Newtons Museum für Photographie eröffnet

Provokateur mit Stil

Voilà! Es ist geschafft! Sperrangelweite Flügeltüren ringsum. Im Foyer lungern Helmut Newtons wohl berühmteste Geschöpfe herum. So nackerte Schönheiten mit distanziert kühlem Blick. Die selbstbewussten & starken „Mädels“. Diese dominanten Weiblichkeiten fesseln die Besucher und werben erfolgreich in eigener Sache. Mit leiser Ironie werden wir empfangen von diesen photographischen Bildnissen. Befindlich im ehemaligen Offizierskasino, wo einst preußische Militärs prangten. 1909 erbaut mit immerhin erhalten gebliebener klassizistischer Fassade. In dieser ehemaligen späteren Kunstbibliothek in der Jebenstraße, direkt am Bahnhof Zoo, sind Sammlung & Archiv Newtons untergebracht.

Ach ja, den Eingang flankieren ein schickes Café und ein Museumsshop. Zu den Ausstellungsräumen führt der mit adelsrotem Teppich-Firlefanz gezierte Treppenaufgang. Die gelungene Melange des Mondänen & des Erotischen hat den kaum zu bändigenden Publikumsandrang der ersten Junitage hervorgerufen.

Einige duzend Stunden zuvor jedoch wurde olle Helmut auf dem Nobelfriedhof am Südwestkorso beigesetzt. In einem Ehrengrab nahe dem von Marlene Dietrich. In Anwesenheit von Bundeskanzler Schröder, dem Regierenden Bürgermeister und reichlich Prominenz wurde ein Staatsbegräbnis draus. Vulgo: Prosecco auf Sparflamme. An das große „Wenn`s aus wird sein“ wollte eh keiner so recht glauben. Die Anekdotentrommeln wurden heftig geschwungen. „Helmuts große Verarsche“ hieß es oder „von wegen, der lacht sich ins Fäustchen und knipst uns alle“ oder „der ist fleißig am Ablästern mit der Dietrich“. Erste Newton-Meisterschüler mussten sich partout outen. Ähnlich viele werden´s wohl werden, wie nach dem Tode von Bert Brecht. Im Jänner dieses Jahres verstarb der Exilant bei einem Autounfall. Letzthin an einem Herzkasper mit schlappen 83 Jahren. Schlussendlich hatte er paar Wochen zuvor den Museumsdeal ratzfatz in trockene Tücher wickeln können. Mumiensicher!

Ein schier endloses jahrelanges Hickhack war dem voran gegangen, das von Berlin aus auf ganz Deutschland ausstrahlen sollte. Eine einzige Unsäglichkeit det Janze. Diepgens Ringverein (der seinerzeit Berliner Regierende nebst CDU) führte einen kulturpolitischen kalten Krieg gegen diesen „Schweinkram“. Grottenpeinlich dieses reaktionäre Aufbäumen. Erst der von SPD & PDS geführte Senat vermochte diesem unwürdigen Gezerre ein Ende zu bereiten.

„Mein Herz schlägt links, auch im Alter, aber manchmal merkt man´s, dass man auch ein paar Moneten im Geldbeutel braucht.“ Soweit der altersweise Photograph Helmut Newton zum 80sten. Die Erotik in seinen Inszenierungen beinhaltet eine visionäre Vorwegnahme der selbstbestimmten Sexualität der Frauen. Begeistert sind eh alle, Mona Mirabella etwa, eine Berliner Malerin, die als „grande dame“ durch die lustvoll gestalteten Räume segelt: „Der ist des Wahnsinns fette Beute!“ stößt sie aus, lächelt und pafft weiter.

Helmut Newton ist ein waschechter Berliner. Hier im Atelier der Photographin Yva lernte er sein Handwerk und entwickelte ein Faible für Portrait- und Modephotos. „Eine sehr schöne und sehr umworbene Frau.“ O-Ton Newton. Noch heute spürt er jene „Atmosphäre schwüler Sinnlichkeit, wie man sie auch in Geschichten von Schnitzler findet.“ Bleibenden Eindruck hinterließen bei ihm dessen „Kulissen von Pracht und Reichtum.“ Vor dem Terror der Faschisten flüchtet der junge jüdische Photograph aus Berlin. 30 Jahre später wird er den erotischen Zauber der Schnitzler-Erzählungen wieder auferstehen lassen. Ein endloser Reigen Newtonscher Visionen.

„Ich versuche die Leute vor der Kamera zu verführen - sie müssen mich lieben, denn wenn die Person den Photographen hasst, kommt nichts heraus, dann wird´s unangenehm.“ Ein Charmeur der alten Schule, der seine Models geschickt, an jeder Karikatur vorbei zu lotsen versteht. Der empfindsame Newton schafft als dies durch kleine Perspektivverschiebungen und einen selbstreflexiven Sprachgebrauch. Newton rührt an Bereiche, die Seele heißen oder behütetes Innerstes. Manchmal gerät er dabei in die Nähe der notorischen Kantinenkomiker, wenn er sagt: „Würde und Schalk, Last und Lust.“

Schlussendlich gibt der Großmeister der erotischen Knipserei zu bedenken: „Tabus gibt´s heute mehr als in den sechziger und siebziger Jahren, das können sie mir glauben. Was ich damals gemacht habe, das würde jetzt kein Mainstream-Magazin mehr drucken. Heute ist man einfach politically correct. Irgendwie erinnert mich das an die Nazis.“

von Lilo Lenuschka
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Zuletzt aktualisiert: 2004-07-14 0:02