Magical Photographie

PASSIONI DI ALICE

Marburg hat kein Rotlichtviertel, keine roten Ampeln, nicht einmal eine Alice im photographischen Wunderland, die nämliche Alice Springs. Was sich rasch ändern könnte. Zumal blassblaue Frauenhandschrift auf schlichtem Büttenpapier an die Photographin unterwegs sei. Andererseits der am Puls der Zeit jettende Kulturamtsleiter Richard Laufner hurtig für die nötige Weichenstellung sorgen soll. Soweit die Vox Populi.

Mrs. Newton schnodderig bestimmend: „Mädels, rafft die Röcke!“ So is die druff und det is jut so. Bei einer Photosession, wo sonst. Schnieke & propere Habil- Miezen mit Pelz & Klunkern auf klassisch East coast gestylt, vollführen die kühnsten Verrenkungen für eine gelungene Photographie. Demnächst an der Augustinertreppe mit der Lokalität Filou als Basislager? Ihr Oller ist ja nicht besser. Beispiel gefällig? Da wird der Modeschöpfer Wolfgang Joop, noch zu West-Berliner Zeiten, scherzhaft angepflaumt: „Ja und jetzt scher dich mal zwischen die Models.“ Helmut Newton, als Provokateur mit Stil, ein Propagandaphotograph wie er sich selbstironisch nannte, „a gun for hire“. In seltenen Momenten kann man sie beobachten als photographische „Auftragsmörderin“. „Ich schufte derzeit wie eine Hafennutte“, klagte die Gute seinerzeit, „aber okay: ich kann mich austoben und krieg´ eine Menge Moneten dafür“. Im übrigen geht die Anschaffe munter weiter. Beinahe schon legendär sind ihr Charme, ihr zubeißender Humor und ihre fast übertriebene Disziplin. Die Balance zwischen Kunstmythos & Lockerheit, der intuitiven Herangehensweise machen den eigentlichen Reiz ihrer Photographien aus.

Alice Springs spielte mal wieder Einzelschicksal, indem sie mit Helmut Newton ihre Nummer abzog. Die ein Weilchen dauern sollte, bis der Photograph diesjährig im Jänner in die Urne sauste. Ihre heitere Gelassenheit führt zu einer fast erhabenen Erotik bei Bildnissen wie diesem: Eine Modeaufnahme aus dem Jahre 1971, die längst Photogeschichte gemacht hat. Ein Model mit hochgezogenem Mini blickt offensiv ihrer Verfolgerin mit der Kamera en face. Seinem Voyeurismus überführt wird der Betrachter. Ein Effekt der unweigerlich dazu zwingt, sich der eigenen Schaulust zu stellen. Dieser Schwäche von uns allen hat June Newton ihren herrlichen Photoband gewidmet, der schlicht benannt wurde mit „Mrs. Newton“. Zusammengestellt aus den Erinnerungen ihres Lebens. Mit Aphorismen die von der Lust der Verwandlung erzählen oder Geschichten in denen uns ein Kater namens Cecil Beaton begegnet. Der dem Paar 1948 auf einer Schiffsreise an Bord eines Überseedampfers zulief. Kein Zufall, da die Photographin ein katzenähnliches Wesen ist, dito der Herr Gemahl. In einem wunderbaren Farbportrait von ihr in der Rolle von Oscar Wilde „Salome“ aus dem Jahre 1951 zu sehen. Zu der Zeit ein Bühnenstar wurde sie so ein Model ihres späteren Mannes. Beider Liebes-& Arbeitsreigen begann im Jahre 1947. In wechselseitigen Aufnahmen und Portraits von Freunden dokumentiert in „Us and them“.

„Ich knipse, bis ich umfalle“, hat sie mal in einem Interview gesagt, nicht pompös, eher beiläufig, fast wegwerfend. „Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen“ (Theodor Adorno). Das haben June & Helmut Newton auf´s Vortrefflichste geschafft.

von Lilo Lenuschka

 

June Newton, A.B.A. Alice Springs: „Mrs. Newton”, Taschen, Köln, 2004, 258 Seiten, 29,99 Euro.

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Zuletzt aktualisiert: 2004-07-14 0:47