Diplomatenreise an den East River

NMUN 2004 in New York, Part II: Eine UN-Simulation zwischen Selbstanspruch und Realität

"Guck mal, die spielen wieder UN!“, hat man böse Zungen flüstern hören, als die Delegierten, das heißt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Marburger UN-Simulation („Lahn-MUN“) im vergangenen Februar während der Mittagspause in Anzug und Krawatte die Mensa stürmten. In der Tat: Ein großes Spiel mit vielen Akteuren sind die Vereinten Nationen nicht nur in Wirklichkeit. Auch das Pendant für junge Interessierte und diverse Simulationen, die nicht nur in Marburg, sondern weltweit organisiert werden, erzeugen viel Papier und noch mehr heiße Luft. Macht es da überhaupt Sinn, sich ein Semester auf eine noch viel größere Simulation vorzubereiten?

Mit Bedenken lautet die Antwort: Ja!

Während der vergangenen Semesterferien machten sich ca. 3000 Studierende („from around the world“, wie die Veranstalter überzeugt vermelden ließen) in das Mekka der Weltdiplomatie auf: Nach New York City. Neben Gruppen aus China, Japan, Armenien, Ägypten und anderen Teilen der Welt, stellte Deutschland mit über zwanzig Delegationen den größten Ausländeranteil, darunter erneut eine Gruppe der Philipps-Universität, die den EU-Neuling Ungarn zu vertreten hatte.

Ein ganzes Semester - so viel Zeit habe auch ich im vergangenen Jahr in die Vorbereitung gesteckt, als sich die letzte Marburger Delegation auf ihre Performance als Botschafter des afrikanischen Landes Mozambique einstimmte. In diesem Jahr war meine Teilnahme, inklusive Vorbereitung, gestraffter: Aufgrund von Visumsproblemen einer Teilnehmerin, wurde ich von der Gruppe der Würzburger Universität eine Woche vor Abflug eingeladen, noch einmal die Reise zum Big Apple anzutreten, um ein weiteres afrikanisches Land, nämlich Sierra Leone, zu vertreten. Damit reduzierten sich alle Probe-Simulationen, Workshops und intensive Recherche auf eine einwöchige Jagd nach den wichtigsten Basis-Informationen über „mein“ Land.

Zur Einstimmung: Im Gespräch mit UN-Experten

Um vor Ort eine bessere Vorstellung von der zu erwartenden Arbeit während der Simulation zu erhalten, wurde für die Uni Würzburg, in Kooperation mit der FU Berlin, ein dreitägiges Studienprogramm im VN-Hauptquartier organisiert: Zu Menschenrechten, Entwicklung, Terrorismus, Friedenssicherung und weiteren Themen erschienen jeweils die RessortleiterInnen, die - zumeist überraschend undiplomatisch - von ihren Erfahrungen bei der Weltorganisation berichteten. Die meisten klagten über verwirrende, den Arbeits-prozess verzögernde Strukturen, so dass man selbst ein Jahr benötige, um genaue Vorgehensweisen aus der Sicht des eigenen Sekretariats erkennen zu können. Aber auch grundsätzliche Debatten wurden angeschnitten, wie zum Beispiel die Problematik, dass sich die Mitgliedsländer im Rahmen des Anti-Terror-Kampfes bislang auf keine gemeinsame Definition von „Terrorismus“ einigen konnten.

Während Mosambik laut aktueller Statistik des Human Development Index auf Platz 170 stagniert und damit bereits zu den unterentwickeltsten Ländern der Welt zählt, ist Sierra Leone das Schlusslicht dieses Rankings. Diese Grund-voraussetzung machte es der Sierra Leonischen Gruppe nicht leichter, die eigenen Positionen in den verschiedenen Komitees der Vereinten Nationen einzubringen. Neben den bekannteren Organen der Weltorganisation, wie der Generalversammlung, dem Weltsicherheitsrat oder dem Wirtschafts- und Sozialrat ECOSOC, waren auch kleinere Ausschüsse, wie das Welternährungs-programm oder das Komitee zur Palästina-Frage zu besetzen. Meine Aufgabe bestand in der Vertretung Sierra Leones in der Menschenrechtskommission, wo eine Woche lang 65 Länder und Nicht-regierungsorganisationen (NRO) über die globale Verbreitung von HIV/AIDS diskutierten. Die Brisanz des Themas, aus Sicht der Welt-gemeinschaft wie für die Teil-nehmenden, spiegelte sich darin wieder, dass das Menschenrechtsorgan die komplette Woche benötigte, um HIV/AIDS gerecht zu werden und damit andere vorgesehene Themen, wie den Internationalen Strafgerichtshof, völlig ausklammerte. Reden wurden dazu genutzt, die eigene Position kurz und prägnant den anderen Teilnehmenden zu vermitteln, um so einen Grundstein für die entscheidende Arbeit während der redefreien Zeit in den Verhandlungsräumen zu legen: Hier galt es, entweder jene Repräsentanten für die eigene Position zu gewinnen, die in der gleichen Ausgangslage, das heißt mittel- und machtlos waren, oder geeignete Mediatoren, wie die Vertreter der Nicht-regierungsorganisationen als Bindeglieder zwischen der Dritten Welt und dem Westen für die eigene Sache zu mobilisieren. Für mich als Repräsentant eines afrikanischen Staates ging es natürlich in erster Linie um Fragen der Entwicklungshilfe, der Verteilung von Kondomen und entsprechenden Medikamenten, sowie um eine verbesserte Koordinierung von NRO-Programmen und nationalen Initiativen.

Erfolgreiche Resolutionen und Abschlusssitzung in der „GA“

Der Kampf gegen AIDS und für meine Länderposition verlief konstruktiv-harmonisch, so lange ich anderen afrikanischen Staaten begegnete, und endete in einer Diskussion um jedes Substantiv bei der gemeinsamen afrikanisch-europäischen AIDS-Initiative, die wir auf die Beine stellten. Der abschließende Wahlmarathon gab den Delegierten in ihren Vorstellungen einer verbesserten Koordinierung des AIDS-Kampfes Recht: Alle entwickelten Papiere fanden eine Mehrheit im Ausschuss, so dass zehn Resolutionen verabschiedet werden konnten. Die zu erwartende Diskrepanz zwischen englischen Muttersprachlern, die nach wie vor die Mehrheit der Teilnehmenden stellen, und Ausländern blieb aus. Zu keinem Zeitpunkt musste man als Ausländer das Gefühl haben, von englischsprachigen Kollegen weniger respektvoll behandelt zu werden - für mich ein Zeichen von wahrer Diplomatie. Das Engagement, mit dem wir alle gemeinsam an Resolutions-entwürfen schrieben, bis auf die letzten Sekunden informeller Treffen in den Verhandlungsräumen am Laptop festsaßen, um an einem NRO-Drittweltländer-Bericht besser feilen zu können, war spannend und abenteuerlich. Der letzte Tag der Simulation war zugleich ein mit Spannung erwarteter Höhepunkt: Das Hauptquartier der Vereinten Nationen öffnete seine „heiligen Hallen“ für die 3000 Jungdiplomaten, die in den Sesseln der Generalversammlung Platz nahmen, um hier die letzte Sitzung abzuhalten.

Diplomatie erfahren und Kulturen begegnen

Bei aller Euphorie bleibt dennoch die Kritik bestehen, dass „Model United Nations“ nicht ganz seinem Anspruch gerecht wird, eine internationale Ver-anstaltung zu sein: Auch bei einer Rekord-quote von 40% Aus-ländern, bleibt die Simulation für die meisten der 60% Amerikaner eine Pflichtveranstaltung im Rahmen eines College-Programms. Eine gute Note zählt in diesem Kontext mehr, als ein Verhalten, das der Länderrolle gerecht wird. Da passiert es auch schon einmal, dass Entwicklungsländer wie Uganda Resolutionsentwürfe schreiben, in denen es um Internet-Zugang und Medien als primäres Ziel in der Bekämpfung von HIV/AIDS geht. Diesen Verlust an Seriosität würde die New Yorker Veranstaltung zurückgewinnen, wenn man den amerikanischen Begleitern den Besuch der einzelnen Komitees untersagen würde.

Die Frage aber bleibt bestehen: Ist „Model United Nations“ Pflichtprogramm für alle Interessierten der internationalen Politik? Neben dem Lernprozess, der einen mit dem VN-Instrumentarium vertrauter macht, sind es vor allem die Randerscheinungen, die den Aufenthalt in New York so wertvoll gestalten: Eine zum Islam konvertierte Amerikanerin, eine deutsche Studentin von einer chinesischen Uni, eine Ägypterin, mit der man sich über die arabische Küche austauschen kann - das macht eine UN-Simulation erst zu einem Ereignis. Studierende aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt treffen sich in erster Linie, um selbst zu spüren, was „Diplomatie“ bedeutet. Dabei liegt der Reiz nicht nur in der Herausforderung, mit Sachkompetenz und Argumentationsgeschick Resolutionsentwürfe nach Vorstellungen des eigenen Landes zu beeinflussen, sondern auch darin, in den Pausen die Ländermasken fallen zu lassen, um den verschiedenen Teilnehm-erinnen und Teilnehmern zu begegnen: genau dies macht „Model United Nations“ zu einem echten Gewinn.

von Marc Frings

Mehr Informationen :

www.nmun-marburg.de

www.nmun-wuerzburg.de

www.unsociety.de

www.lahnmun.de

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Zuletzt aktualisiert: 2004-07-13 23:24