Fünf (literarische) Momente auf der Frankfurter Buchmesse 2005

Unter vielen Gesichtspunkten gab es auch in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse nichts wirklich Neues. Nach vier Tagen zwischen überfüllten Gängen, in der Gesellschaft von scheinbar immer gleichen Gesichtern und Themen, bleiben jedoch ganz bestimmte Eindrücke deutlicher haften als andere. Hier eine kleine, persönliche Auswahl. Von Mirjam Miethe

  1. Die Fußball-Halle
    Nachdem bereits TV und Film großzügig ins Programm der Frankfurter Buchmesse eingegliedert wurden, ebnet sich der Weg für jede noch so absurde Verknüpfung von Literatur/Kultur und anderen „Highlights“ des gesellschaftlichen Lebens. Und da das kommende Highlight für Deutschland wohl die Fußball WM im nächsten Jahr zu sein scheint, versucht auch die Buchmesse sich an diesen Trend zu hängen, nur nicht ganz so gewollt intellektuell wie zum Beispiel die Berliner Ausstellung „Rundlederwelten“. Ganz offensichtlich soll diese Halle für Action Sorgen mit Tischfussball, einer Fußball-Buchwand, bei der man sich Bücher erkicken kann, Fußballkunst (Skulpturen, Fotos) und live Trainingsspielen. Der Vorfreude auf das kommende Jahr sind also keine Grenzen gesetzt. Das Ergebnis wirkt sowohl unglaublich banal wie erschreckend, denn die Absurdität dieser thematischen Collage fällt in diesem Rahmen kaum noch auf.

  2. Ein koreanisches Kinderbuch über den Regen
    Das Gastland Korea schuf sicherlich eine der interessantesten Oasen auf der ganzen Buchmesse. Die atmosphärischen Räume mit Naturelementen, sowie interessant vermitteltes Wissen über die koreanische Buchdruckkunst (entstanden Jahrhunderte vor Gutenberg) überzeugten deutlich. Neben schönen Kunstbänden, Abhandlungen über Meerestiere, Kochbüchern und Gedichten, war es aber vor allem ein kleines Kinderbuch über Tiere im Regen, das verdeutlichte, wie überzeugend und bedeutend gerade das Schlichte und die Ruhe sein können.

  3. Heike Makatsch mit „Keine Lieder über Liebe - Ellens Tagebuch“
    Neben routinierten Buchmesse-Autoren wie Robert Gernhardt, die in oft sehr gelungenen Gesprächen und Lesungen alle Erwartungen bestätigten, gaben sich natürlich vor allem die TV-Sender wieder Mühe mit einem ausgewogenen Gäste-Programm. Das schließt natürlich auch die Populärkultur ein. Da Dieter Bohlen dieses Jahr der Buchmesse nicht den entsprechenden Starglanz verlieh, blieb nur die Suche nach „vergleichbaren“ deutschen Persönlichkeiten. Als Ersatz boten sich sowohl Nena als auch Heike Makatsch an. Wo Nena allerdings mit ihrer Autobiographie auch keine neue Message verbreitete (Motto: Nur der Glaube an sich selbst, bringt weiter), war von Heike Makatsch schon mehr zu erwarten. Schließlich klingt das Buchprojekt spannend: Im Film „Keine Lieder über Liebe“ (Kinostart war am 27.10.) geht es um eine Dreiecksbeziehung, gedreht fast in Echtzeit mit einem strikten Improvisationskonzept ohne Drehbuch. Makatsch beschrieb nun die Gefühle ihrer Figur Ellen, die sich zwischen zwei Männern entscheiden muss, in deren Tagebuchauf-zeichnungen. Wo der Film schon deutlich an Überzeugungskraft verliert, nämlich durch die schwache Schauspielleistung von Makatsch, ist auch das Buch leider nicht gehaltvoller. Sogar vor platten Formulierungen wie „mein liebes Tagebuch“ schreckt die Autorin nicht zurück. Vor einem allzu konkreten Ausdruck von authentischen Gefühlen scheut sie sich jedoch. Sehr schade, dass sie trotz ihrer Präsenz, dem netten Lächeln und dem deutlich interessierten Publikum, nicht durch Inhalte, sondern nur durch ihr Image „wichtig“ ist. An dieser Szene lässt sich wohl deutlich die Einstellung von Produzenten wie auch von Konsumenten auf der Buchmesse ablesen.

  4. Joey Goebel mit „Vincent“
    „Vincent“ (engl. „Torture the Artist“), das Buch eines amerikanischen Rebellen-Autors, war wohl einer der Favoriten der Buchmesse. Gepuscht wurde nicht nur das Werk an sich, sondern auch Goebel, der es versteht, sein Image des Künstlers als Provokateur und Charmeur mit zerzauster Frisur im Kordjackett über Tage hinweg aufrecht zu erhalten. Die fünf Jahre, die der junge Wilde als Singer-Songwriter in einer Punk-Pop-Band verbracht hat, haben ihn sichtlich geprägt. Seine Geschichte schildert auf amüsante Weise das Schicksal des „Wunderkindes“ Vincent, der durch seinen Agenten absichtlich ins Unglück gestürzt wird, denn nur ein trauriger Künstler ist ein guter. Als Kritik an einer Kultur gedacht, die wie versessen ist auf Mittelmäßigkeit und im nichts-sagenden Pop ertrinkt, versteht Goebel seine Figur Vincent als „pure art“, die durch die (Kunst-)Industrie korrumpiert wird. Dies macht sein Buch wohl auch zu einer Analogie für den Kulturbetrieb an sich und im Speziellen für die Buchmesse, die nicht nur durch die professionelle Show um Autoren, Sport und scharfe Bräute (siehe Taschenverlag) einmal mehr bewies, dass Business-Konzepte sich gern mit Intellektualität mischen.

  5. Christoph aus „Die Sendung mit der Maus“
    Anstatt des grünen Pullovers trug er ein intensiv blaues Jackett. Und er wusste genau, dass er erkannt wurde von der entsprechenden Altersgruppe der Mitte-Zwanzigjährigen. Ein persönlicher glamouröser Moment ganz abseits von den „wichtigen“ Figuren.

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Zuletzt aktualisiert: 2005-12-04 19:21