologie-Institut in Marburg ist. Dadurch ergeben sich Haselbach zufolge Positionen, die in Deutschland allesamt ihre prominenten Befürworter finden. So sei etwa der bayerische Ministerpräsident Stoiber aus religiösen Gründen gegen ein Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen, Alice Schwarzer hingegen sei Gegnerin dieser Kopfbedeckung aus emanzipatorischen, säkularen Motiven heraus. Beide argumentierten weltanschaulich und seien gegen das Kopftuch sie könnten dennoch nicht Verbündete gegen das Kopftuch sein, da ihre eigenen Weltanschauungen ebenfalls grundsätzlich unterschiedlich seien. Ebenso gebe es auf der Seite der Verbotsgegner religiöse und säkulare Argumentationen, ihre Verfechter könnten aber ebenso wenig ein Bündnis schließen. Es gebe demzufolge vier unterschiedliche „Leitkulturen“ in Deutschland, die alle ihre Daseinsberechtigung hätten.

Gesetzlich verboten

Haselbach ging ebenfalls auf die gesetzliche Verankerung des Kopftuchverbots an staatlichen Schulen ein. So hätten sieben Bundesländer entsprechende Gesetze verabschiedet, von denen die meisten etwa Baden-Württemberg, Bayern und das Saarland religiöse Symbole verboten haben, die christlichen aber ausdrücklich erlaubt seien. Noch weiter ging Niedersachsen, wo Lehrer ihre Zustimmung zu christlichen Werten erklären müssten. Aus der Argumentation der Befürworter des Kopftuches, der Staat müsse neutral sein, sei letztendlich nur die Forderung an die „Fremden“ geblieben, sich ihrerseits neutral zu verhalten. Etwas konsequenter sei das Land Berlin, wo sämtliche deutlich erkennbaren Symbole und entsprechende Kleidung grundsätzlich verboten seien.

Das Kopftuchverbot an den Schulen sei, so Haselbach, nur ein Anfang, denn in Hessen wurde im Oktober ein Gesetz verabschiedet, das allen Landesbeamten das Kopftuchtragen verbietet. Dieses schlage früher oder später auch auf andere Bereiche um und so würden etwa Lehrstellen oder andere Tätigkeiten für Kopftuchtragende aus einer verstärkten gesellschaftlichen Abneigung heraus immer weiter verschlossen. Haselbach resümierte seinen Vortrag so: „Der Staat selbst ruft einen Krieg der Kulturen aus und wird die Opfer später selbst beschützen müssen“.

Diskussion offenbart Vielfalt

In der komplexen Diskussion im etwa 30-köpfigen Plenum kristallisierten sich bestimmte Aspekte heraus, unter anderem die Begriffe Identität, Neutralität oder Krieg der Kulturen. Eine muslimische Frau aus dem Iran etwa sprach sich gegen das Kopftuch aus, für sie bedeute es Unterdrückung und sei kein Ausdruck von Selbstbestimmung. Sie meinte, man müsse mehr als lediglich für oder gegen das Kopftuch oder gar gleichgültig sein, sondern sich vielmehr mit den Hintergründen auseinandersetzen. Eine kopftuchtragende Muslimin, die seit zweieinhalb Jahren an einer öffentlichen Schule in Rheinland-Pfalz unterrichtet, erwiderte, dass sie aus eigener Überzeugung heraus das Kopftuch trage. „Die Menschen, mit denen ich arbeite, sehen in erster Linie meine Person und nicht das Kopftuch“, sagte sie und fügte hinzu: „Ich bin auf eine katholische Klosterschule gegangen und habe mich erst später für das Tragen des Kopftuches entschieden.“ Dieses zeige, dass der Einfluss der Lehrenden nicht so groß sei, wie oft befürchtet würde. „Ich musste ebenso wie die anderen Lehrer den Diensteid schwören und wenn ich gegen ihn verstoßen sollte, habe ich die gleichen Konsequenzen zu tragen wie die anderen Kollegen“, ergänzte sie.

Eine kleine Auseinandersetzung zwischen Muslimen aus verschiedenen Herkunftsländern entbrannte über die Frage, ob ein Gebot zum Kopftuchtragen im Koran zu finden sei. In dieser zentralen Frage gab es unter den Muslimen etwa aus Afghanistan und dem Iran einerseits und aus Syrien oder dem Marokko Stammenden andererseits sehr unterschiedliche Auffassungen.

Eine ältere Frau sah, trotz ihrer deklarierten Toleranz gegenüber Anderen, im Kopftuchtragen einen Rückfall in Vorkriegszeiten, in denen Frauen weit weniger wert gewesen seien. Nach dem zweiten Weltkrieg hätten sich Frauen im Westen deutlich emanzipiert und dies würde durch Kopftuchtragende wieder in Frage gestellt. Ein weiterer Teilnehmer, offenbar ein Kenner vielfältiger religiöser Strömungen, betonte hingegen: „Die Gesellschaft ist nicht bereit, wirkliche Religionsfreiheit zu praktizieren. Die Problematik ist viel tiefgehender und nicht auf die Kopftuchfrage zu begrenzen.“ Dabei verwies er etwa auf die vielen christlichen Splittergruppen, die sich aus Angst vor Ausgrenzung nicht zu Ihrer Religion bekennen möchten. Ein Student ergänzte: „Das Wort Toleranz kommt vom lateinischen 'tolere' und bedeutet billigen. Aber um etwas zu billigen, muss man sich damit auseinandersetzen, und nicht einfach nur gleichgültig sein.“ Ein deutscher Muslime ergänzte: „Es geht nicht nur um Toleranz, sondern um Akzeptanz.“

Keine Leitkultur

Ein anderer Teilnehmer kritisierte den Begriff der „Leitkultur“, den man nicht ohne weiteres verwenden solle, da er vom rechten politischen Rand stamme. Sein Nachbar stellte demonstrativ die Frage: „Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg, und in allen Religionen der Welt ist Frieden als Geisteshaltung vorhanden. Wenn das so ist - sind wir dann überhaupt reif für diese Religionen?“

Auch der Begriff der Neutralität wurde genauer unter die Lupe genommen. Man müsse davon ausgehen, so der Tenor unter vielen Beiträgen, dass es keine neutralen Personen geben könne. Vielmehr sei die Frage zu klären, in welchem Rahmen sich Einfluss etwa von Lehrern auf die Schüler bewegen dürfe. Geschichtslehrer aus der 68er Generation hätten beispielsweise anderen Einfluss als stramme Konservative, die Ordnung und Disziplin lehrten.

Dieter Haselbach schloss den Vortrag sichtlich zufrieden: „Ich habe selten eine Diskussion erlebt, in der ich so wenig Impulse geben musste, um eine solche qualifizierte Debatte hören zu dürfen.“

Informationen zu Veranstaltungen und Themen des Politischen Salons gibt es bei der VHS unter: 06421/201246

 

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Zuletzt aktualisiert: 2004-11-26 15:57