Trutzhain - Kriegsgefangenenlager und Heimat

Möglichkeit ein Praktikum zu machen an einem Ort, der in seiner Geschichte einmalig ist. Trutzhain, gelegen zwischen Marburg und Kassel in der Schwalm, wurde 1948 von deutschen Ostflüchtlingen gegründet, die durch die Grenzverschiebungen nach Ende des 2. Weltkrieges heimatlos geworden waren. Doch allein das macht den Ort noch nicht einzigartig. Das Einmalige: Das Dorf wurde auf dem Gelände des ehemaligen Stalag IX A gegründet - ein Kriegsgefangenenlager. Von Enrico Böhm.

Bis in die achtziger Jahre hinein wurde über die dunkle Geschichte des Ortes Trutzhain weder geschrieben noch oft gesprochen. Erst den Initiativen Außenstehender, so wie des Arbeitskreises Spurensicherung des DGB Schwalm-Eder oder des Publizisten Martin Grzimek, der in Trutzhain aufwuchs, ist der Anstoß zur Wiederentdeckung der Geschichte zu verdanken. Ende der 90er Jahre wurde von der Stadt Schwalmstadt der Auftrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung gegeben, der im Sommer 2003 in der Einweihung des Museums mündete.

Das größte Kriegsgefangenenlager im heutigen Hessen

Das Stalag IX A Ziegenhain war das größte Kriegsgefangenenlager auf dem Gebiet des heutigen Hessen - mit einer Belegung von bis zu 12.000 Menschen. Als Stammlager diente es dem Zweck, Soldaten nach ihrer Gefangennahme möglichst schnell in kleine Arbeitskommandos zu stecken, die im gesamten Nord- und Mittelhessischen Raum eingesetzt wurden. Besonders in der Landwirtschaft und in der Produktion wurde Arbeitskraft benötigt, denn durch die großen Kriegsanstrengungen sollten während des Krieges die zur Front geschickten Soldaten in ihrer Heimat ersetzt werden, um die Produktion in allen wirtschaftlichen Bereichen aufrechtzuerhalten. Die Kriegswirtschaft im Reich hatte den Einsatz von Kriegsgefangenen, wie den von Zwangsarbeitern, schon früh als gewinnbringend erkannt. Es handelte sich hierbei nicht nur um billige Arbeitskräfte, sondern entsprach auch der Politik der Vernichtung durch Arbeit, was besonders die osteuropäischen Gefangenen betraf. Laut Genfer Konvention zum Schutz der Kriegsgefangenen von 1929 war es den kriegführenden Nationen durchaus erlaubt, gefangene Soldaten zu Arbeitseinsätzen heranzuziehen, solange dies nicht in der Rüstungsproduktion geschah und nicht unter menschenunwürdigen Bedingungen, die in den Konventionen definiert waren. Kriegsgefangene erhielten sogar eine Entlohnung, die in Form von Lagergeld ausgezahlt wurde.

Trotz dieser vertraglich geregelten Bedingungen war das Leben im Kriegsgefangenenalltag schwer. Ein schwerwiegender Faktor war die ungleiche Behandlung, die den Gefangenen zukam. Die Mehrzahl der im Stalag IX A festgehaltenen Soldaten war französischer Nationalität. Nach Beginn des Russlandfeldzuges im Juni 1941 kamen auch vermehrt Soldaten der Sowjetunion hinzu, die in einem separierten Lagerteil untergebracht wurden. Mit der Begründung, die Sowjetunion habe die Genfer Konvention nicht unterzeichnet, wurde den Sowjets eine dementsprechende Behandlung im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie versagt. Sie waren in ungleich höherem Maß den Entbehrungen der Gefangenschaft ausgesetzt, als ihre westlichen Kombattanten, wie Franzosen oder Amerikaner. Diese wurden regelmäßig von Vertretern des Internationalen Roten Kreuzes (IRK) besucht und konnten sich von Verwandten Pakete schicken lassen. Ziegenhain sollte ein Vorzeigelager sein, in dem Gefangene sogar die Möglichkeit hatten, eine lagereigene Universität zu besuchen oder an Sportveranstaltungen teilzunehmen. In das sogenannte „Russenlager“ wurden die neutralen Begutachter jedoch nie geführt. Die Gefangenen starben nicht aufgrund von etwaigen Misshandlungen durch das Wachpersonal, das von einem Landesschützenbataillon gestellt wurde, sondern wegen der schlechten Versorgung, was besonders Ernährung und Schutz vor Kälte betraf.

Aussonderung der sowjetischen Kriegsgefangenen

Nach dem Eintreffen der amerikanischen Panzerspitzen im März 1945 wurde das Lager geräumt und die Gefangenen mussten sich auf einen langen Marsch Richtung Thüringen bewegen, von der Front weg. Ihr Ziel erreichte die Kolonne jedoch nie. Eingeholt von den alliierten Truppen konnten die Gefangenen befreit werden. Die amerikanische Besatzung, die die neuen Länder Hessen und Bayern nach Kriegsende verwaltete, nutzte das Lager zwischen 1945 und 1946 als Internierungslager für Nationalsozialisten, von denen man glaubte, sie seien besonders straffällig geworden. SS- und hohe Wehrmachtsangehörige, sowie Mitglieder des BDM oder hohe Parteifunktionäre wollte man im Rahmen der von oben verordneten Entnazifizierung einer Strafe, oder einer ordentlichen Verhandlung zuführen.

Als im Frühjahr ´46 das Lager geräumt wurde und die Insassen in ein Hauptlager nach Darmstadt verlegt wurden, brachte die US-Verwaltung nach kurzer Phase des Leerstands aus Polen geflohene Juden in den Lagerbaracken unter. Unglaublicherweise kam es in Polen nach Ende des Krieges zu Pogromen durch Polen an jüdischen Mitbürgern. Viele der polnischen Juden waren im Krieg vor der Wehrmacht in Richtung Osten geflohen und hofften in der Sowjetunion auf mehr Sicherheit. Als der Krieg in Europa am 8. Mai 1945 endete kehrten sie in ihre polnische Heimat zurück, wo sie meist ohne Habe und durch den Verlust vieler Angehöriger durch die Vernichtungslager der Nazis ganz auf sich gestellt und alleine waren. Dass sie von ihren ehemaligen polnischen Nachbarn nicht bemitleidet und unterstützt, sondern als unerwünscht betrachtet wurden, stellt eines der großen schrecklichen Ergebnisse der direkten Nachkriegsgeschichte dar, die übrigens bis heute in Polen erst langsam öffentlich diskutiert werden. Oftmals waren einfache materielle Hintergründe der Anlass den Rückkehrern die Wiedergabe des Eigentums zu verweigern. Zahlreiche Polen, die ebenfalls systematisch und millionenfach Opfer der Nazi-Besatzung waren, sahen Juden und ihre geplante Ausrottung als Hauptursache für den Krieg und die Okkupation, somit für die eigenen Leiden. Unter diesem Eindruck, der durch einzelne Fälle von Lynchmord verstärkt wurde, flohen die polnischen Juden. Nach Deutschland.

Ironie: Juden fliehen 1946 nach Deutschland

Paradoxerweise war das Deutschland der Besatzungszeit der sicherste Ort, an den sie flüchten konnten. Weil die Sowjetunion dieser Gruppe von Flüchtlingen jedoch nicht den Flüchtlingsstatus anerkennen wollte, da sie nicht direkt durch den Krieg zu Heimatlosen wurden, kamen sie vor allem in die amerikanische Besatzungszone, zu der das Lager gehörte. Sie hofften auf die Weiterreise nach Palästina, bzw. ab 1948 Israel, oder die USA. Da die Ausreise jedoch alles andere als einfach und unkompliziert war, wurden die Polen, wie auch die vielen anderen Displaced Persons (DPs), die sich als Heimatlose in Deutschland aufhielten, in den Lagern festgehalten.

Nachdem Ende 1947 das Lager aufgelöst wurde, weil die Bewohner auf andere Lager verteilt wurden - das Lager galt wegen der Bausubstanz als eines der schlimmsten - fanden letztendlich deutsche Ostvertriebene und Flüchtlinge eine neue Heimat in den Baracken. Bis heute leben die Menschen aus den Gebieten rechts der Oder-Neiße-Linie und ihre Nachfahren an diesem Ort.

Eine merkwürdige Geschichte. Dass die Bewohner allerdings nicht selbst das Heft zur Erforschung der Geschichte ihres Ortes in die Hand nahmen, war vielleicht eine vergebene Chance, die immer noch belasteten Beziehungen zu den ehemaligen Feinden des Krieges durch versöhnliche Arbeit zu entspannen. Das einzige auf Initiative eines Bewohners gegründete Museum aus den achtziger Jahren widmete sich den französischen Gefangenen, mit denen auch reger Kontakt gepflegt wurde. Dass allerdings keine Versuche in Richtung der polnischen oder sowjetischen Gefangenen, sowie ein Versuch zur Aufarbeitung des Flüchtlingslagers von 1946 und 1947 unternommen wurde, stellt einmal mehr die bedauerliche Weigerung vor allem der Kriegsgenerationen dar, sich von den alten Feindbildern zu trennen.

Kontakt:

Gedenkstätte und Museum Trutzhain
Seilerweg 1
34613 Schwalmstadt-Trutzhain

Tel.: 06691 - 71 06 63

www.gedenkstaette-trutzhain.de

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Zuletzt aktualisiert: 2004-11-26 15:32