Reisende soll man nicht aufhalten …

… und zu stoppen ist Veit Kühne mit seiner Idee vom Hospitality Club schon lange nicht mehr. Seit er im Jahr 2000 den Club gründete, haben sich weltweit schon mehr als 30.000 Mitglieder angemeldet und es werden täglich mehr. Wenn ihr also gerne low budget reist und euch das Leben bei Einheimischen interessanter erscheint als Urlaub in großen Hotelburgen, dann gehört ihr vielleicht auch bald zu den Mitgliedern. Von Anne Hennighausen.

Der 26jährige Dresdener ist während seiner Schulzeit bei einem Schüleraustausch in die USA auf den Geschmack des Reisens gekommen. Er spricht Englisch, Spanisch, Französisch und sogar ein wenig Russisch. Im Jahr 2002 hat er sein Studium abgeschlossen und kann sich nun vermehrt seinem größten Hobby, dem Hospitality Club, widmen. Seine Idee war es, Reisende auf ihren Touren mit der einheimischen Bevölkerung zusammen zu bringen, um so das interkulturelle Verständnis zu fördern und gleichzeitig Intoleranz und Vorurteile gegenüber fremden Kulturen abzubauen. Er nennt dieses Prinzip des Verreisens Hospitality Exchange. Veit glaubt, dass so auf lange Sicht der Frieden in der Welt unterstützt werden kann. Darum hat er es sich auch zum Ziel gesetzt, die Welt zu bereisen und eine Million Mitglieder für seine Idee und den Club zu begeistern. Denn, so sagt er, Hospitality Exchange sollte Mainstream werden.

Dabei begann alles unspektakulär, irgendwann in den frühen Morgenstunden nach einer durchwachten Nacht: auf dem Bett liegend durchfuhr es den Dresdener plötzlich, und schon war die Idee vom Hospitality Club geboren. Um zu sehen, ob sein Vorhaben von Erfolg gekrönt sein könnte, nahm er sich vor, in seiner Heimatstadt zehn Mitglieder zu finden. Gelänge ihm dies, so wolle er versuchen, in ganz Deutschland 1000 Menschen für seine Idee zu begeistern, um im Anschluss daran durch Europa zu trampen und hier 10.000 Mitglieder zu finden.

Wie man sehen kann, ist ihm dies gelungen, denn mittlerweile hat der Club Mitglieder auf der ganzen Welt. Von Afghanistan bis Zypern ist der Club bekannt, und doch ist Veit noch nicht zufrieden. Seine Reise wird erst ein Ende finden, wenn er sein selbst gestecktes Ziel der einen Million Mitglieder erreicht hat.

Plattform, um seine Idee in die Welt hinaus zu tragen, ist, wie in der heutigen Zeit so oft, das Internet. Unter www.hospitalityclub.org hat er zusammen mit anderen Freiwilligen ein Forum für Reisende geschaffen, die lieber bei Einheimischen als in Hotels ihren Urlaub verbringen, um so bessere Einblicke in die Kultur ihres Urlaubslandes zu bekommen. Oft kommt nämlich gerade dieser Aspekt bei Pauschal-urlaubern zu kurz, denn von der Bevölkerung bekommt der normale Tourist allenfalls einmal eine Raumpflegerin oder einen Kellner zu sehen. Wie man sich bereits denken kann, richtet sich der Club also eher an abenteuerlustige Reisende, die gern unkompli-ziert unterwegs sind.

Neue Art des Reisens

Auf der Internetseite können Mitglieder ein persönliches Profil von sich erstellen. So können Gäste oder Gastgeber grundsätzliche Informationen über das Mitglied erwerben, wie etwa das Herkunftsland, Interessen, ob Übernachtungs-möglichkeiten bestehen oder welche Art von Regeln im Haus eingehalten werden müssen. Auf diese Weise wird die Suche nach einem geeigneten Gastgeber erleichtert. Das Profil kann nur von Mitgliedern angeschaut werden.

Dabei sind fast alle Angaben freiwillig. Manch einer wird sich vielleicht fragen, aus welchem Grund er bei der Anmeldung seine Passnummer angeben muss. Dies dient schlicht und einfach der Identifikation, damit der Gastgeber sicher gehen kann, dass er bei einem Treffen auch wirklich ein Mitglied des Hospitality Clubs vor sich hat. Denn, so eine strikte Regel des Clubs: er steht nur Mitgliedern offen. Dabei ist er nicht kommerziell, es werden also keine Mitgliedsgebühren erhoben. Denn, so Veit Kühne, er wolle aus seiner Idee keinen Profit schlagen. Da der Hospitality Club auf freiwilliger Basis läuft, ist kein Mitglied einem anderen zu irgendetwas verpflichtet. Wenn also eine Anfrage kommt und ein Mitglied um Übernachtung bittet oder andere Hilfe benötigt, so muss man nicht helfen. Auch ist der Gastgeber nicht dazu verpflichtet, irgendetwas für seinen Gast zu tun. Natürlich ist es nett, für seinen Besuch zu kochen oder ihm die Stadt zu zeigen, doch kann der Gast das nicht voraussetzen. Schließlich nimmt man ja am ganz normalen Leben seines Gastgebers teil, und darum sollte man sich als Gast auch daran anpassen. Wichtig ist laut Veit Kühne einfach der respektvolle Umgang miteinander.

Nachrichten werden auf der Internetseite über einen speziellen Message-Service weitergeleitet, das heißt, die Emailadresse wird nicht benötigt, um Kontakt aufzunehmen. Sie muss nur bei der Anmeldung angegeben werden und ist im Profil nicht sichtbar. So wird Schutz vor Spam geboten.

Eine Neuerung stellen die Kommentare dar, die jedes Mitglied über ein anderes schreiben kann. Voraussetzung dafür ist, dass sich die beiden Personen im wirklichen Leben bereits begegnet sind. Berichtet wird, wie und wo man sich getroffen hat, ob man Gast oder Gastgeber war und ob die betreffende Person vertrauenswürdig ist. So wird es den Mitgliedern zusätzlich erleichtert, Informati-onen über andere zu bekommen.

Einen besonderen Höhepunkt in der Geschichte des Clubs stellte das erste Mitgliedertreffen dar, ein Sommercamp, das im September stattfand. Veit hatte alle Mitglieder zu sich nach Hause in den Garten seiner Großeltern eingeladen, wo ein Wochenende lang gezeltet und gefeiert wurde.

Da ich selbst auch Mitglied im Hospitality Club bin, habe ich mich zusammen mit einer Freundin auf den Weg nach Dresden gemacht. Ohne zu wissen was uns erwarten würde, kamen wir an und wurden sofort wie alte Freunde begrüßt. Überall im Garten standen Zelte und man hörte die unterschiedlichsten Sprachen. Engländer, Italiener, Deutsche und Franzosen waren gekommen, sogar aus China war Besuch angereist. Insgesamt waren es 140 Mitglieder aus 25 Ländern, die sich im Laufe des Wochenendes bei Veit einquartierten. Dieser, sowie seine Großeltern und diverse Enten und Hühner, die sich im Garten herumtrieben, sahen dem Ansturm mit stoischer Ruhe entgegen. Generell war die Atmosphäre während des Sommercamps sehr entspannt und ruhig. Viele Besucher schauten sich tagsüber Dresden an oder machten Ausflüge in die nähere Umgebung. Abends wurde gegrillt und bei einem Bier konnten Reiseerfahrungen ausgetauscht werden. Vorwiegend waren jüngere Leute im Studentenalter angereist, es gab aber auch einige ältere Mitglieder, die sich nicht minder begeistert von dem Treffen zeigten.

Im Großen und Ganzen kann ich behaupten, dass ich noch nie in meinem Leben so viele nette Menschen auf so kleinem Raum getroffen habe. Einige von ihnen sind sogar zu guten Freunden geworden, mit denen ich immer noch in Kontakt stehe. So funktioniert meiner Meinung nach interkulturelles Verständnis.
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Zuletzt aktualisiert: 2004-11-26 15:54