Das Nibelungenlied - eine alte Geschichte in der Gegenwart

„Die Nibelungen“ sind als Titel wohl allgemein geläufig und Versatzstücke aus dem Nibelungenlied sind vielerorts präsent. Die Nibelungenfestspiele in Worms finden jährlich statt, Wagners „Ring des Nibelungen“ gibt es immer mal wieder zu sehen und auch das Hessische Landestheater hat sich den Nibelungenstoff unlängst vorgenommen. Es handelt sich also um einen zwar alten, aber durchaus gegenwärtigen Stoff. Doch worum geht's da eigentlich genau und warum kann das heute noch interessant sein? Von Clara Selbmann

Herkunft und Entstehung

Die Geschichte von großer Liebe und mörderischer Rache geht auf verschiedene Ereignisse aus der Völkerwanderungszeit zurück (z. B. den Untergang der Burgunden im 5. Jahrhundert). Zur Bewältigung wurden sie in verschiedenen Sagen verarbeitet und über Jahrhunderte mündlich weitergegeben. Dabei wurden bekannte Handlungsmuster und menschliche Affekte (Liebe, Hass, Habgier, Eifersucht, Rache) herangezogen, die die Aneignung und Erklärung der traumatisierenden Vorgänge für die Menschen möglich machten. Obwohl eine Gleichzeitigkeit von Personen und Ereignissen hergestellt wurde, die es so nicht gegeben hat, handelt es sich nicht um „Erfindungen“. Die Sagen waren Vorzeitkunde und hielten die eigene Geschichte im kollektiven Bewusstsein wach.

Um 1200 wurde eine schriftliche Verschmelzung mehrerer Sagen (Siegfriedsage, Burgundensage, am Rande auch Dietrichsage) vorgenommen und mit Elementen aus der adeligen Lebenswelt des Hohen Mittelalters angereichert: Stilisierung der Figuren zu Rittern und Damen, typische Beschäftigungen und Zeremonielle des Hofes wie die Jagd, mehrtägige Feste, Kriegszüge, Brautwerbung etc. Das Ergebnis ist ein 2379 Strophen umfassendes Versepos in mittelhochdeutscher Sprache, das archaische und höfische Elemente vereint. Es ist uns bis heute in verschiedenen Fassungen (die mittelalterlichen Handschriften unterscheiden sich) überliefert.

Nur was für Germanisten?

Das Nibelungenlied (Betonung liegt übrigens auf Ni- und nicht auf -ungen-) ist also schon über 800 Jahre alt und beschäftigt sich mit Ereignissen, die noch viel länger zurück liegen. Was könnte daran heute noch interessant sein? Für die Germanisten gehört es natürlich in den Kanon der mittelalterlichen Literatur, ist Vertreter einer Gattung (Heldenepos) und einer bestimmten Strophenform (Nibelungenstrophe) etc. So haben auch im letzten Semester mehrere Seminare zu dem alten Text stattgefunden und auch eine Exkursion nach Karlsruhe, wo in einer Ausstellung die wichtigsten Handschriften und Gebrauchsgegenstände der Zeit gezeigt wurden. Aber wenn man sich nicht von Studiums wegen damit beschäftigen „muss“?

Worum es geht

Da ist zunächst einmal zu sagen, dass es sich um eine wirklich spannende Geschichte handelt:

Kriemhild lebt am Burgundischen Königshof in Worms am Rhein, wo ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher regieren. Die Nachricht von ihrer Schönheit, Tugend und hohen Abstammung verbreitet sich über alle Länder, so auch bis in die Niederlande. Hier lebt der starke, schöne, mutige, edle Königssohn Siegfried am Hof in Xanten. Er macht sich auf den Weg nach Worms, um diese Frau für sich zu gewinnen. Hier erfahren wir dann, was Siegfried alles zu bieten hat: Nibelungenschatz für sich gewonnen, Drachen getötet, unverwundbar, reichster Mann der Welt. Dennoch muss er sich zuerst als würdig erweisen, was über ein Jahr dauert während dem er Kriemhild nicht zu Gesicht bekommt. Seiner von fern entbrannten Liebe kann das aber nichts anhaben. Kriemhild beobachtet ihn heimlich und verliebt sich ebenfalls heftig.

Schließlich kommt es zu einem Handel zwischen Gunther und Siegfried: Gelingt es Siegfried, Gunther die gewünschte Ehefrau zu verschaffen, darf er Kriemhild heiraten. Leichter gesagt, als getan, denn die Auserwählte, Brünhild, besitzt übermenschliche Kräfte und stellt alle Bewerber auf eine heikle Probe: Entweder Gunther kann sie in mehreren sportlichen Wettkämpfen besiegen oder es kostet ihn den Kopf. Siegfried soll helfen, denn er besitzt zusätzlich zu seinen unermesslichen Reichtümern einen Tarnmantel, der ihn nicht nur unsichtbar macht, sondern ihm auch die Kraft von zwölf Männern verleiht. In einem harten Kampf siegt er getarnt gegen Brünhild, die glaubt, sie habe mit Gunther gekämpft. Widerwillig lässt sich die Braut heimführen. Nach der großen Doppelhochzeit in Worms kommt allerdings die Ernüchterung für Gunther: Die Holde verweigert sich ihm und hängt ihn in der Hochzeitsnacht an die Wand. Wieder muss Siegfried bemüht werden.

Ganz anders verläuft es bei dem anderen Paar: Siegfried und Kriemhild sind schwer verliebt. Doch das Glück hält nur wenige Jahre. Bei einem Streit zwischen den Königinnen Brünhild und Kriemhild werden Teile des Betrugs offenbar und die Schmach für Brünhild kann nicht wieder ausgeräumt werden. Ein Gefolgsmann der Burgunden, Hagen, drängt auf die Beseitigung Siegfrieds und kann die Könige schließlich überzeugen. Sie stellen ihm eine Falle und Hagen ersticht Siegfried an seiner einzigen verwundbaren Stelle. Kriemhild durchschaut, was geschehen ist. Zunächst kann sie nichts unternehmen, doch ihr Leid und ihre Wut sind grenzenlos. Sie lässt den Nibelungenschatz nach Worms kommen und beginnt, Kämpfer um sich zu scharen. Hagen wird das verdächtig und er entwendet ihr mit Hilfe ihrer Brüder den Schatz, um ihn im Rhein zu versenken.

Jahre vergehen und Kriemhild lebt noch immer in Trauer um Siegfried. Da erreicht sie ein Bote aus dem Hunnenland: Der Hunnenkönig Etzel, dessen Frau gestorben ist, will sie heiraten. Als ihr klar wird, wie viel Macht sie dadurch erhalten würde, um am Ende vielleicht doch noch Rache nehmen zu können, willigt sie ein. Nach Jahren in der Fremde ist der Moment gekommen: Die Brüder halten ihren Rachedurst für Vergangenheit und folgen mit dem gesamten Hof ihrer Einladung ins Land der Hunnen. Hagen ahnt, was Kriemhild vorhat, doch er kann die Reise nicht verhindern. Obwohl Kriemhild eigentlich nur Rache an ihm allein nehmen will, kommt es zu einem unglaublichen Gemetzel, das am Ende niemand überlebt weder die Hunnen, noch die Burgunden.

Gegensatz von Freude und Leid

Das Ende der Geschichte ist blutrünstig, aber das Epos hat noch viel mehr zu bieten: angefangen bei Abenteuern und Heldentaten in Krieg und Kampfturnieren, über das prachtvolle Leben am Hof, Intrigen, Machtkämpfe, märchenhaften Episoden mit Fabelwesen bis hin zur Liebesgeschichte zwischen Siegfried und Kriemhild, die das ganze Nibelungenlied leitmotivisch zusammenhält.

Das Nibelungenlied lebt vom Gegensatz aus Freude und Leid, die oft unmittelbar aufeinander folgend:

kein Glück, auf das nicht schon der Schatten des Unglücks fällt, kein Fest, das nicht schon den Keim für Streit oder sogar Mord in sich trägt. Dass ein apokalyptischer Ausgang der ganzen Geschichte kommen wird, ist von Anfang an klar. Auch die Figuren selbst haben hellseherische Träume oder Vorahnungen, die die Katastrophe immer gegenwärtig halten, doch sie können sie nicht abwenden. Oft lösen auch Handlungen etwas anderes aus, als geplant und werden so zum Verhängnis.

Am Ende steht man als Leserin oder Leser etwas ratlos da, denn eigentlich wollte doch niemand das ganze Gemetzel, alles scheint sich verselbstständigt zu haben. Noch während des großen Kampfes quälen sich die Figuren mit den widersprüchlichen Anforderungen, die an sie gestellt werden bzw. die sie an sich selbst stellen und können dem Unheil doch nicht entkommen.

Wer ist also schuld an allem? Diese Frage lässt sich nicht klären, ebenso wie das Nibelungenlied eine Schwarz- Weiß- Sicht auf seine Welt und seine Akteure verweigert. Auch das macht den Reiz der Geschichte aus. Diese „Lücken“, die es teilweise in der Motivation gibt, sind durch die Genese des Werkes zu erklären: Sie rühren aus der Zusammenfügung verschiedener Sagen her.

Missbrauch des Werkes

Gerade diese Offenheit und die Episodenhaftigkeit lassen aber Platz für ideologische Einschreibungen. Sie wurden bei der Rezeption des Nibelungenliedes oft genutzt, um es für die eigenen Zwecke zu missbrauchen. Ab der Zeit der Napoleonischen Kriege wurde das Nibelungenlied zum Nationalepos erhoben, der Schatz der Nibelungen zum Symbol der vergangenen (imaginierten) Einheit des deutschen Volkes. Man sah deutsche Tugenden und deutsche Identität idealtypisch dargestellt. Vorschub wurde dem auch durch verfälschende Übersetzungen und durch Verklärungen in der bildenden Kunst geleistet. Bedenken- und skrupellos wurde Realität mit Legende, Gegenwart mit Vergangenheit überblendet und vermischt.

Zur Ideologisierung wurden „passende“ Elemente (Seiten einer Figur oder einzelne Szenen) aus dem Gesamtzusammenhang herausgenommen und „unpassende“ ignoriert. So konnte Reichskanzler von Bülow 1909 im Namen des Deutschen Reiches die sprichwörtlich gewordene „Nibelungentreue“ schwören. Sie bezieht sich auf eine Szene während des finalen Kampfes, in der die burgundischen Könige sich vor ihren Gefolgsmann Hagen stellen und sich weigern, ihn als Geisel heraus zu geben, was die Schlacht beendet hätte. Dass an anderer Stelle Verrat an den eigenen Verwandten und Freunden von denselben Figuren begangen wird, relativiert diese Treue, wird aber natürlich ignoriert.

Ebenso stilisiert Göring, Chef der Luftwaffe, 1943 den Kampf der deutschen Truppen in Stalingrad zur Wiederholung des Kampfes der Burgunden, die im Blut der eigenen Freunde und Verwandten bis zum letzten Mann gegen die Hunnen kämpfen. Wo im Nibelungenlied aber nur Tod und Trauer bleiben und von Nachruhm keine Rede sein kann, wird der aussichtslose Kampf der Deutschen in kruder Verdrehung des literarischen Vorbilds zum Puzzelteil im großen Ringen um den Endsieg, von dem die nachfolgenden Generationen „mit heiligen Schauern“ sprechen sollen.

Diese Beispiele zeigen nur einen Ausschnitt der „Rezeption“ des Nibelungenliedes durch politische Akteure, sie lassen aber schon erahnen, dass es immer wieder für zum Teil gegensätzliche Interessen und Aktualisierungen herhalten musste.

Lesen!

Warum sollte man also das Nibelungenlied lesen? Wie hoffentlich gezeigt werden konnte, handelt es sich um eine turbulente, facettenreiche Erzählung, die mehrere Stufen aus unserer eigenen Vergangenheit anschaulich vergegenwärtigt, ohne dabei allerdings Geschichtsschreibung im engeren Sinne zu sein. Faszinierend bleibt das Dargestellte nichtsdestotrotz. Je nach eigenem Interesse kann der Lesende eines der Leitmotive verfolgen, die keineswegs veraltet und uninteressant geworden sind. Zur Anwendung auf spätere geschichtliche Vorgänge oder gar die Gegenwart sollte man sich allerdings nicht verführen lassen, auch wenn es einige Ideologen in der deutschen Geschichte geschafft haben, Motive aus dem Nibelungenlied zu Allgemeinplätzen zu machen und streckenweise mit dem deutschen Selbstbild zu verweben. Nicht zuletzt diese politische Instrumentalisierung und auch die fortdauernde Rezeption können dazu ermutigen, sich ein eigenes Bild von dem Epos zu machen.

Literaturempfehlungen:

  • Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutscher Text und Übertragung. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Anhang versehen von Helmut Brackert. 2 Bde. Frankfurt am Main: S. Fischer 262003. (jeweils 8,90 €) erschwingliche, gut zu lesende Übersetzung mit einführenden Informationen
  • Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttgart: Reclam 2003 (= RUB 17604). (8 €) hier gibt es alle Informationen zum literarischen Umfeld des Werkes, zur Überlieferung, Rezeption und zu Inhalt, Aufbau, Interpretation
  • Heinzle, Joachim/ Waldschmidt, Anneliese (Hrsg.): Die Nibelungen. Ein deutscher Wahn, ein deutscher Alptraum. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991 s. hier besonders den Beitrag von Peter Krüger: Etzels Halle und Stalingrad: Die Rede Görings vom 30.1.1943. S. 151- 190. (Germanistische Bibliothek 15f/ 170 i)
  • Schulte- Wülwer, Ulrich: Das Nibelungenlied in der deutschen Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Gießen: Anabas 1980. neben der Verarbeitung des Nibelungenstoffes in der bildenden Kunst wird hier auch die Entwicklung der „Nibelungenideologie“ in Deutschland skizziert (Germanistische Bibliothek 15f/ 170 ka
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Zuletzt aktualisiert: 2004-11-26 15:42