Herausforderungen des 21. Jahrhunderts für die älteste christliche Nation

ARMENIEN: Europas Botschafter im Osten

Der heilige Berg Ararat - hier landete Noah nach der Sintflut. Es ist das ewige Symbol der Armenier und strahlt seine märchenhafte Schönheit über das ganze Land. Der erste christliche Staat der Welt hofft mit seiner alten Kultur eine Wiedergeburt zu erleben. 2001 feierten die Armenier das 1700. Jubiläum der Annahme des Christentums als staatliche Religion. Für sie war Christentum eine Art Überlebensideologie im Laufe der Geschichte.

Von den Zeiten der armenischen Stämme Nairi, Armenner, Haj und des Königreichs Urartu bis zur modernen Republik Armenien hat sich auf der Grenzlinie Europas und Asiens vieles geändert. Und trotzdem bleibt Armenien immer noch als eine Art Brücke zwischen gegenüberstehenden sowohl kulturellen, als auch politischen Strömungen. Den Armeniern ist ihre Geschichte ein lückenloses kulturelles Gedächtnis, das drei Jahrtausende zurückreicht, eine Identität, die von Babylon bis zur Perestroika den Aufstieg und Fall jedes Imperiums überlebt hat. Heute sucht das Land eine politische Anbindung mit der EU und ist seit 14. Juni 2004 Mitglied des europäischen Nachbarschafts-programms „Wider Europe“.

Europäischer Weg in einer geopolitisch komplexen Region

Trotz des weltweiten Globalisierungsprozesses bleiben immer noch viele Unterschiede bei den Weltanschauungen in den beiden Richtungen des Globus. Einer streng geregelten und technokratisch geprägten westlichen Kultur wird die gemäßigt patriarchalische Lebensform und tief verwurzelte Tradition des Ostens entgegengesetzt. Armenien ist gerade eine originelle Zusammensetzung der westlichen und östlichen Mentalitäten. Allerdings bezieht sich diese Tatsache nicht auf die Vielfalt der Bevölkerung. Ganz im Gegenteil. Das Land ist homogen und überwiegend (96%) von Armeniern bewohnt. Diese indogermanische Nation hat neben den europäischen Werten auch viele östliche Bestandteile in seiner Mentalität. Nicht zuletzt hat dazu die geographische Lage des Landes beigetragen. Armenien liegt gleich an der Linie, an der Europa aufhört. Der Umgang mit den an das Land grenzenden iranischen, kaukasischen und türkischen Kulturen hat die armenische Realität deutlich beeinflusst.

In einer Zeit, als die Entwicklungen im Nahen Osten ein verschleiertes Misstrauen im Westen gegenüber dem Orient und auch umgekehrt hervorrufen, erscheint die intensive Kommunikation gerade an der unmittelbaren Nahtstelle der europäischen und orientalischen Wertegemeinschaften von großer Bedeutung. Historisch hat Armenien immer diese verbindende Rolle zwischen dem Römischen Reich und Persien erfüllt, bis der Niedergang des Landes nach der Entstehung des osmanischen Reiches in Kleinasien begann. Es wird häufig diskutiert, ob die Türkei diese Rolle übernehmen kann, was angesichts der Verweigerung der Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern im Jahre 1915 sowie aufgrund des gesellschaftspolitischen Aufbaus fraglich ist.

Heute sind die Armenier stolz darauf, dass sie trotz der Schwierigkeiten der doppelten Transformation, den Blockaden seitens der Türkei und Aserbaidschans, sowie des verheerenden Erdbebens von 1988, in einer geopolitisch komplexen Region eine Stabilitätsinsel mit entwickelter Zivilgesellschaft und vorbildlichen Streitkräften geschaffen haben. Auch konnten durch Förderung von forschungsorientierten Wirtschaftszweigen und Informationstechnologien in den letzten Jahren zweistellige Wachstumsraten erzielt werden. Möglich wurde es vor allem mit der Hilfe der weltweit zerstreuten armenischen Diaspora. Etwa vier Millionen der insgesamt sieben Millionen Armenier leben fern von der Heimat. Mit ihren Investitionen sorgen die Auslandsarmenier für den Aufschwung im Land. Armeniens Forschungseinrichtungen gehörten zu den fortschrittlichsten im gesamten Ostblock. Armenien war das Kalifornien sowjetischer Hochtechnologien, das Italien sowjetischer Schuhe und das Frankreich sowjetischen Cognacs.

Traditionell sind die Armenier gute Juweliere und Goldschmiede. Zum Export in die Europäische Union tragen Diamanten die Hälfte bei. In den vergangenen fünf Jahren ist der Anteil der EU am armenischen Export von 30 auf 39 Prozent gewachsen. Somit begreift sich Armenien nicht nur geographisch und kulturell, sondern auch wirtschaftlich als Teil Europas.

Zivilgesellschaftliches Engagement im Vergleich

In vielen Ländern der Welt werden gesellschaftliche Prozesse manipuliert, da kollektives Bewusstsein in Fragen der Mitbestimmung und Mitverantwortung fehlt. Für die Länder in Osteuropa ist dieses Problem besonders aktuell. Auch in Deutschland schadet die zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber politischen Entscheidungen der effektiven Durchsetzung von zivilgesellschaftlichen Mechanismen.

In Armenien hat sich nach der Wende Vieles im Bewusstwein der Menschen verändert. Manche Themen sieht man jedoch als Tabu an. Die größte der 40 armenischen Hochschulen ist die Staatliche Universität Jerewan (circa 8000 Studenten). Obwohl sie ein hohes wissenschaftliches Niveau hat, bleiben die Verwaltungsformen reformbedürftig. Initiativen von Studenten oder einzelnen Professoren haben es schwer, die Logik der Pyramidenstruktur und die allgemeine Gleichgültigkeit zu überwinden. In Deutschland sieht es anders aus. Beim Durchsetzen einer Initiative sind Wege zwar lang und steinig, aber realisierbar. Wichtig ist, dass man mit Partnerorganisationen zusammenarbeitet. Da ist auch die Wahrscheinlichkeit groß, für eine Initiative finanzielle Unterstützung von der EU, der Bundesregierung oder auch einer Stiftung bzw. einer Partei zu bekommen. Auch die Schwerpunkte des ehrenamtlichen Engagements der Studierenden in Deutschland und in Armenien unterscheiden sich. Wichtige Schwerpunkte in Armenien sind die Stärkung von demokratischen Traditionen, Zivilgesellschaft und Rechtsschutz. In Deutschland sind auf dem ersten Platz die Themen: Studiengebühren, Kampf gegen Rechtsextremismus und Naturschutz. Trotzdem findet die Globalisierung ein ähnlich starkes Interesse bei Studierenden beider Länder.

"Globalisierung ist für mich ein positiver Begriff, doch wir dürfen nicht zulassen, dass die multinationalen Konzerne eine wichtigere Rolle übernehmen, als die Staaten", so die Leiterin der Medienabteilung des All-Armenischen Jugendfonds, Frau Astghik Avetisyan. Ein deutscher Student der Uni Marburg meinte: "Globalisierung ist eine gute Chance, soziale Gerechtigkeit zu etablieren und den Reichtum gerecht zu verteilen".

Die Karabach-Bewegung von 1988 (mit der Forderung nach der Wiedervereinigung von Armenien und Berg-Karabach), dass den Zusammenbruch des Sowjetreiches vorbereitete, sowie ökologische Aktionen und Einstellung des Kernkraftwerkes und einiger chemischen Werke (1988), Studentenbewegung und Bildung einer Anstalt für Studenten- und Jugendangelegenheiten bei der Regierung (1993) sind Beispiele des erfolgreichen ehrenamtlichen Engagements in der neuesten Geschichte Armeniens. Hinzu kommen Studentenaktionen und die Schaffung neuer gebührenfreier Studienplätze in den staatlichen Hochschulen, die Erhöhung von Stipendien (1996) und die verweigerte Zustimmung zum Irak-Krieg aufgrund des öffentlichen Drucks (2003). Eine starke Zivilgesellschaft ist der größte Reichtum in einer turbulenten Region, in der das Land liegt. Bei seinem Besuch in Eriwan während der friedlichen Millionendemonstrationen 1988 berichtete ein sowjetischer Parteichef nach Moskau: „Die Armenier haben Perestrojka ernst genommen!“


RADIO ERIWAN: Im Prinzip ja, aber...

Die unendliche Reihe von Radio Eriwan-Witzen geht weiter. Der feine Sinn für Humor der Armenier lässt kein aktuelles Thema ohne eigene Bewertung.

Frage an Radio Eriwan:

Kann man etwas tun, wenn ein Tiger die Schwiegermutter angreift?

Radio Eriwan antwortet:

Im Prinzip ja, man ruft sofort den Tierschutzverein an, um den Tiger retten zu lassen.

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Frage an Radio Eriwan:

Gibt es einen Unterschied zwischen einem Diplomaten und einem Wirtschaftsexperten?

Radio Eriwan antwortet:

Im Prinzip ja, aber geringfügig. Denn dem Diplomaten ist die Zunge gegeben, um seine Gedanken zu verschleiern, dem Wirtschaftsexperten, um seine Ideenlosigkeit zu verbergen.

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Frage an Radio Eriwan:

In Amerika kann eine unverstandene Frau zum Psychologen gehen und sich auf die Couch legen. Warum ist das bei uns nicht üblich?

Radio Eriwan antwortet:

Muss es unbedingt ein Psychologe sein?

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Frage an Radio Eriwan:

Werden Eriwan-Witze auch honoriert?

Radio Eriwan antwortet:

Selbstverständlich. Von einem Jahr bis zu lebenslänglich.

 

von Vahram Soghomonyan

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Zuletzt aktualisiert: 2004-07-13 23:52