Erfahrungsbericht

Einjähriger Studienaufenthalt am Fachbereich Politikwissenschaft in Stellenbosch/Südafrika

Mit diesem Erfahrungsbericht möchte ich versuchen, über meine Erfahrungen während meines einjährigen Aufenthaltes im Jahr 2003 in Stellenbosch zu erzählen.

Vorbereitung

Es bietet sich der Kauf eines STA Tickets an, um den Rückflug flexibel gestalten zu können, da diese über ein Jahr gültig sind. Vor allem wenn man nach dem Studienaufenthalt noch ein Praktikum plant, ist der Kauf eines solchen Tickets ratsam. Besondere Impfungen sind nicht erforderlich, außer die in Deutschland üblichen Standardimpfungen und vielleicht eine Hepatitis-A-Impfung. Malariatabletten, wie Lariam, für mögliche Ausflüge in den Krügernationalpark können für einen Bruchteil des deutschen Preises vor Ort ohne Rezept in Apotheken erworben werden.

Es ist sinnvoll, in Deutschland ca. 300 Euro Thomas Cook Traveller Schecks für mögliche Notfälle auf Eurobasis zu tauschen. EC-Karte und Kreditkarte sollten ebenso vorhanden sein, denn ohne diese Karten kommt man auch im südlichen Afrika nicht aus.

Wer in Deutschland nicht privat versichert ist, sollte eine Auslandskrankenversicherung abschließen. Wichtig ist, dass sich der Reisende vor dem Abflug bei seinem Einwohnermeldeamt abmeldet, da er sonst gegen die deutschen Meldeauflagen verstößt. Vor dem Abflug sollte eine Vollmacht an eine Vertrauensperson nach Wahl ausgestellt werden, falls in Deutschland während der Abwesenheit wichtige Angelegenheiten zu regeln sind. Das Abenteuer Südafrika kann sodann beginnen.

Betreuung und International Office (IO)

Wer sich bereits in Deutschland um ein Zimmer gekümmert hat, wird fast genötigt, einen Mietvertrag zu unterschreiben. Ich kann hiervon nur abraten. Die Zimmer über das IO sind viel zu teuer und man wohnt nicht mit Südafrikanern zusammen. Leider hatte ich diesen Fehler begangen.

Während der Orientierungstage bekommt man eine grobe Übersicht über die Universität. Uns wurde eine Art Werbefilm über die Universität gezeigt, der allerdings die Apartheidzeit völlig ausblendet. Die Vergangenheitsbewältigung nach dem Ende der Apartheidzeit ist sehr schwierig und wird wohl auch noch sehr lange dauern. (siehe auch: Regenbogennation, in diesem Heft)

Der sogenannte Kulturschock trifft den einen oder anderen unterschiedlich hart. Für diese Probleme gibt es extra einen Mitarbeiter im IO, mit dem man über alles sprechen kann. Sprachkurse und andere kulturelle Kurse werden vom IO aus direkt angeboten. Leider ist man als Austauschstudent ein wenig Student zweiter Klasse. Wer in Stellenbosch auf eigene Rechnung studiert und 2500 US-Dollar pro Semester bezahlt, bekommt alle Kurse gratis angeboten. Wir Austausch-studenten hatten nur einen Sprachkurs gratis und mussten einen Betrag von 250 US-Dollar pro Semester bezahlen.

Kurse an der Universität und das Unileben

An der Universität Stellenbosch studieren sehr viele, meist reiche, weiße Südafrikaner. Es ist eine der Topuniversitäten in Afrika. Leider ist es immer noch eine sehr weiße Universität, nur 15 bis 20 Prozent der Studenten sind schwarz. Das mag auch an den Sprachproblemen liegen. Das Grundstudium ist meist auf Afrikaans. Viele Farbige sprechen aber meist nur ihre Stammessprache und Englisch. Die Regierung wird jedoch wohl nicht mehr lange bereit sein, der Universität Zuschüsse zu geben, wenn nicht bald die Quote der Schwarzen angehoben wird.

Die Seminare sind sehr klein, maximal 20 Studenten, was sehr angenehm ist. Es ist alles sehr persönlich. Leider ist das Kursangebot nicht so umfangreich, aber die Kurse sind auch viel aufwändiger als bei uns in Marburg. Ständig müssen Studierende zu feststehenden Terminen Papiere einreichen. Die Dozenten haben in der Regel immer eine offene Tür, wenn sie sich in ihrem Büro befinden und man kann sich immer Ratschläge holen. Lästige Wartezeiten von zu starr festgelegten Sprechzeiten gibt es nicht. Zusätzlich zu den Kursen ist es sinnvoll, einen Englischkurs des IO's zu besuchen. Die technische Ausrüstung der Universität ist sehr gut. Es gibt riesige Computerräume, die an sieben Tagen rund um die Uhr geöffnet haben. Wer sich sportlich betätigen möchte, der hat an der Universität unzählige Möglichkeiten. Das Angebot reicht von Reitkursen, Wandern, Segeln, Golfen, Tanzen, Fußball, Turnen bis zum Nationalsport Rugby, um nur einige Aktivitäten zu nennen.

Leben und Verhaltensweisen in Südafrika

Grundsätzlich kann man in Stellenbosch auf einem ähnlichen Niveau leben wie in Deutschland. Allerdings ist dies nur die heile, sogenannte erste Welt. Das Elend und die trostlosen Townships sind oft nur wenige Kilometer entfernt. Von den 50 Millionen Einwohnern leben ca. 20 Millionen in Armut. Das darf man nie vergessen. Auch die Kriminalität ist recht hoch. In Stellenbosch sieht es sehr ruhig aus, man darf sich aber nicht täuschen lassen. Nachts sollten Frauen und auch Männer sich nur in Gruppen bewegen, oder aber den privaten Uni-Sicherheitsdienst in Anspruch nehmen.

In Kapstadt wird man mit sehr vielen Straßenkindern konfrontiert, die leider meist Aidswaisen sind. Die Kinder betteln häufig, man sollte meiner Meinung nach aber nicht weich werden und ihnen Geld geben. Die meisten von ihnen verwenden das Geld dazu, sich Klebstoff zu kaufen, um diesen dann zu schnüffeln. Mit Geld löst man das Problem daher nicht. Es ist in meinen Augen eher sinnvoll, etwas zu essen oder zu trinken zu geben.

Nützliche Tipps

Um euch einzustimmen, solltet ihr einen guten Reiseführer kaufen. Nehmt auf jeden Fall auch eurer Handy mit und kauft euch eine Prepaidkarte in Südafrika. Es ist nicht nötig, ein Bankkonto in Südafrika zu eröffnen. Das Visum sollte man vorsorglich auf genau ein Jahr ausstellen lassen. Man kann es damit begründen, dass man nach dem 31. Dezember noch Urlaub machen möchte. Das kostet nicht mehr. In Deutschland sollte man sich einen internationalen Führerschein ausstellen lassen. Wer noch keinen Autoführerschein besitzt, kann auch diesen erlangen und in Deutschland anrechnen lassen.

Zusammenfassung

Mein Jahr in Südafrika ging leider sehr schnell vorüber. Rückblickend sieht man natürlich nur die positiven Erfahrungen. Es war sicherlich schwierig, dieses Jahr ohne Familie und Freunde auszukommen, da man völlig auf sich allein gestellt war. Auf der anderen Seite habe ich viele neue Menschen kennen gelernt. Ich kann einen solchen Austausch Jedem empfehlen. Jeder sollte sich aber bewusst darüber sein, was ihn in Südafrika erwartet. Das Land hat riesige soziale Probleme und es kann schwierig sein, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Auf der anderen Seite lernt man gewisse Dinge in Deutschland wieder zu schätzen und reagiert in bestimmten Situationen gelassener.

von Matthias Werner

Für Interessierte beantworte ich gerne Fragen unter:

Matthias Werner,

Druckversion zum Seitenanfang


Zuletzt aktualisiert: 2004-07-13 23:29