Die Entdeckung der Persönlichkeit hinter Schülern und Lehrern: Das Stück „Lehrernacht“ im Programm des Hessischen Landestheaters Marburg

Keine Bösen, keine Guten

Bereits seit Mai dieses Jahres läuft die „Lehrernacht“ in einer Inszenierung von Ekkehard Dennewitz am Hessischen Landestheater. Dabei sind in dem Stück von Bodo Kirchhoff das Bühnenbild und die Szenengestaltung auf das Wesentliche reduziert: ein Akt, keine Halbzeitpause, (fast) keine physische Aktion - dafür eine psychologisch dichte Atmosphäre, die den Zuschauer schnell auf das Wesentliche konzentrieren lässt. Von Jan Opielka

Dieses Wesentliche ist eine Lehrerkonferenz, die über die Konsequenzen aus einer angeblich stattgefundenen Vergewaltigung am ehrwürdigen Hölderlin-Gymnasium entscheiden soll. Verdächtig ist dabei der volljährige Schüler Viktor Leysen, der eine gleichaltrige Mitschülerin vergewaltigt haben soll und der Missetäter auf Wunsch der Mutter des angeblichen Opfers nun von der Schule fliegen soll. Das neunköpfige Lehrer-Gremium soll in dieser Lehrernacht beraten und entscheiden, ob's eine ‚wirkliche' Vergewaltigung war oder doch eher ein Missverständnis, eine außer Kontrolle geratene Leidenschaft, wie sie bei Teenagern schon mal vorkommen kann. Bei der Diskussion über das Für und Wider eines Rausschmisses von - der im Übrigen kein einziges Mal in Erscheinung tritt treten nach und nach die individuellen Charaktere, die Schwächen und Geheimnisse der vier weiblichen und fünf männlichen Lehrpersonen zu Tage. Dabei suchen die Zuschauer vergebens nach einer echten Hauptfigur; genauso wenig wie sie den oder die BösewichtIn finden können. Keiner dieser Lehrer ist als Mensch schlecht und keiner überdurchschnittlich, auffällig ‚gut'. Was im Verlauf der Handlung jedoch an die Oberfläche getragen wird, ist vielmehr die Zerbrechlichkeit und Schwäche all dieser Menschen, die den Schüler Leysen zunächst mehrheitlich loswerden wollen.

Es sind keine gescheiterten Existenzen, aber wirken die meisten eher leidenschaftslos und benötigen erst einer gewagten Verteidigung des Leysen durch ihren Lehrerkollegen Dr. Branzger (gespielt von Thomas Streibig), um das Problem anzugehen. „Ich weiß nicht, was da im Keller passiert ist, aber ich weiß, was dem Leysen antreibt: Passion!“ Ab diesem Moment dreht die Geschichte und beginnt für einige der Anwesenden eine Reise in das jeweils eigene Ich: seien es die Eheprobleme der zweifachen Mutter Marlies Kahle-Zenk, die deftig-rabiate Lebenseinstellung von Sportlehrer Karsten Graf, oder die Zwiespältigkeit des Geschichtslehrers Leo Stern, dessen eigene, nur zum Teil erfüllte Passion die Erforschung des Holocaust und seine Vermittlung an die Schüler ist. Das Eintauchen der Lehrkräfte in die Versäumnisse und Abgründe des eigenen Lebens wirkt im Verlauf des Stückes immer mehr wie ein Spiegel der angeblichen Tat und der Motive von Viktor Leysen. „Ich kenne keinen Schüler, der in meiner Laufbahn so über mich hergefallen wäre, wie dieser Leysen, und dies mit all seiner Verachtung und auch mit intensivster Zuneigung“, bekennt Dr. Roman Branzger, der vehementeste Verteidiger von Leysen. Nach und nach zeichnen auch die anderen Lehrerkollegen durch eigene Erfahrungen und Anekdoten ein kompletteres Bild von dem nur scheinbar extrovertierten, in Wirklichkeit jedoch äußerst verletzlichen Schüler Viktor Leysen. Das Puzzle fügt sich und das zutage tretende Bild suggeriert den Zuschauern, dass letztlich nur die Überwindung der Distanz zwischen Lehrern und Schülern das Problem zu lösen vermag - für Leysen und für die Zukunft.

Leidenschaft und Zerbrechlichkeit

„Schüler sind Menschen, die von Menschen noch nichts wissen. Während Lehrer ... Leute sind, die von dieser eigentlichen Unkenntnis ihrer Schüler nichts wissen wollen. Über Integralrechnung lässt sich leichter reden als über Intensitätshunger. Und den hat Leysen. Und ich sehe auch, womit er ihn zu stillen sucht,“ sagt Lehrer Branzger und bringt damit die Quintessenz des Stückes auf den Punkt. Die Lehrer müssen ihren Schüler Leysen lesen lernen, aber eben vor allem den ‚leisen Leysen' - denn der laute wird nach und nach aufgedeckt als bloße Fassade.

Was die „Lehrernacht“ so glaubwürdig macht, ist die Darstellung der Charaktere als Personen mit Stärken und Schwächen, die in keinem Moment be- oder verurteilt werden (können). Sie sind weder gut noch sind sie böse. Sie sind Menschen, die aus ihrer Lebenssituation als Lehrer heraus das Beste zu machen versuchen - die einen mehr, die anderen weniger. Authentizität des Spiels, starke Bühnenpräsenz der neun Charaktere, Komik-momente, die in keinem Moment lächerlich wirken und ein intelligentes Ende, über das hinaus trefflich diskutiert werden kann: die „Lehrernacht“ ermöglicht dem Zuschauer einen Blick hinter die Kulissen von Schule, die eben auch in Wirklichkeit nicht aus Schülern und Lehrern besteht, sondern von ihren starken und schwachen Charakteren lebt.

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Zuletzt aktualisiert: 2005-12-04 19:14