Cinetipp: Lars von Triers „Manderlay“

Zwangsdemokratie auf der Plantage

„Eine Demokratie kann immer nur von innen heraus entstehen“, äußerte sich der dänische Regisseur Lars von Trier in einem Interview. Was passiert, wenn einer Gruppe von Menschen diese Staatsform von außen aufgedrückt wird, zeigt von Trier in seinem neuesten Film „Manderlay“, dem zweiten Teil seiner Amerika-Trilogie. Verkörperte im Vorgängerfilm „Dogville“ Nicole Kidman die Rolle der Idealistin Grace, so ist ihr Part diesmal mit Bryce Dallas Howard, bekannt aus M. Night Shyamalans „The Village“, besetzt. Gesehen von Kirsten Netzow

Es ist 1933. Grace und ihr Vater sind auf dem Weg nach Süden. In Alabama stoßen sie auf die Plantage Manderlay, auf der noch immer Sklaven unter ihrer weißen Herrin „Mam“ (Lauren Bacall) ihr Dasein fristen. Grace gelingt nach dem Tode „Mams“ die Befreiung der schwarzen Arbeiter. Sie richtet sich auf Manderlay ein.

„Auf Manderlay kriegen wir unser Abendbrot um sieben. Wann essen die Menschen, wenn sie frei sind?“, fragt der älteste Sklave Wilhelm (Danny Glover). Völlig mit der neuen Situation überfordert, ohne Befehle von oben, herrscht das Chaos auf der ehemals gut geführten Plantage. Graces Bemühungen, demokratische Strukturen einzuführen, bilden eine der Schlüsselszenen des Films. Wie kleine Kinder in einem Schulhaus sitzen die Schwarzen um ihre weiße Lehrmeisterin herum und üben sich in der Kunst der Basisdemokratie. Von der Frage, wie lange gelacht werden darf bis zur gemeinschaftlich festgelegten Uhrzeit, ziehen sich die absurden Abstimmungsversuche. An dieser Stelle wirft sich die Frage nach der Arroganz des ach so edlen Gutmenschen auf, der aber nicht in der Lage ist, die einzelnen Bewohner der Plantage auseinander zu halten. „Krause Haare, schwarze Haut, alle sehen gleich aus, da muss man ja durcheinander kommen“, kommentiert Sklave Timothy Graces Unvermögen ironisch.

Das Gute wollen, das Böse schaffen

In der kargen Atmosphäre der reduzierten Theaterkulissen, die schon in „Dogville“ herrschte, kommt die Orientierungslosigkeit der Bewohner voll zum Ausdruck. Nicht nur Gutes ist in Manderlay eingekehrt. Die Ambivalenz von Gut und Böse manifestiert sich in Gestalt eines Esels, der, den schicksalhaften Namen Lucifer tragend, in ein Geschirr eingespannt seine Kreise zieht. Als eine Hungersnot auf der Plantage ausbricht, ist der Esel die einzige Nahrungsquelle. Die alte Sklavin Wilma isst die letzten Stücke des Eselsfleisches, die für ein krankes kleines Mädchen vorgesehen waren. Als das Mädchen stirbt, fordern die Bewohner - natürlich in demokratischer Abstimmung - den Tod der alten Frau. Vollstreckerin der Todesstrafe ist Grace. Langsam, ohne es gemerkt zu haben, ist sie in die Rolle der alten „Mam“ geschlüpft. „Glauben Sie, wir hätten in all den Jahren nicht einen Weg gefunden zu fliehen, wenn wir einen Sinn darin gesehen hätten?“, ist Wilhelms Frage an Grace. „Schauen Sie sich doch mal die Zäune an, sie sind nicht besonders hoch.“ Damit wird deutlich, dass die neue Freiheit eine ungewollte ist.

Mephistoles' Postulat aus „Faust I“, also die „Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“, scheint verdreht. Graces missionarisches Intervenieren entpuppt sich als Kraft, die das Gute (Freiheit und Demokratie) will und doch das Böse (Angst, Orientierungslosigkeit) schafft.

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Zuletzt aktualisiert: 2005-12-04 19:20