Die BA/MA-Studiengänge - über Einblicke und den fehlenden Durchblick

Kollateralschäden erwünscht

Ein Hauch von Veränderung liegt in der Luft. Auf „Bachelor“ und „Master“ stehen die Zeichen der Zeit. So dachten es sich auch die ProfessorInnen der Politikwissenschaft und verfolgten daraufhin die Strategie, schnellstmöglich Bachelor- und Masterstudiengänge einzurichten, um möglichst viel Handlungsspielraum in der Ausgestaltung zu haben. Weise überlegt nennen es die Einen, die Anderen eine Kapitulation ohne jemals gekämpft zu haben.Ein Kommentar von Marc Kappler.

Konsequenzen kaum bedacht

Doch wie groß ist die Weitsicht bei den ProfessorInnen? Ein grundlegendes Element ist die Modularisierung des Studienganges. Errichtet wurden Module zu unterschiedlichen Themenfeldern, die jeweils ein ganzes Veranstaltungspaket umfassen meistens Vorlesung mit Proseminar und ggf. eine Übung. Die allermeisten ProfessorInnen haben einer Auflage für die Studierenden zugestimmt, dass die Module in ihrem Themenbereich innerhalb eines Semesters absolviert werden müssen. In einer späteren Direktoriumssitzung war der Aufschrei groß, als sie realisierten, dass dies schließlich für sie bedeutet, alle Komponenten des Veranstaltungspaketes ebenfalls in einem Semester anbieten zu müssen.

Anhand solcher Vorkommnisse komme ich zu der These, dass von einigen vor Ort Beteiligten zwar kräftig für die neuen Studiengänge und die Umstrukturierung geworben wird bzw. sie schnellstmöglich umgesetzt werden, jedoch ohne einen Blick dafür, wo das Schiff hinsteuern wird und welche Konsequenzen damit für die Studierenden, die Lehrenden, die Lehrinhalte und das Klima an der Uni einher gehen werden.

Womit nicht gesagt werden soll, dass niemand Interesse an einer solchen Veränderung des Hochschulsystems hat. Ganz im Gegenteil. Die Umstrukturierungen sind Folge des sogenannten Bologna-Prozesses, dessen Ziel die Schaffung eines europäischen Hochschulraums ist, der die „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ und die „globale Attraktivität“ verbessern soll. Ein eingerichteter Akkreditierungsrat mit seinen Akkreditierungsagenturen, die neben WissenschaftlerInnen mit Personen aus der Wirtschaft, Berufs- und Fachverbänden besetzt sind, tragen ihren Teil zur inhaltlichen Umgestaltung bei: Die möglichst enge Ausrichtung an marktwirtschaftliche Kriterien.

Starker Selektionsprozess

Die Einführung des Modulsystems und der ECTS-Leistungspunkte sind an sich noch nicht die gravierenden Verschärfungen der Studiengänge. Folgenschwere Veränderungen ergeben sich in der konkreten Ausgestaltung. Geplante oder schon in Kraft getretene Regelungen sehen beispielsweise eine Benotung aller Studienleistungen vor. Die Master-Studienabläufe sind weitestgehend vordefiniert. Es existiert keine echte Auswahl beim Studienangebot, wie bisher beim Diplomstudiengang. Hier kommt eine weitere Leitlinie der Umstrukturierung zum Tragen - die Berufsfeldorientierung. Das meint, dass die Lehrangebote und die Lernziele auf bestimmte Berufsgruppen, die mittels AbsolventInnenbefragung ermittelt wurden, zugeschnitten werden sollen. So bestimmen die Anforderungsprofile der Wirtschaft an ihre zukünftigen Angestellten, wie und was studiert werden kann.

Die Einführung gestufter Studiengänge ermöglicht beiläufig so manche grundlegende Veränderung. So sollen verbindliche Vorgaben der Studiendauer eingeführt werden, die nur noch eine Wahl zwischen einem Ba/Ma-Verhältnis von 3 Jahre/2 Jahre und 4 Jahre/1 Jahr offen lässt. Noch gravierender ist der Selektionsprozess, der durch die Zweigliederung einher geht. Nicht allen wird ein Masterstudium nach dem Bachelor offen stehen. Neben einem verschärften Leistungs- und Prüfungsdruck selektiert auch eine ganz offizielle Zulassungsbeschränkung die Studierenden aus. Ebenfalls ist die Chance zur Durchsetzung genereller Studiengebühren über eine mögliche Teileinführung für den Masterstudiengang erneut gestiegen.

Individualismus statt Teamarbeit

Aber das wohl Gravierendste sind die "grades", die auf die Abschlussnote vergeben werden sollen. Von A bis E reichen sie und - jetzt kommt das Entscheidende - sie sollen nach festen Prozentsätzen vergeben werden. 10% A-grades, 25% B-grades, usw. Das heißt in Zukunft, dass immer die 10% Besten die Note A bekommen, die Anderen verteilen sich immer nach dem selben Hierarchieschlüssel auf die restlichen „grades“. So auch, wenn die Allermeisten im 1,x Bereich liegen. Das soll Transparenz bringen. Faktisch ist es jedoch eine Selektion, damit man von jeder Uni die 10% Besten sofort im Blick hat und dass es auch immer nur 10% sein werden.

Am Fatalsten werden wohl die Auswirkungen auf die Studierenden sein. Wie werden sie wohl auf diese Bedingungen reagieren? Anzunehmen ist, dass es einen unerbittlichen Konkurrenzkampf geben wird. Jede/r wird sich fünfmal überlegen, ob sie/er die Anderen an ihrem/seinem Wissen teil haben lässt, sie könnten ja besser werden und einen selber abstufen.

Es wird eine geschlossene Höhle mit nicht ausreichend Nahrung geschaffen, in die die Studierenden hinein gesetzt werden und nur durch Verluste Anderer zu erstrebtem Abschluss kommen können, da hilft auch die „Schlüsselkompetenz“ „Teamgeist“ nicht mehr viel. Ein solcher Teamgeist kann dann nur noch einen Schleier vor die wahren Verhältnisse legen, aufgrund dessen vielleicht die Studierenden, trotz Selektionsverfahren, nicht wie Tiere aufeinander losgehen. Falls sich das Klima an der Universität dennoch wandelt und es spürbar wird, wie hart ein Leben in einer Ellenbogengesellschaft sein kann, dann wird das wohl nur wieder auf die Menschen selbst zurück geführt werden. Zur Kooperation sei das menschliche Wesen ja offensichtlich nicht fähig.

... so blieb auf Ewigzeiten "homo homini lupus - der Mensch ist des Menschen Wolf", und alle vergaßen die Ursachen.

Literatur: Andreas Keller: Von Bologna nach Berlin, in: Blätter für deutsche und internationale Politk, 9/2003.

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Zuletzt aktualisiert: 2004-11-26 15:04