Besuch eines Gefängnisgottesdienstes im Schweizer Hochsicherheitsgefängnis Pöschwies

Im Rahmen meines Auslandssemesters in Bern musste ich eine Hausarbeit über „Religiöse Feste im Strafvollzug“ schreiben. Und was lag da näher, als selbst mal an einem Gottesdienst teilzunehmen? Ich habe mir also einen Gefängnisseelsorger gesucht, einen Termin ausgemacht und schon saß ich am 12. Juni 2005 gemeinsam mit der Studentin Irmi um 6 Uhr im Zug nach Regensdorf, der uns zur Männer-Strafanstalt Pöschwies, dem größten Sicherheitsgefängnis der Schweiz, bringen sollte. Hier könnt ihr nun einen sehr persönlichen Bericht meines Erlebnisses lesen und in die spannende Arbeit eines Gefängnisseelsorgers eintauchen. Von Bianka Boyke

Auf dem Parkplatz treffen Ivo, Irmi (1) und ich Luis Capilla, den spanischen Seelsorger, der hier auch zu 10% arbeitet und bereits seit über 20 Jahren regelmäßig die Gottesdienste im Gefängnis mitgestaltet. Es ist erst 7.30 Uhr und der Gottesdienst soll um 8.45 Uhr beginnen. Gut möglich, dass noch gar keine Aufseher da sind, die uns durch die Sicherheitskontrollen lassen. Wir warten also vor dem großen weißen Tor, das der Übergang zu einem ganzen Dorf mit anderen Regeln zu sein scheint. Es öffnet sich mechanisch. So langsam es sich aufgeschoben hat, schließt es sich auch wieder. Mir wird etwas mulmig. Wie muss es den Männern gehen, die wissen, dass sie dieses Tor für viele Monate oder Jahre nicht mehr verlassen (2)?

Wir kommen zur ersten Kontrolle, müssen unsere Ausländerausweise, sowie den deutschen Personalausweis und den österreichischen Pass abgeben. Name, Adresse im In- und Ausland sowie jedes weitere Detail scheinen auf einem großen weißen Bogen festgehalten zu werden. Wichtig: Die Uhrzeit. So kann jederzeit kontrolliert werden, ob wir noch im Gefängnis sein müssten, falls wir mal „verloren gehen“ sollten.

Ivo Graf geht jetzt einen anderen Weg. Die Körperkontrolle braucht er als fester Pfarrer (80%) nicht über sich ergehen lassen, Luis Capilla hingegen schon. Zwar arbeitet er bereits seit 1976 in der Pöschwies, aber er selbst sagt, wenn auch schmunzelnd: „Hier zählt nicht Vertrauen, sondern die Prozente.“ Wir sind ganz froh, nicht alleine zu sein, hatten wir uns doch schon gedanklich mit einer peinlichen Leibesvisitation beschäftigt. Aber wir haben Glück. Bereits beim ersten Wärter hatte Ivo gesagt: „Das Team ist nett. Da bekommen wir keine Probleme.“ So laden wir unsere Ausweise, Uhren und weiteren Schmuck in kleine Holzkörbchen, mein Block und Schreibzeug landen auf einem Fließband - also alles wie an einem modernen Flughafen, nur dass es hier überall sehr leer und erschreckend still ist.

Wir gehen durch eine weitere Schleuse am Besucherraum vorbei. Der sieht recht freundlich aus, sehr hell und modern: die Möbel haben helles Holz, alles ist blau und cremefarben wie im ganzen Gefängnis. Es gibt eine Kinderecke für die bis 12jährigen und einen Familienraum mit Bett. Hier befinden wir uns jetzt in dem Bereich des Gefängnisses, der für „normale“ Besucher nicht zugänglich ist.

Wieder eine Schleuse. Erst jetzt sieht man die einzelnen Gebäude in denen sich die Zellen befinden. Wir kommen zum „Sozialzentrum“, in dem Ivo sein Büro hat und sich auch der Andachtsraum befindet. Dort gehen wir direkt hin. Neben der Eingangstür hängen fünf Symbole: ein Halbmond, ein Davidsstern, ein Ying-Yang-Zeichen, ein achtspeichiges Rad und ein Kreuz - die Symbole für Islam, Judentum, Buddhismus, Hinduismus und Christentum. In einem halbrunden Bogen verläuft eine Bank aus hellem Holz an der Wand entlang, die in Blautönen sehr modern mit einer Wischtechnik bearbeitet wurde. Weitere Stühle sind im Halbkreis aufgestellt, in der Mitte des Raumes steht ein frischer Strauß Blumen. Den und die Stühle hat der Küster, der bis zum heutigen Sonntag selbst Gefangener war, bereits gestern aufgestellt. Heute wurde er nach drei Jahren Pöschwies entlassen. Aber sein Weg ging erstmal in das Flughafengefängnis. Dort muss er bis Morgen bleiben, dann wird er nach Nigeria ausgeflogen.

An der Wand hängt ein großes Kruzifix. Auch beim muslimischen Freitagsgebet blieb es lange hängen. Inzwischen wird es abgehängt und in den Nebenraum gebracht, wo auch der rollbare Altar hinkommt und die unterschiedlichen Gewänder der Seelsorger hängen.

Der Gottesdienst rückt näher. Ich frage mich, ob es Gefangene geben wird, die extra wegen uns kommen. Der spanische Priester und Ivo Graf haben ihre Vorbereitungen getroffen, drücken jetzt einen Knopf, der einem der Aufseher durch ein Signal Bescheid gibt: Die Häftlinge dürfen kommen. Nach und nach betreten 22 Männer den Raum. Sie zu beobachten und in ihrem Verhalten Unterschiede festzustellen ist spannend. Die Schweizer setzen sich direkt neben uns. Die Hälfte von ihnen begrüßt uns mit einem freundlichen Lächeln und Händedruck, ansonsten nur ihre Landsmänner. Auch die Schwarzen, die alle erschreckend jung sind, begrüßen sich generell nur untereinander. Nur heute macht einer von ihnen eine Ausnahme. Nachdem er seine Kollegen begrüßt hat, geht er erst zu den Schweizern und dann zu uns. Nur wenige von ihnen begrüßen alle Gottesdienstbesucher, die Meisten scheinen Einzelgänger zu sein, sprechen mit niemandem. Doch auch wenn die Männer sich keiner Gruppe anschließen oder niemanden begrüßen, setzen sie sich doch alle recht eng zusammen hinten auf die Bank die Stühle bleiben zunächst frei. Dann kommt ein Häftling, der sich direkt in die Mitte des Raumes, auf den mittleren Stuhl direkt vor die Blumen setzt. Er ist mir schon durch sein Aussehen irgendwie unheimlich. Automatisch läuft in meinem Kopf ein kleiner Film ab und ich bilde mir ein zu wissen, welche Tat er begangen hat. Ob dies sein Stammplatz ist und er ihn verteidigen würde, wenn ihn jemand anderes in Anspruch nimmt? Der Gottesdienst beginnt. Es ist still - niemand spricht.

Früher kam eine Gruppe von fast 30 Männern immer in den Gottesdienst, um hier zu den anderen Insassen Kontakt aufzunehmen und Handel zu betreiben. Nach einem Gespräch mit dem vermeintlichen „Boss“ kamen immer weniger und inzwischen kommen nur noch diejenigen in den Gottesdienst, die wirklich interessiert sind.

Mein Gebet ist dran. Beim Vortragen traue ich mich kaum aufzublicken, bilde mir ein jedes einzelne Augenpaar zu spüren und frage mich, was die Männer jetzt wohl über mich denken. Viele können meine deutschen Worte ja gar nicht verstehen, wissen also auch gar nicht wer ich bin und vor allem warum ich hier bin. Doch obwohl sie nur Englisch, Spanisch, Italienisch, Französisch oder auch eine noch andere Sprache verstehen, kommen sie regelmäßig in den Gottesdienst. Offensichtlich gibt er ihnen etwas, auch wenn er ganz anders ist, als sie es gewohnt waren. Denn ein großer Teil der Gottesdienstbesucher kommt ursprünglich aus Afrika und dort feiern sie ihre Gottesdienste lauter, bunter.

Während des Gottesdienstes fallen mir drei Häftlinge besonders auf: Ein Araber, der seine Hände die ganze Zeit in den Taschen behält. Gelegentlich stampft er auch mit den Füßen auf. Aus irgendeinem Grund ist er sehr nervös oder fühlt sich unwohl. Ob das an uns liegt? Mir gegenüber sitzt ein Osteuropäer, der den Worten auch nicht zu folgen scheint und mich fast ununterbrochen anlächelt. Unheimlich. In einer Ecke sitzt ein Südamerikaner. Während des ganzen Gottesdienstes scheint er sehr in sich gekehrt, schließt die Augen immer wieder und betet. Am Ende des Gottesdienstes geht er noch einmal zum Kruzifix, das direkt neben uns hängt. Er streichelt und küsst es und betet ein letztes Mal, bevor er sich freundlich verabschiedet. Ich frage mich, welche Gründe einen so gläubigen Menschen dazu gebracht haben, ein Verbrechen zu begehen, das ihn vielleicht sogar jahrelang hinter Gitter bringt.

Die Gefangenen verlassen nach dem Gottesdienst den Andachtsraum, verabschieden sich alle einzeln von Ivo und seinem spanischen Kollegen. Wir bleiben mit unseren Eindrücken zurück. Ein Aufseher kommt auf uns zu. Während des Gottesdienstes saß er die ganze Zeit draußen vor der Tür. Jetzt müsste er die Gefangenen eigentlich sofort auf ihre Stationen zurückbringen oder zumindest im Vorraum bei ihnen bleiben, doch er sagt, dass er das Ganze nicht so eng sieht. Er gibt den Gefangenen Zeit für ein Gespräch untereinander, mit den Seelsorgern oder auch einfach nur für eine Zigarette. „Es ist gut, dass nicht alle so locker sind wie ich, dann würde hier alles drunter und drüber gehen. Aber eine gute Mischung scheint mir das Beste zu sein.“ Die Gefangenen haben sich an die Unterschiede gewöhnt, wissen, wann sie sofort zurück in ihre Zellen müssen oder wann Ivo das Tempo bestimmen darf. Der Aufseher lächelt uns freundlich an: „Das freut die Gefangenen schon sehr, dass sie jetzt hier sind. Die brauchen auch mal Abwechslung, so junge nette Frauen sehen sie ja sehr selten.“ Das klingt zwar etwas komisch, leuchtet aber ein. Nicht jeder bekommt weiblichen Besuch von außerhalb und selbst das wäre bei einer Stunde pro Woche recht wenig und zudem arbeiten im Gefängnis selbst hauptsächlich Männer. Aber ich bin froh, dass wir den Aufseher erst nach dem Gottesdienst getroffen haben.

Er ist gegangen und es ist wieder ganz still. Eigentlich ist nichts davon zu merken, dass wir uns in einem Gefängnis befinden. Bewusst wird es mir dann aber wieder recht schnell, als wir das „Sozialzentrum“ durch zwei Sicherheitstüren verlassen. Nur die Erste kann Ivo selbst öffnen, für die Zweite müssen wir ein Signal auslösen, das einen anderen Gefängnismitarbeiter benachrichtigt, der uns dann den Weg freigibt. Wir gehen am Innenhof der Gefangenen vorbei. Vor ein paar Stunden waren sie noch nicht da, aber jetzt spielen sie in der Sonne Billard, Kicker oder sitzen einfach nur draußen. Wir sind von ihnen durch einen Gitterzaun getrennt. Viele tragen ihre roten oder blauen Gefängnistrainingsanzüge. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Platz nur dadurch von einem normalen Freizeitgelände, auch die sind schließlich oft durch Zäune begrenzt. Wir gehen vorbei; sie müssen hier bleiben - die meisten noch viele Jahre. Wieder eine Schleuse, wir verlassen den Bereich der Gefangenen, gehen noch einmal am Besucherraum vorbei und kommen durch eine weitere Schleuse zur Ausweiskontrolle. Die letzte Schleuse: Wir sind wieder draußen. Ich blicke ein letztes Mal an den hohen Mauern hoch. Seit dem Bau vor neun Jahren gab es zwar drei Ausbruchsversuche, doch keiner schaffte es über die drei Sicherheitszäune. Einer der Häftlinge plante seinen Ausbruch jahrelang und scheiterte - wir brauchten fünf Minuten um das Gefängnis zu verlassen. Wie müssen sich die Männer fühlen, wenn sie das große weiße Tor durchqueren und sie wissen, dass es (meist) jahrelang dauern wird, bis sie es wieder als freier Mensch verlassen dürfen? Ein komisches Gefühl. Ich bin etwas erleichtert, wieder zu den „Freien“ zu gehören und jetzt hingehen zu können, wohin ich will. Niemand wird mich um 17 Uhr in meinen Pavillon zurückbringen, um 20 Uhr in meine Zelle einschließen und jeden Morgen um 6 Uhr wecken.

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Zuletzt aktualisiert: 2005-12-04 19:22