Südafrika: Zwischen Patchwork und Regenbogennation

Die Regenbogennation

(Fortsetzung aus Ausgabe 02/04)

Um sich vor der Kriminalität zu schützen, haben sich die Wohlhabenden in sogenannten gated-communities, hinter wohlbewachten (1), mit hohen Wänden und stromgeladenen Stacheldrahtzäunen umgarnten Paradiesen niedergelassen. Hier leben hauptsächlich Weiße, vereinzelt aber zunehmend auch Schwarze, Farbige oder Indische Familien. Vor zehn Jahren ein Ding der Unmöglichkeit. Fast jedes Haus in diesen Wohlstandsinseln hat ein eigenes Schwimmbad und eine nach Europa gerichtete Satellitenschüssel. So lässt es sich sehr wohl leben in Südafrika. Derart abgeschottet riskiert man kaum etwas. Den Dieben, so raffiniert ihre Methoden mittlerweile auch sein mögen, sind die mit Einbrüchen in diese Gegenden verbundenen Risiken zu hoch. So lässt sich unter anderem auch erklären, weshalb die Gewaltkriminalität sich überwiegend innerhalb der armen Schichten der Townships anstaut und abspielt.

Hier und dort erblickt man an einer Kreuzung aber auch einen zerzausten obdachlosen Weißen. Was heute noch ein per se befremdender Anblick in Afrika sein mag, war hier vor zehn Jahren ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit. Auf den ersten Blick scheint es, als seien Wohlstand und Armut der Macht gleich demokratisch umverteilt worden. Bei genauem Hinsehen und Hinhören erfährt man jedoch schnell, dass die hautfarbenbedingte Ungleichheit im Empfinden aller Bürger weitgehend gleichgeblieben ist. Um einen Garten von etwa 75 m² zu bearbeiten, tanzen nicht weniger als fünf Mann im Alter von 25 bis 35 in Reih und Glied mit Rasenmäher, Heckenschere, Rächen und Laubsaugmaschine durch das Tor. Allesamt Schwarze. Hinterher stapft lässig mit Pickup-Schlüssel in der einen und Mobiltelefon in der anderen Hand ein Weißer, dessen Funktion in dieser Mannschaft offensichtlich die angenehmste zu sein scheint: Das stilvolle Betreten und Verlassen des von seinen Angestellten zu mähenden Rasens. Nachdem sich solche Erlebnisse (2), in denen mehrere Individuen eine Arbeit verrichten, die andernorts von einzelnen Menschen gemeistert wird, häufen, schleicht sich unvermeidlich der Verdacht ein, dass die Löhne sehr niedrig sein müssen und das Schwarze bei der Umverteilung des erwirtschafteten Geldes in dieser Nation nach wie vor eher hinten anstehen müssen.

Wirtschaftliche Diskrepanzen

“Wann hast Du schon mal einen schwarzen Streifen in einem Regenbogen gesehen? Wir sind jetzt vielleicht frei, aber noch lange nicht gleich!“ Die ältere Dame blickt mich herausfordernd an, als sie auf meine Frage, was sie denn von der Regenbogennation halte, antwortet. Wie viele andere Südafrikaner macht auch sie keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung. Aus den bereits erwähnten historischen Gründen sind mindestens 75% der Produktionsmittel im Besitz der weißen Bevölkerungsminderheit, während höchstens 25% des produktiven Kapitals sich in „nicht weißem“ Eigentum befindet. Noch deut-licher wird dieses Ungleichgewicht bei näherer Betrachtung der Arbeitsverhältnisse. Offizielle Quellen spre-chen von 37% Arbeits-losigkeit in der erwerbs-tätigen Bevölkerung. Schwarzafrikaner lägen mit 41% über dem Durchschnitt, Farbige bei 23%, Asiaten bei 17%, und Weiße bei 6%. (3)

Seit 1994 sind über 500 000 Arbeitsplätze verlorengegangen. Der südafrikanischen Wirtschaft fehlen schätzungsweise 200 000 ausgebildete, spezialisierte Fachkräfte. Hauptschuld an diesem Zustand tragen zweifellos die Bildungsprogramme der Apartheid, die die Massen Jahrzehnte lang vorsätzlich in die Ignoranz verdammten. Zwei weitere gewichtige Gründe für die sich weitende Schere zwischen Arm und Reich sind:

  • das Damoklesschwert der Kapitalflucht, welches die ANC-Regierung bereits in der letzten Legislaturperiode zu einem harten neoliberalen Wirtschaftsstil aus Deregulierungs-, Privatisierungs- und Börsendotierungsmaßnahmen zwang und
  • die verdrängte, aber unbesiegte HIV-Epidemie, die bereits heute das Schicksal von fünf Millionen (11%) Südafrikanern besiegelt. Trocken und bestürzt konstatieren Unternehmer, dass ihnen ihr Faktor Arbeit und damit das ohnehin rare Know-how einfach wegsterbe.

Südafrika eine erfolgreiche Demokratie?

Gegenüber all diesen negativen Fakten stehen die Erfolge und Versprechen der neuen alten Regierung. Um die Menschen aus den Slums zu holen, hat die Regierung den Bau von 1,46 Millionen Häusern (4) unternommen, den Anschluss von 3,8 Millionen Haushalten an das Stromnetz ermöglicht und 8,4 Millionen Menschen den Zugang zu Wasser verschafft. Eine Million Jobs will der ANC in den kommenden fünf Jahren schaffen. Doch unter den Südafrikanern herrscht nach den dritten demokratischen Wahlen am Kap kaum mehr Euphorie, wenngleich die Staatsorganisation wunderbar zu funktionieren scheint: Der gemeinsame Volksgeist lässt noch auf sich warten. Der Ruf nach einer Regenbogennation visualisiert die politische Suche nach dem Leim, der die südafrikanische Nation zusammenhalten soll. Es ist die Suche nach der geistigen Einheit, nach der in der Staatsrechtslehre viel beschworenen Schicksalsgemeinschaft, als die sich ein Staatsvolk wahrnehmen muss, um überhaupt erst eine Nation werden zu können. Dieser politisch integrative Wunschtraum sagt aber rein gar nichts über die weiterhin unstimmige Substanz des südafrikanischen Staatswillens (5) aus. Um nur dieses Beispiel zu nennen: während des Weltgipfels für Nachhaltige Entwicklung 2002 musste der Staatsstreich einer handvoll rechtsradikaler Buren (6) vom NIA (7) vereitelt werden. Dies mag ein Aufflackern atavistischer Ressentiments gewesen sein, aber eine wahre Bedrohung für die Integrität der Gebiets- oder Gewalthoheit der Republik bleibt, so hieß es offiziell, ausgeschlossen. Allem Anschein nach sind also sämtliche Institutionen Südafrikas gesichert. Nichtsdestotrotz sind solche Vorfälle Indizien dafür, welchen Gefahren diese junge Demokratie noch ausgesetzt ist.

Die Regenbogennation ist ein Patchwork aus ökonomisch und geschichtlich antagonistisch geladenen kollektiven Identitäten. Aufgabe der Hoheitsträger Südafrikas ist es, die Naht zwischen diesen Einzelteilen ihrer Sozietät fester zusammenzuziehen. Die Gretchenfrage der amtierenden Entscheidungsträger lautet also: Wie ist die Naht zwischen diesen Subjekten des demokratischen Staates, den „constituents“ (8) wie es so schön im englischen heißt, herzustellen? Mbeki und seine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit (9) werden sich neben den grundlegenden Fragen zur Kriminalitätsbekämpfung, zur gerechten Umverteilung der Ressourcen und zur Aidsbekämpfung gebührend mit der Frage beschäftigen müssen, wie aus diesem Sammelsurium untereinander verstrittener Nachfahren von Xhosas, Zulus, Indern, Engländern und Holländern (um nur einige der gesellschaftlichen Gruppen zu benennen) eine im Geiste einheitliche Schicksalsgemeinschaft geschweißt werden soll. Was nicht missverstanden werden darf ist, dass das Konzept und die Vorstellung einer Regenbogennation in allen soeben genannten Gesellschaftsgruppen, trotz grundsätzlich divergierender sozialpolitischer Ansichten und Erwartungen, auf Zustimmung stößt, ja allen sogar als notwendig erscheint, um ein friedliches, produktives Miteinander zu gestalten. Die alltägliche Realität in Südafrika zeigt jedoch, dass dieser Regenbogen seinen „Glanz“ gegen eine Vielzahl dunkler, mit gesellschaftspolitischer Brisanz geladener Wolken durchzusetzen haben wird. Ist die südafrikanische Demokratie streitfähig genug, um sicher voranzuschreiten oder ist die derzeitige institutionelle Stabilität, ähnlich wie jene der Elfenbeinküste vor dem bis heute nachwirkenden Weihnachtsputsch aus dem Jahre 1999, nur die Ruhe vor dem Sturm?

von Naakow Grant-Hayford

Erster Teil aus der vorherigen Ausgabe

Anmerkungen:

(1) Hauptsächlich private Sicherheitsfirmen

(2) Ähnliches beobachtet man auch in Einkaufszentren, Restaurants, im Kino, und auf Baustellen.

(3) Langthaler Richard; Enzi, Christine; Zauner, Atiye; Länderkurzprofil Republik Südafrika, ÖFSE, Österreichische Entwicklungszusammenarbeit; Wien, 1998.

(4) Einige dieser Behausungen sind direkt entlang von Autobahnen gebaut. Wer sie gesehen hat, kann sich kaum vorstellen in welchen Verhältnissen die Bewohner davor gelebt haben müssen.

(5) Also des Willens der Bevölkerung

(6) Boeremag (Burenmacht) der weißen Extremistengruppe

(7) Südafrikanischer Geheimdienst - national intelligence agency

(8) Wörtlich: Wesentliche Bestandteile

(9) 279 der 400 Mandate im Parlament

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Zuletzt aktualisiert: 2004-07-14 0:12