Yves Klein - Retrospektive am Main

Frankfurt an einem Sonntag Ende September: Während die eine Hälfte der Bevölkerung auf Plastikbänken im Fußballstadion sitzt (oder darauf steht), drängt sich die andere durch die neuste Schau in den Ausstellungsräumen der Schirn Kunsthalle. Wer sich leiten lassen will, folgt entweder einer der Führungen oder trägt einen Audio-Guide am Ohr (es spricht Hannelore Elstner). Ergänzt wird das Programm durch viele Workshops, weitere interaktive Angebote und eine breite Palette an Katalogen, Bildbänden und Postkarten. Eine Ausstellungskritik von Mirjam Miethe.

Zwischen all diesen museologisch-ökonomischen Konzepten braucht man einen Moment, um noch die Kunst und die Person des Künstlers zu erkennen. Doch nach diesem anfänglichen Zögern bleibt die Aufmerksamkeit dann doch an den Werken und der Geschichte des jung verstorbenen Franzosen haften.

Monochrome Arbeiten

Was man allgemein mit diesem Monsieur Klein verbindet, ist zum einen das für seine Bilder charakteristische intensive Blau (das patentierte I.B.K.) und zum anderen seine Vorreiterposition als Aktions- und Performance-Künstler. Der retrospektive Weg durch mehr als 100 Kunstwerke zeigt zuerst die „üblichen“ kleinformatigen und monochromen Bilder der abstrakten Moderne (ein Raum, der von den Meisten schnell durchschritten wird). Im letzten Raum erscheinen schließlich weitere monochrome, großformatige Arbeiten in Gold und Blau, die noch einmal den Betrachter überwältigen. Typische Nachkriegskunst im Bezug auf die Verunsicherung der Begrifflichkeiten von Kunst und ihren „Aufgaben“. Das Betrachten dieser Bilder löst sofort ein Fühlen aus, das nicht durch logische Überlegungen gebremst werden kann. Steht man nah genug vor dem größten Bild aus Kleins Blauer Periode (die er 1957 ausrief) und hat dann noch das Glück, dort alleine einen ruhigen „einsamen“ Augenblick verbringen zu können, lässt sich der Blick in der beruhigenden Farbe einfangen. Das ganze Blickfeld ist erfüllt von dem seltsam schillernden Undefinierbaren. Jedes Hinwenden auf die weiße Fläche der Wand schmerzt. Doch leider sucht man an dieser Stelle vergebens nach einer Sitzmöglichkeit und früher oder später wird man vertrieben von den „Nachrückern“. Trotz allem einer der stärksten Momente der Ausstellung.

Andropometrien

In großer Stückzahl finden sich die Bilder mit Widererkennungseffekt, die „Andropometrien“ (von griechisch „Mensch“ bzw. „Mann“). Bereits im Eingangsbereich zeigt eine Projektion von Original-filmmaterial deren Entstehung: Junge, hübsche Französinnen (überflüssig zu erwähnen, dass sie nackt sind) reiben sich mit blauer Farbe ein und drücken bestimmte Körperstellen dann unter den Anweisungen des Künstlers an die Leinwand, die entweder am Boden liegt oder aufgerichtet ist. All dies passiert vor geladenem Publikum und mit Musikbegleitung (Klein komponierte auch). Viele spätere Künstler beriefen sich auf diese Aktion und benannten sie als Inspiration. Losgelöst von diesem historischen Ausblick wirkt sowohl der ganze Vorgang als auch das Endprodukt weniger beeindruckend. Letztendlich ruft sie im Gegenteil sogar eher Empörung hervor, denn den Körper der Frau als „Pinsel“ zu instrumentalisieren (wie sich Klein selbst ausdrückt) und dabei im Normalfall nur ihren Torso zu benutzen, ist heute eine Performance, die man höchstens noch auf der Bühne einer Erotikmesse zu sehen bekommt. Als Ausnahme befinden sich in der Ausstellung ein Bild mit einem Gesichtsabdruck und eines mit Händen, ansonsten fehlen diese wichtigen Identifikations- und Identitätsmerkmale. Warum mussten die Frauen dann so hübsch sein? Warum benutzt der sonst so gar nicht kamerascheue Künstler nicht auch mal seinen Körper, schließlich ist er ja auch recht hübsch? Dies ist für gleichberechtigte moderne Kunst also kein Vorbild. Im Hinblick auf die untergeordnete Rolle der Frau in Kleins Kunst werden kunsthistorische Vorurteile noch bestätigt.

Dazwischen die restlichen Arbeiten

In anderen Arbeiten agieren die Elemente freier als die Frauen in den eben genannten Werken. Bilder gemalt „mit“ Regen/Wasser, Feuer, Wind und ergänzt durch Materialien wie Schwämme, Steine etc. bringen interessante Experimente mit dem Medium der Malerei zustande, die oft eine enorme dekorative Qualität besitzen. Auch hier dient das berühmte Blau wieder als „rote Faden“.

An dieser Stelle werden sogar die „Das-kann-ich-auch“-Rufe etwas leiser. Besonders die Feuerbilder sind reizvolle Überbleibsel von einer sicher noch reizvolleren Show. Der Künstler mit einem kleinen Flammenwerfer vor der Leinwand und daneben der Feuerwehrmann mit kleinem Schlauch (auch davon gibt es eine Filmaufnahme). Die Überbleibsel eines typischen 60er-Jahre-Spektakels sind zu betrachten. Heute würde wohl niemand mehr das Feuer löschen, sondern konsequent warten, bis alles verbrand ist.

Biographisches

Im verglasten Rundgang der Schirn, der Rotunde, wird das Künstlerleben anhand der wichtigsten Daten und Fotografien nachvollzogen (in einem Nebenraum mit besonderem Augenmerk auf die Ausstellungsgeschichte in deutschen Galerien). Kleins Interesse an und Erfolg im asiatischen Kampfsport (Schwarzer Gürtel!) ist für den Besucher an dieser Stelle sicherlich am auffälligsten und unerwartetsten. Gewisse Grundzüge zwischen der Philosophie, die diesem Sport zu Grunde liegt, sind in Kleins Kunst durchaus wieder aufzufinden („Spiritualität“ vom absolut leeren, weißen Raum bis hin zur Einbindung der Elemente und Farbe als Gefühlsprovokateur). Mit noch mehr Radikalität wäre dies sicher ein fruchtbarer Ansatz für weitere Werke, doch Yves Klein stirbt 1962 und hinterlässt kaum mehr als einen Anfang einer Kunst, die keine Grenzen zieht zwischen Performance, Malerei, Objektkunst, Architektur und (sexistischer) Dekoration.

Vor dem Ausgang

Eine und eine halbe Stunde kultureller Unterhaltung für fünf Euro (ermäßigter Studentenpreis) - eine Rechnung, die durchaus aufgeht. Viel länger hält die Retrospektive den Betrachter letztendlich nicht fest. Ein letzter Blick noch auf die bekannte Fotocollage „Sprung ins Leere“ (1960), vor der jeder unwillkürlich noch einen Moment betrachtend stehen bleibt. Klein springt aus einem Fenster im oberen Stockwerk und unten wartet der harte Asphalt. Auch wenn hier kein wirklicher Bogen zu anderen Werken mit ultraintensivem Blau und dem Abdruck von Brüsten gezogen werden kann, liegt hierin doch eine große Allegorie auf die moderne Kunst an sich. Künstler sein ohne Sicherheitsnetz, alles wagen und riskieren ohne um einen Halt zu wissen oder den Ausgang zu kennen. Für diesen Mut sind Sie auch retrospektiv und trotz der „weiblichen“ Einwände durchaus zu bewundern, Herr Klein!

Ausstellung Yves Klein noch bis zum 9. Januar 2005, Schirn Frankfurt (Römerberg)

Druckversion zum Seitenanfang


Zuletzt aktualisiert: 2004-11-26 15:53