Erfahrungen als deutsche Ausländerin

„Wenn man im Ausland lebt, repräsentiert man gleichzeitig immer auch sein Heimatland.“

Eine banale Zeile, aus irgendeiner Zeitschrift aufgeschnappt. Doch während meiner neun Monate im Studienaustausch habe ich wohl keinen Tag in England verbracht, ohne diesen Satz widerlegen zu wollen. Ich habe mich nicht rational dafür entschlossen, mich gegen meine Herkunft zu sträuben. Mich selbst langfristig als Ausländerin zu erleben hatte jedoch eben diese Konsequenz.

Reaktionen

Jeder erkennt sofort, dass ich Englisch mit einem Akzent spreche. Von hundert Fragen nach meinem Herkunftsland habe ich vielleicht dreimal mit „Deutschland“ und die restlichen male immer mit „Europa“ geantwortet. Dann lasse ich mein Gegenüber gerne raten. Über Ergebnisse wie Irland, Norwegen und Russland freue ich mich wirklich. Am liebsten hätte ich gern etwas schickes gesagt wie Frankreich oder etwas außergewöhnliches wie Griechenland. Auch das mögen Vorurteile sein, aber Deutschsein kam mir immer tragisch langweilig vor. Letztendlich ist mir schnell klar geworden, dass ich mich auch innerlich weit von meiner „Heimat“ entfernt habe. Bis auf meine Vergangenheit bindet mich schließlich wenig. Ich vermisste Freunde und Buttermilch und sonst?

Andere Deutsche

Natürlich habe ich auch deutsche Freunde in England und manchmal tut es sehr gut, ganz schnell und fehlerfrei reden zu können und zu wissen, dass das Umfeld nichts davon versteht. Aber als Deutsche (oder sogar als Touristin) möchte ich nicht angesehen und definiert werden.

Egal wohin ich fahre, Besuch von daheim treffe ich überall. In der Londoner U-Bahn Studentinnen auf einem Shopping-Trip, im Hotel die Münchnerin („Ja, Schatzerl, dann um acht.“) und in jedem Museum die scheinbar gleiche kreischend-schupsende Schulklasse. Ich verdrehe nur die Augen: „Uh, Germans!“ Wollte ich nicht genau davon mal für eine kurze Zeit wegkommen? Natürlich sind Engländer auch keine Helden, aber im Vergleich beschwere ich mich immer schneller über die „eigenen“ Leute.

Einzelfälle

Einmal habe ich einen Jungen auf einer Party auf Deutsch zugequatscht, weil jemand meinte, er sei aus Berlin. Nach einer viertel Stunde sagt er mir dann auf Englisch, er sei Finne und könne mich nicht verstehen. Ich habe mich entschuldigt, er fand es lustig, aber ich hatte irgendwie das Gefühl, ihn beleidigt zu haben.

Ein junges Mädchen in meinem Sportkurs klang auch ausländisch, daher frage ich sie vorsichtig, ob sie aus Frankreich kommt. Sie sieht mich entsetzt an. Nein, sie kommt aus München! Sie ist ziemlich stolz darauf, aber ich sehe nicht ein, wie sie sich wegen so was beleidigt fühlen kann.

Wieder zurück

Und nun spricht wieder jeder Deutsch und ich verliere mein Englisch mit jedem Tag. Meine Freunde sind schon überstrapaziert mit meinen ewigen Vergleichen „In England macht man ...“, „Dort ist das so ... .“ Von Deutschland habe ich in den letzten Monaten nicht so viel erzählt. Bis eben auf meine eigene Geschichte und die hätte so in vielen Ländern stattfinden können. Ob ich wieder hier bin oder nicht, sollte vielleicht einen größeren Unterschied machen. Nur wie? Die berühmten „1000 Gründe“ fallen mir tatsächlich nicht ein.

Im Bezug auf meinen Anti-Leitsatz frage ich mich schließlich: Wenn ich Deutschland repräsentiert habe, indem ich mich vor jeder Repräsentation geflüchtet habe, was genau sagt das dann aus?

von Mirjam Miethe

Druckversion zum Seitenanfang


Zuletzt aktualisiert: 2004-07-14 0:30