Buchhandlung Roter Stern feiert 35-jähriges Jubiläum

Kollektive Entscheidungen

Mitten in der studentischen Protest-bewegung 1969 als „fliegender Büchertisch“ gegründet, hat die Buchhandlung Roter Stern am Grün nach 35 Jahren Bestehen heute elf Mitarbeiter und Mitinhaber. Wir nutzten das diesjährige Jubiläum zu einem Gespräch über die Besonderheiten der Unternehmensform und ihre Daseinsberechtigung in heutiger Zeit sowie die Lage am Buchmarkt und die Zukunfts-aussichten. Im Gespräch der langjährige Mitarbeiter und Miteigentümer Ulrich Hogh-Janovsky, seit 1979 im Unternehmen.

Gemeinsames Eigentum

Just in das Jahr 1979 fällt eine der richtungweisenden Entscheidungen für die Zukunft der Buchhandlung: „Wir bekamen die Möglichkeit, das Haus am Grün zu kaufen. Nach langen und kontroversen Diskussionen entschieden wir uns, diesen Schritt zu gehen und es war eine gute Entscheidung.“ Sie versetzte die Inhaber der Roter Stern GmbH in die Lage, als Inhaber einer Immobilie Kreditwürdigkeit zu erlangen und von den Banken nicht länger als ‚langhaarige Protestierer in Jeans' abgelehnt zu werden. Obwohl Roter Stern heute rechtlich als eine GmbH agiert, wurden Ende der 80er Jahre alle Anteile des Geschäfts an den Verein Extremes Lesen e.V. übertragen. Dessen Mitglieder sind ausschließlich die Mitarbeiter bzw. Miteigner des Roter Stern. „Auf diese Weise sind alle Anteile gesichert und können nicht von Einzelnen aus dem Unternehmen herausgenommen werden“, erläutert Hogh-Janovsky, der für die Belieferung der Rechnungskunden und die Außenkontakte zuständig zeichnet. Die Kapitalseite werde also kollektiv verwaltet, das Geschäft habe einen kollektiven Eigentümer.

Ein Stück demokratischer Sozialismus

Alle wichtigen Grundsatzfragen, zum Beispiel im Personalbereich, werden einstimmig beschlossen, alle anderen Entscheidungen im Tagesgeschäft werden nach dem Mehrheitsprinzip getroffen. Alle Mitarbeiter sind Eigentümer, sie müssen bei Eintritt aber kein Kapital mit einbringen. „Die Vorteile dieser Unternehmensform sind vielfältig, vor allem ist die Loyalität der Mitarbeiter dem Betrieb gegenüber sehr groß, da kein Chef da ist, der einzelne zu etwas zwingen kann. Wir sind unsere eigenen Chefs“, betont Hogh-Janovsky. Ganz hoch geschrieben werde die Flexibilität, denn schon Anfang der 80-er Jahre führten die Inhaber die 4-Tage-Woche als volle Stelle ein. „Wenn jemand Kinder zu erziehen hat - ich selbst habe drei Kinder -, so regeln wir die Arbeitszeiten sehr flexibel, arbeiten beispielsweise zwei oder drei Tage, und holen die Zeit zu einem späteren Zeitpunkt nach. Die Arbeit soll sich nach den Menschen richten, nicht umgekehrt“, zeigt sich H.-J. überzeugt. Auch bekommen bei prinzipiell gleichem Lohn Mitarbeiter mit Kindern pro Kind einen finanziellen Bonus. Der Gewinn werde grundsätzlich in den Betrieb reinvestiert, es gäbe keine Gewinnausschüttungen, höchstens ein 13tes Monatsgehalt als Weihnachtsgeld, dieses sei jedoch immer abhängig vom Ergebnis. In schlechten Zeiten müssten die Mitarbeiter zu gleichen Teilen auf Einkünfte verzichten. Die Nachteile der Unternehmensform lägen in den manchmal ausufernden und zu langen Diskussionsprozessen, wenn eine schnelle Entscheidung anstünde. So habe es Anfang der 90er Jahre einen langwierigen Konflikt über die Lohnhöhe und ihre mögliche Finanzierung über Kredite gegeben.

Bewegte Geschichte

1968/69/70 kam es zu verstärkten Gründungen linker Verlage, einer davon war Roter Stern in Marburg. Von 1969 bis 1972 wurde Literatur von Marx, Engels, Mao oder auch Freuds Psychoanalyse zunächst am Schuhmarkt in der Oberstadt verkauft, bevor der Laden unter der Federführung seines Gründers Christian Boblenz in das Haus am Grün zog. 1975 wurde der Gründer aus dem Betrieb gedrängt. „Die Mitarbeiter forderten Mitbestimmung, Boblenz war aber ein Autokrat, das vertrug sich nicht“, erläutert Hogh-Janovsky. Boblenz ging nach Freiburg und gründete dort den Jos Fritz Verlag. Seit 1975 sei bei Roter Stern also der Kollektivgedanke bestimmend und Ende der 80er Jahre habe sich mit der Vereinsgründung die Institutionalisierung der Grundidee vollzogen. 1980 wurde das Cafe direkt neben der Buchhandlung als eigenständiges Unternehmen gegründet, „seitdem ist die Tür zwischen Cafe und Buchladen offen“. 1984 wurde das Moderne Antiquariat gegründet und 1997 kam die Kinderbuchabteilung „Lesezeichen“ dazu. Eine weitere Expansion sei zurzeit jedoch nicht geplant.

Veränderte Schwerpunkte

Die ursprüngliche Intention der Buchhandlung sei die Verbreitung linksgerichteter Literatur gewesen, heute bilde dieser Gedanke jedoch nur einen Eckpunkt im Sortiment. „Wir haben mittlerweile unser Angebot stark ausgedehnt und wollen eine anspruchsvolle Buchhandlung sein, mit wissenschaftlicher Literatur, aber auch guter Belletristik“, betont der Mitinhaber. Im Moment gehe es der Buchbranche insgesamt nicht besonders gut, es herrsche allgemeine Kaufzurückhaltung. „Die ganze Sache verlangt uns allen, auch in heutiger Zeit, eine ganze Portion Idealismus ab“ , resümiert Hogh-Janovsky.

Noch in diesem Jahr soll eine Festschrift erscheinen, in der die Geschichte des Roter Stern dargestellt wird. Im November soll ein großes Fest stattfinden, jedoch sind bereits über das Jahr verteilt sehr viele Lesungen und Literaturgespräche geplant.

Das Interview führte Jan Opielka

Mehr dazu:

Kommentar von Jan Opielka

Buchhandlung Roter Stern im Internet

Druckversion zum Seitenanfang


Zuletzt aktualisiert: 2004-07-14 1:00