Kai Hafez zeigt in seinem Buch “Mythos der Globalisierung”, wie eingeschränkt die Verbreitung global vermittelter Inhalte ist

Gibt es Grenzen für die Medien?

Der Begriff Globalisierung ist in aller Munde. Er wird immer wieder zur Beschreibung der weltweiten Arbeitsteilungsprozesse in der Wirtschaft, der (scheinbar) offenen Waren- und Arbeitsmärkte sowie der Durchdringung der nationalen Grenzen durch transnationales Kapital benutzt. Aber es geht beim Globalisierungsbegriff oftmals auch um die mediale Verbreitung einer globalen Einheitskultur und globaler Inhalte, die sich vor allem über die Massenmedien Rundfunk, Printmedien, Kino und Internet vollzieht. Der Kommunikationswissenschaftler Professor Dr. Kai Hafez aus Erfurt zeigt in seinem neuesten Buch die Grenzen dieser zweiten Art der vermeintlichen Globalisierung auf. Buchkritik von Jan Opielka

Der These Samuel Huntingtons vom Zusammenprall der Kulturen, dem ‚clash of civilisations', setzt Hafez die Behauptung entgegen, die Welt kranke eher an einem ‚lack of communication', einem Mangel an Kommunikation über Staats- und Kulturgrenzen hinweg. Denn dem technisch möglichen Zugang etwa zu ausländischen Satellitensendern, Hörfunkstationen oder Onlinezeitungen stehe, so Hafez, eine sehr geringe Nutzung dieser Medien im Vergleich mit der schneller wachsenden Nutzung lokaler, regionaler und nationaler Inhalte entgegen. Dieser ‚neue Regionalismus' ist eine empirisch belegte Tatsache und daher seien die Gesellschaften von einer Weltöffentlichkeit noch weit entfernt, auch weil die Mediensysteme größtenteils nationalstaatlichen Regelungen unterliegen. Darüber hinaus gebe es keine weltweit akzeptierten Medien, die jenseits von nationalen Interessen berichten würden - eingeschränkte Ausnahmen seien der amerikanische Fernsehsender CNN, der arabische Sender Al-Jazeera sowie der britische BBC World. Nicht zuletzt offenbarte der dritte Irakkrieg im Jahr 2003, dass die nationalen Medien in Krisenzeiten zu übermäßigen Patriotismus neigen, von dem auch Qualitätsmedien wie die angesehene New York Times nicht frei sind. Hafez' Fazit hieraus: „Durch einseitige Berichterstattung in Kriegen und hochgradig fragmentarische Diskurse ist es nach wie vor möglich, Völker und ganze Weltregionen buchstäblich voneinander abzuschotten und für Kriege zu mobilisieren.“

Eingeschränkte Perspektiven

Ebenfalls ist für Hafez die weiterhin bestehende Dominanz der nationalen Auslandsberichterstattung ein Beleg für die schwache Ausprägung einer globalen Öffentlichkeit. Das Ausland werde in den nationalen Medien durch das jeweils nationale Prisma gezeigt und gesehen, ferne Konflikte werden nicht detailliert genug in ihrem Zusammenhang der Ursprungsgesellschaft dargestellt, sondern aus der Perspektive des Ziellandes heraus beurteilt. „Die Deformation der Medieninhalte wird dort erzeugt, wo die Auslandsberichterstattung stärker den nationalen Interessen und kulturellen Stereotypen des berichtenden Landes als der Nachrichtenrealität desjenigen Landes entspricht, über das berichtet wird“, schreibt Hafez. Je geringer (scheinbar) die Bedeutung eines Landes für die Interessen des eigenen Landes, desto stärker fokussiere sich die ohnehin spärliche Berichterstattung aus diesen Regionen auf gewaltsame Konflikte oder (Natur)Katastrophen. Auf diese Weise entstehe eine verzerrte Wahrnehmung der unterschiedlichen Weltregionen: einerseits die relative Stabilität und Normalität der eigenen Region und Nation - da diese Gebiete sowohl mit negativer als auch mit positiver Berichterstattung thematisiert werden; andererseits die konfliktbeladene Ferne, etwa der Orient oder Teile Afrikas, aus denen fast ausschließlich Negativmeldungen vermittelt werden.

Eine tendenziell stärkere Globalisierung der grenzüberschreitenden Kommunikation tritt nach Hafez eher zutage bei der Unterhaltungsindustrie, die vielfach unter dem Begriff ‚Amerikanisierung' zusammengefasst wird. Doch auch hierbei werden ursprünglich US-amerikanische Formate - etwa Talksendungen, Seifenopern, Nachrichtenformate oder auch Musikprodukte - den regionalen und nationalen Gegebenheiten angepasst. Dieses geschehe wiederum oftmals durch nationale Medienunternehmen. Zudem sei eine US-amerikanische Dominanz bei kulturell hochwertigen Inhalten nicht gegeben - etwa der Literatur und der E-Musik. „Es sind die Musik und das Bild, die die Unterhaltungskultur als Kernbereich der Globalisierung charakterisieren - und es ist das Wort, es sind die Nachrichten und Weltdeutungen, die sich als Basis des lokalen Widerstandes und der Eigenständigkeit erweisen.“

Keine Weltöffentlichkeit

Eine notwendige Basis für eine tatsächliche Etablierung einer Weltöffentlichkeit (global public sphere) wären, so der Wissenschaftler, „überstaatliche globale“ Medien, diese existierten aber bis heute nicht. Hafez identifiziert in der medienbezogenen Globalisierungsdebatte daher einen Mythos, der ähnlich wie andere Mythen einen allseits geglaubten Tatbestand darstellt, ohne jedoch belegt werden zu können. In diesem Mythos hängen Faszination für das scheinbar Offensichtliche sowie Angst vor dem Unbekannten eng zusammen. Er resümiert, dass „die Komposition des Mythos nicht herrschaftsfrei (ist), sondern sie folgt den Gesetzmäßigkeiten des öffentlichen Diskurses und ist durchsetzt von Fehlwarnungen, ideologischen Projektionen sowie politischen Interessen und daher permanent korrekturbedürftig.“ Dennoch sei der „Mythos der Globalisierung“, so Hafez, ein notwendiger Mythos. Er bedürfe jedoch einer fundierten, wissenschaftlichen Auseinandersetzung - um in dem Mythos die realen Bestandteile erkennen zu können oder aber auch Teile davon zu entmystifizieren.

Entzauberter Mythos

Kai Hafez' Auseinandersetzung mit der globalen Entwicklung der Medien ist geprägt durch den Blick des Kommunikationswissenschaftlers. Von einer politikwissenschaftlichen Lesart her erscheint seine Arbeit stellenweise als zu unpolitisch und geht relativ wenig etwa auf die Manipulationsprozesse von Staaten und Institutionen ein - so die stetig wachsende Bedeutung des Bereichs Öffentlichkeits-arbeit (PR), sowohl für Regierungen, Konzerne als auch für andere Institutionen. Doch beleuchtet Hafez fundiert und detailliert vor allem die kulturellen und wirtschaftlichen Mechanismen, die insgesamt dazu beitragen, den Mythos von der Globalisierung der Medien(Inhalte) zu entzaubern und ihn auf ein realitätsnahes Fundament zu stellen.


Buchdeckel

Hafez, Kai: Mythos Globalisierung. Warum die Medien nicht grenzenlos sind. 252 S. Mit 17 Abb. u. 3 Tab., broschiert. ISBN: 3-531-14670-X, EUR: 24,90. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005.

Mehr Informationen auf der Verlags-Homepage

 

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Zuletzt aktualisiert: 2005-12-04 19:21