Massenkundgebungen gegen Morde und Überfälle in ganz Guatemala

“Alles für das Leben und den Frieden”!

So überschrieben Tausende von Guatemaltekinnen und Guatemalteken ihre Kundgebung am 13. August 2004 im Totonicapán in Guatemala. Unter dem energischen Motto „Ya basta!“ (zu deutsch: Es reicht!) gehen seit einigen Monaten und vermehrt in den letzten Wochen, Menschenmassen in verschiedensten Orten des mittelamerikanischen Landes südlich von Mexiko auf die Straße. Von Martina Roth.

Was den Friedensprozess angeht sind die Menschen erschüttert aber auch aufmerksamer geworden. Sie sind alarmiert durch die unzähligen Versprechungen, die eifrig gemacht doch nie in die Tat umgesetzt wurden. Ja, da tut sich was auch bei den indigenen Maya, denjenigen, die wir oft vorschnell mit dem Schimpfwort „indios“ betiteln. Auch sie sind unter den Demonstranten, obwohl sie mit ihren fast 60% Bevölkerungsanteil meist hinter den Ladinos außen vor bleiben; gerade bei solchen Großaktionen. Die Kluft zwischen Mayabevölkerung und Ladinos, das heißt der Bevölkerung mit zumindest teilweise spanischen Vorfahren, ist zwar noch immer, auch nach der Unterzeichnung der Friedensabkommen im Dezember 1996, unübersehbar groß, doch bei den derzeitigen Manifestationen tun sie sich zusammen, verfolgen ein gemeinsames Ziel: die Minimierung der Gewalt auf der Straße, in den Familien, am Arbeitsplatz, der strukturellen Gewalt gegenüber der indigenen Bevölkerung, etc.

Nie mehr Blutstropfen!

Die landesweiten, wohl meist gelesenen Zeitungen, der Diario und die Prensa Libre, berichten in diesen Tagen nur allzu oft auf den Titelseiten ihrer Ausgaben von den Bewegungen gegen das unerträglich und bedrückend hohe Niveau von Gewalt und argumentieren für den Frieden. „Keine Blutstropfen mehr!“ (span. „No más gotas de sangre ») drückt sich ein Demonstrant im Departamento San Marcos aus. Ein anderer: „Eine bessere Sicherheitspolitik ist dringend notwendig“ (span. „Urgen políticas de seguridad“). Viele GuatemaltekInnen sind müde - gezeichnet vom Bürgerkrieg, von der anhaltenden Gewalt auf den Straßen. Nicht zu vergessen die innerhäusliche Gewalt, die durch Arbeitslosigkeit und daraus häufig resultierendem Alkoholismus ausgelöst wird.

Freundliche Jungs mit Macheten

Ich kenne die Straße zwischen San Juan La Laguna und Santiago Atitlán sehr genau. Einige Male bin ich mit einem geliehenen Fahrrad von San Juan La Laguna aus, dem Ort, in dem ich einen Monat land am See von Atitlán wohnte, um meine anthropologische Feldstudie durchzuführen, ins nächste Dorf gefahren, um nicht warten zu müssen, bis der Pick-Up so voll mit Menschen ist, dass die Fahrt für einen Quetzal (=10 Ct.) ins Nachbardorf beginnen kann. Der Blick von der sich am See von Atitlán entlang windenden Straße ist atemberaubend schön. Man sieht auf drei Vulkane, die es einmal zu beklimmen gilt, ein Meer von Maisfeldern und ein paar verschwindend kleine Boote, mit denen man, als Alternative zur Bus- bzw. Pick-Up-Fahrt, zu einigen der zwölf Orte am Seeufer gelangen kann. Der See wurde und wird von vielen Touristen immer wieder als einer der schönsten Seen der Welt bezeichnet. Doch an der Straße am Ufer - dieses vielleicht schönsten Sees der Erde - finden nur allzu oft weniger angenehme Überfälle statt. So warnte man mich dann auch indirekt mit Entsetzen davor, noch einmal mit dem Rad dort entlang zu fahren, was ich zuvor häufiger getan hatte: „Und Sie wurden nicht überfallen?“ Ich habe durchweg positive Erfahrungen mit Leuten auf dieser Strecke gemacht: Männer und Jungs mit Macheten, die mich freundlich grüßten, mit Holz oder Heu schwer Beladene oder Kinder, die mich wegen meines Ausländerseins verschämt, aber gleichzeitig verschmitzt grinsend ansahen und „Adiós“ riefen. (Anm.: Adiós in dieser Region wird synonym verwendet für Hola (=Hallo)).

Doch zurück vom Stöckchen aufs Hölzchen. Die Straße ist nur eines von unzähligen Beispielen für einen Polizei- bzw. Sicherheitsapparat, der nicht funktioniert. Sich häufende Morde und Überfälle haben dann auch die längst fällige „Aufsässigkeit“ der Menschen provoziert. Ganze Schulen haben Märsche organisiert, Menschen sind mit gebastelten weißen Friedenstauben aus Papier auf die Straße gegangen; und das taten sie nicht nur in der Hauptstadt oder einigen wenigen großen Städten, sondern in Cobán, der Hauptstadt der Alta Verapaz im nördlichen Teil des Hochlandes, wie in Escuintla an der Südküste (Atlantik). Insbesondere die Frauen sprechen diese Nachricht in diesen Monaten besonders deutlich und mit Nachdruck aus. Jeden Tag stirbt eine guatemaltekische Frau infolge eines Gewaltmordes - mit steigender Tendenz, wie mir Roberto, ein Freund aus einem Dorf nahe Cobán vor ein paar Tagen telefonisch berichtete.

Die Demonstranten halten Schilder in die Höhe - nur allzu oft tragen diese die Namen ihrer Töchter, Mütter, Schwestern, Cousinen. „Nancy 1.2.2002“, „Marisabel 17.12.2001“, … Flavio Alberto Contreras, dessen Mutter ermordet wurde, trägt ein Schild mit dem Bild seiner Mutter. Darunter steht mit Hand geschrieben: „Mamita, te extrañamos“ (zu deutsch: „Mami, wir vermissen Dich!“). Sie verkaufte die Tageszeitung. Am 30. April dieses Jahres wurde sie erschossen, als sie sich bei einem Überfall weigerte, ihr Tageseinkommen heraus zu geben.

Der Grund der Aufruhr unter der Bevölkerung sind nicht allein diese Gräueltaten, die an teils traumatische Bürgerkriegserfahrungen erinnern, sondern der lasche Umgang der Justiz mit den Tätern. In den seltensten Fällen werden die Täter gefasst.

Es fehlt eine Justiz, die fair durchgreift

Francisco, ein Agraringenieur, der bei einer guatemaltekischen Organisation arbeitet, die Projektarbeit mit der indigenen Landbevölkerung realisiert, ist, enttäuscht von der Justiz seines Landes, Die Bestrafung bei Geschwindigkeitsübertretung oder nicht mitgeführten Papieren würde, höher an- bzw. umgesetzt als die „wirklicher Straftäter“. Diese würden mangels stichhaltiger Beweise freigelassen, erst gar nicht gefangen oder würden sich mit einer Geldsumme wieder freikaufen. Letztere zu zahlen wäre ein indigener Landwirt beispielsweise gar nicht in der Lage. Die Korruption und Vetternwirtschaft im Land kommt hier wie ein Schlag ins Gesicht zum Ausdruck. Die Menschen fühlen sich betrogen und im Stich gelassen - und sie haben Angst. Der Ende letzten Jahres neu gewählte Präsident Oscar Berger, der, so wird erzählt, deutscher Abstammung ist, macht es auch nicht besser - bisher. Doch sie wollen ihm eine Chance geben. Die hat er in genau diesem Augenblick. Und dennoch wird wohl im Vierjahresrhythmus ein neuer, anderer, weißer Kandidat zum Präsidenten gewählt werden, auf dessen Schultern die Hoffnung der gesamten Bevölkerung lastet. Im Falle der derzeitigen Kundgebungen sind ebenso „nationale Köpfe“ mit enormem Bekanntheitsgrad mit eingeschlossen. Dazu zählen Menschenrechtler oder Kardinal Rodolfo Quezada Toruño. Über der Bewegung steht das Leitwort eines „neuen, anderen Friedens“, der nur gemeinsam zu schaffen sei. Unisoni drückten sie ihre Hoffnung immer und immer wieder aus: „Wir wollen in Harmonie und Ruhe leben und das bedeutet, Abschied zu nehmen vom Alptraum alltäglicher Gewalt!“

Die Menschen sprechen über das Geschehene, richten sich offen gegen Gewalt und Ungerechtigkeit. Das bedeutet viel, sehr viel, nach einer langen Zeit des Schweigens und der Unterdrückung, besonders seitens der Frauen.

Bleibt zu hoffen, dass die einzelnen „Parteien“, die eigentlich eine einzige große bilden sollten im Bezug auf diese Problematik, die Sprache des Anderen verstehen.

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Zuletzt aktualisiert: 2004-11-26 15:17