Im Gespräch mit Dominic Johnson (Redakteur für Afrika bei der taz)

Journalismus und Afrika

Im Mai führten wir ein Interview mit Dominic Johnson, dem Ressortleiter für Afrika bei der Berliner taz, und fragten nach der Bedeutung Afrikas in der westlichen Öffentlichkeit, seinen Arbeits- und Recherchemethoden sowie Lösungsansätzen afrikanischer Konflikte. Johnson ist bereits seit 14 Jahren in diesem Bereich der Auslandsredaktion der taz tätig. Von Sarah Böhnke und Naakow Grant-Hayford.

S. Böhnke: Wie sah denn Ihr journalistischer Werdegang aus?

D.J.: Ich habe das Arbeitsfeld übernommen, als ich zur taz gekommen bin. Da ich mich sowieso dafür interessierte, habe ich das beibehalten und ausgebaut. Vor allem war es damals ein Berichtsgebiet, das in der taz nicht besonders beachtet wurde. Das lag auch an der damaligen Situation in Afrika. Als ich zur taz kam, fing gerade erst die Demokratiebewegung und das Aufbrechen der ganzen Einparteien-Systeme an. Es war auch die große Zeit des Kampfes gegen die Apartheid, kurz nach Nelson Mandelas Freilassung. Das wurde zwar in der taz wahrgenommen und betreut, aber es wurde nicht Afrika als Ganzes gesehen. Ich habe mich dann dafür eingesetzt, dass auch andere Sachen, die da passieren - also die Proteste gegen Diktaturen in sehr vielen Ländern, das Aufkommen von Mehrparteien-Systemen - zum Thema gemacht wird. Und die frühen neunziger Jahre waren ja eine Zeit, in der sich in Afrika sehr viel verändert hat. Das ist die Zeit, in der die meisten Diktaturen ihre politischen Systeme verändern mussten und sehr viele neue Bürgerkriege ausgebrochen sind. Ich erinnere an Liberia, Somalia, Äthiopien. Es gab da eine ganze Reihe von Ländern, die plötzlich wichtig wurden, über die man vorher nur im Ausnahmefall berichtet hatte. Und so kam es dann eigentlich, dass Afrika insgesamt auch ein bisschen mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt ist.

N. Grant-Hayford: Sie sprechen gerade an, dass Sie bei Ihrer Arbeit einen Überblick über das Geschehen auf dem ganzen Kontinent haben müssen. Wie werden Sie dieser Anforderung gerecht?

D.J.: „Haben müssen“ ist der richtige Ausdruck. Das geht natürlich eigentlich nicht bei einem Kontinent mit 53 Ländern. Zwar ist es möglich, so einigermaßen zu wissen, wo die momentanen Brennpunkte sind. Dass im Moment zum Beispiel viel über den Sudan gesprochen wird, über den Krieg in Dafur, die Flüchtlingskrise mit dem Tschad, damit muss man sich natürlich beschäftigen, auch wenn man sich in diesem Teil der Welt, dieser Region des Sudan nicht besonders gut auskennt. Ich war nie im Sudan, ich weiß nicht, wie das da genau im Lokalen funktioniert. Aber ich weiß, dass das ein wichtiges Thema ist. Ich sehe, dass man sich damit beschäftigt und dann versuche ich mich zu informieren. Aber letztendlich ist es so, dass es nicht möglich ist, kontinuierlich von hier aus alles zu verfolgen, was überall passiert. Man kann eigentlich nur einerseits bestimmte Länder im Blick haben, die ich selber gut kenne, bestimmte Regionen. Und andererseits ein offenes Ohr, was ansonsten passiert. Außerdem muss man auch Ressourcen mobilisieren können, um darüber vernünftig zu berichten. Ich bin mehrmals im Jahr unterwegs und halte ich mich auf dem Laufenden. Es ist aber nicht immer so, dass ich zu den Brennpunkten fahre. Wir haben ja auch zuständige Korrespondenten auf dem Kontinent. Aber ich hab nicht den Anspruch, dass ich immer, wenn was passiert, gleich dort hin und nachgucken muss. Das wäre auch gar nicht zu leisten.

S.B.: Welche Bezugs- und Informationsquellen benutzen Sie vornehmlich? Bevorzugen Sie Leute vor Ort, zu denen Sie den Kontakt pflegen oder europäische Afrika-Experten?

D.J.: Es ist immer eine Mischung aus mehreren Sachen: Wenn es um Länder und Gegenden geht, die ich kenne, dann heißt ein persönlicher Besuch ja auch, sich selber ein Bild zu machen von Informationsquellen. Das heißt etwa zu wissen, auf welche lokalen Medien und auf welche anderen lokalen Kontakte man sich verlassen kann, diese Kontakte zu pflegen, um, wenn etwas über die zahlreichen Nachrichtenagenturen läuft, dieses diskutieren, mit den Leuten verifizieren zu können. Am besten ist es eigentlich, eine Mischung zu haben. Einerseits die Arbeit der täglich erneuerbaren Quellen mit Nachrichten-Agenturen und internationalen Medien, aber auch die lokalen Medien in Afrika, die heute sehr viel besser sind als noch vor zehn Jahren. Gleichzeitig ist es wichtig, in Diskussion zu bleiben mit Leuten in und aus den Ländern, um einfach ein Gefühl dafür zu kriegen, wie Leute Geschehnisse einschätzen, und vor allem um einzufangen, wie das Thema im Land selbst diskutiert wird. Was mir hierzu oft auffällt, ist, dass in deutschen Expertenkreisen der Austausch mit lokalen Leuten nicht unbedingt die höchste Priorität genießt. Man diskutiert sehr gerne mit sich selber, man wird sehr leicht selbstreferentiell, man fällt zurück auf Diskussionen der deutschen Politik und Öffentlichkeit. Das hat dann nicht mehr viel mit den Vorgängen vor Ort zu tun. Ich selbst muss darauf achten, diesem Anspruch so weit es geht gerecht zu werden, was nicht immer einfach ist.

N. G.-H.: Ihre Arbeit setzt voraus, dass sie Menschen haben, die an solchen Informationen interessiert sind. Nun wurde aber am 18. April auf dem taz-Jubiläums-Kongress in Berlin von den versammelten Auslandskorrespondenten Ihrer Zeitung die These diskutiert, dass das Publikumsinteresse an Auslandsberichterstattung per se marginal sei. In welchem Maß trifft das auf ihr Gebiet zu?

D.J.: Marginal ist das sicher, aber das ist egal. Natürlich spricht man nicht mit allem, was man macht, 50 Millionen Leute an. Das ist auch gar nicht das Ziel. Für mich stellen sich zwei Fragen: Kann man erstens Leute, die sich interessieren, gut informieren und kann man zweitens den Leuten, die ihr Wissen und ihre Wahrnehmung für ein bestimmtes Problemfeld entwickeln wollen, etwas bieten, so dass sie sich weiterhin dafür interessieren? Meiner Wahrnehmung nach gibt es ein, wenn auch kleines Publikum. Afrika ist kein Massenthema, aber ich möchte mich auch nicht dahinter verstecken, dass es ein marginales Thema ist und sagen: Dann braucht man die Ansprüche auch nicht so hoch hängen. Ganz im Gegenteil: Es gibt überhaupt keinen Grund, warum man nicht über afrikanische Länder und afrikanische Konflikte genauso sorgfältig berichten sollte wie über den Nahen Osten oder über den Irak. Die Informationen müssen genauso abgesichert sein, genauso stimmen und sollten genauso wenig Clichés, Verallgemeinerungen und Katastrophenszenarien verbreiten. Man sollte durch sorgfältige Arbeit zur Aufklärung beitragen. Meine Erfahrung ist, dass es sehr viele Leute gibt, die über eine solche Informationsarbeit anfangen, sich mehr zu interessieren. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass es in der deutschen Öffentlichkeit einen Raum für ferne Kontinente und ferne Länder gibt. Wenn man sich die Bestsellerlisten anguckt, sind immer entweder Romane oder Sachbücher aus Afrika oder anderen “Dritte-Welt-Regionen“ zu finden, die meistens Themen wie persönliche Schicksale, Katastrophen und Erfahrungen behandeln. Vieles davon mag man ja ganz furchtbar finden, wenn man sich in diesen Ländern selber auskennt. Aber es zeigt, dass auch eine Neugierde vorhanden ist. Diese Neugierde mit guter, fundierter Information zu füttern trägt dazu bei, dass die Distanz ein bisschen geringer wird. Das ist für mich der wesentliche Anspruch.

S.B.: Würden Sie sagen, dass Sie darüber hinaus noch ein Sendungsbewusstsein haben? Vermitteln Sie Wissen mit einem normativen Ziel dahinter?

D.J.: (amüsiert) Das wäre ja ein bisschen anmaßend von mir, wenn ich denken würde, ich könnte sonst wen sonst wie zu sonst was bewegen. Natürlich bewegt jeder etwas mit seiner Arbeit auf dem einen oder anderen Weg, aber man sollte nicht so tun als ob alles, was man macht, schrecklich wichtig ist. Man darf sich selber nicht überschätzen.

N. G.-H.: Sie würden sagen, dass sie also keine Moralin-Spritze zücken, wenn Sie schreiben?

D.J.: Ich hoffe nicht, das wäre doch irgendwie blöd … Wenn ich jetzt denken würde, ich müsste jetzt irgendwelche aufrüttelnden Leitartikel schreiben, damit die Öffentlichkeit merkt, was hier und da los ist, würde das sehr schnell lächerlich werden. Letztendlich bewegt sich das Gesamte dann wie gesagt doch in einem relativ kleinen Kreis und man kann auch niemanden dazu zwingen, Zeitungsartikel zu lesen. Journalisten, die sich für so wichtig halten, dass sie denken, ihre eigene Stellungnahme ersetze schon politisches Handeln, machen sich leicht lächerlich. Gerade in Gebieten die noch eher am Rande des öffentlichen Interesses liegen, muss man da sehr vorsichtig sein.

N. G.-H.: In Ihrem Artikel vom 21.02.04 über Haiti, Cote d'Ivoire und Kongo kamen Sie etwa zu dem Schluss, dass die Krux bei der Implementierung des Friedens in gewissen Regionen darin liegt, den Frieden interessanter zu gestalten als den Krieg. Was genau meinten Sie mit 'interessanter'?

D.J.: Lohnender! Krieg ist ja für viele Leute in armen Ländern eine Überlebensmethode. Man greift zur Gewalt, um sich zu schützen und sich eine Perspektive zu schaffen. Wir, die für dortige Verhältnisse mit viel Geld in diesen Ländern tätig sind, müssen uns überlegen: Was können wir anbieten, wenn wir gegen Kriege sind und gegen die gewaltsame Austragung von Konflikten? Was können wir den Leuten an besseren Alternativen bieten, als den Griff zur Waffe oder als das Eintreten in eine Miliz? Wie können wir ihnen bessere Perspektiven und mehr Möglichkeiten bieten, um das eigene Überleben und das der eigenen Kinder zu sichern? Das sind Fragen, die sich reiche Länder, die in einem armen Land mit Entwicklungs- und Nothelfern präsent sind, stellen müssen. Wenn beispielsweise deutsche Hilfsorganisationen in Darfur im Sudan vor Ort sind und Hilfe für mittellose Flüchtlinge leisten, könnten sie damit konfrontiert werden, dass die einzige Perspektive dieser Flüchtlinge darin besteht, sich vielleicht gegen ihre eigene Überzeugung in eine Regierungs- oder Rebellenarmee rekrutieren zu lassen. Nur Lebensmittel zu liefern und Gesundheitsversorgung zu leisten, um dann wieder zu gehen, lässt einen wichtigen Teil der eigentlichen Arbeit unangetastet. Die Kernaufgabe sollte darin liegen, eine alternative Überlebensmöglichkeit anzubieten. Der Sudan ist hier vielleicht kein geeignetes Beispiel, aber Länder wie der Kongo oder Haiti sind es auf jeden Fall. In solchen Gegenden, in denen es kaum noch eine staatliche Autorität gibt, haben die Leute den Glauben aufgegeben, dass ihre eigenen Führer etwas für sie tun. Die Menschen sollten dann nicht in der Situation gelassen werden, in solchen Situationen um jeden Preis eine Zukunft für sich selbst organisieren zu müssen. Es ist wichtig für deutsche Hilfsorganisationen, die in einem Kriegsgebiet tätig sind, auch mit ihren eigenen Finanzmitteln Perspektiven anzubieten und Dinge zu fördern, die den Leuten bessere Möglichkeiten bieten. Es ist also zu entscheiden, welche Projekte zu unterstützen sind, um andere destabilisierende Alternativen weniger attraktiv zu machen. Ich denke, es ist im Bewusstsein vieler Helfer noch nicht angekommen, dass ihre Präsenz bereits Fakten schafft, welche die soziale Situation und die sozialen Relationen vor Ort verändern. Die Konsequenzen der eigenen Präsenz müssen viel stärker berücksichtigt werden.

S.B.: Terrorismus und Waffenschmuggel in Afrika sind immer mehr ins Blickfeld gerückt. Um den internationalen Terror zu bekämpfen, werden seit dem 11. September sonst wo auf der Welt zum Beispiel auch assets beschlagnahmt. Es gibt also ökonomische Regulierungsmöglichkeiten, wo der politische Wille vorhanden ist. Sollte man nicht Ähnliches in Afrika verlangen?

D.J.: Ja, aber es gibt da ein wichtiges Problem beim Komplex der Terrorbekämpfung in Afrika. Es wird meistens davon ausgegangen, dass Terroristen und das organisierte Verbrechen sich aus Rohstoff- und Waffenhandel finanzieren. Deswegen wird der Schluss gezogen, dass die ganze informelle Wirtschaft keine Regeln kennt und Steuererhebung unmöglich macht, unterbunden und verboten werden muss. Es gilt, diese Märkte zu verbieten und die Leute dazu zu zwingen, in staatlich geordneten Bahnen ihre Geschäfte zu machen. Das widerspricht aber der Art, wie die meisten Leute in afrikanischen Gesellschaften überhaupt ihre Wirtschaft und ihre Geschäfte organisieren. Dieser informelle Sektor ist für viele Afrikaner die Lebensgrundlage. Die Leute wollen ja nicht noch mehr Erlaubnisse vom Staat und von Behörden einholen müssen, da das Risiko, an eine willkürliche oder korrupte Bürokratie zu geraten, ihnen allzu bewusst ist. Die Menschen möchten ihre Geschäfte so ausführen können, wie sie es für richtig halten. Es besteht eine große Gefahr darin, dass von internationaler Seite die informelle Wirtschaft insgesamt kriminalisiert wird und nur noch die formelle, legale, staatlich kontrollierte Wirtschaft als legitim anerkannt wird. Solange in vielen afrikanischen Staaten noch staatliche Willkür eine große Rolle spielt, kann das nicht der richtige Weg sein, da eine solche Regulierung ein Mehr an Rechtsunsicherheit mit sich bringen würde. Terrorismusbekämpfung sollte nicht mit dem Ausbau staatlicher Gewalt gleichgesetzt oder gar verwechselt werden.

N. G.-H.: +S.B.: Abschließend noch eine eher ungewöhnliche Frage, die für gewöhnlich anders herum gestellt wird: In welchen Bereichen können Europäer sich ein Vorbild an Afrika nehmen?

D.J.: Ich denke, im Selbstvertrauen der Menschen. Dass man Probleme auch regeln kann, wenn man selber, auf einer individuellen Ebene, darüber nachdenkt

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Zuletzt aktualisiert: 2004-11-26 15:22