Über das Wendland mal ganz anders

Die Vergangenheit eines berüchtigten Landstriches

Das Hannoversche Wendland wird meist mit Atomtransporten und den zugleich stattfindenden Anti-Castor-Demonstrationen in Verbindung gebracht. Ohne den Ernst dieses Problems herabzuspielen, thematisiert der vorliegende Artikel jedoch weder das Gorlebener Endlager für radioaktive Abfälle, noch die Anti-Atomkraft-Bewegung. Dieser Landstrich wird hier aus der kulturhistorischen Perspektive betrachtet. Während also die Entstrahlung des Atomabfalls ganze Äone beanspruchen wird, versetzen wir uns gedanklich um wenige Jahrhunderte zurück und nehmen die Geschichte, Sprache und Kultur damaliger Wendlandbewohner, der Drawänopolaben, unter die Lupe. Von Konrad Hierasimowicz

Wer? Wie? Was?

Das Wendland verdankt seinen Namen dem alten deutschen Begriff Wenden, mit dem Slawen bezeichnet wurden. Die Bezeichnung Polaben ist slawischer Herkunft und bedeutet in etwa „die im Gebiet der Elbe lebenden“. Die deutsche Entsprechung dafür ist der Begriff Elbslawen und bezieht sich auf die westslawischen Völker, welche im Mittelalter ungefähr zwischen der Saale und Oder gelebt haben. Anders sah die Namensgebung in der damaligen Zeit aus. Der Begriff Elbslawen existierte nicht (slawische Bewohner wurden Wenden genannt) und die Bezeichnung Polaben bezog sich auf einen konkreten slawischen Stamm, welcher die Gebiete östlich von Hamburg bewohnte. Heute wird der Begriff Polaben (wie in diesem Text) analog zu Elbslawen verwendet. Die Eigenbezeichnung Drawänopolabe (oder Drawäne) bedeutet etwa soviel wie Waldbewohner.

Polaben kamen während des 6. Jahrhunderts im Zuge der slawischen Westwanderung in die damals teils sehr dünn besiedelten, teils unbewohnten Gebiete des heutigen mittleren und nördlichen Ostdeutschlands. Die dort vor jener Zeit lebenden germanischen Langobarden sind wanderten im 5. Jahrhundert nach Süden aus und hinterließen nahezu menschenleere Gebiete. Die wenigen verbliebenen Germanen unterlagen rasch der Slawisierung. Die das Hannoversche Wendland bewohnenden Drawänen bildeten den westlichen Flügel der Stämme und gehörten zu den wenigen wendischen Gruppen, die nördlich von Magdeburg linkselbische Gebiete bevölkerten.

Was bedeutet „drawänopolabisch“?

Das bis ins 18. Jahrhundert im Hannoverschen Wendland gesprochene Drawänopolabische war eine Mundart des Polabischen, welches zum lechitischen Zweig westslawischer Sprachen gehörte. Die wendländischen Drawänen waren die letzten Sprecher eines Dialekts der polabischen Sprache. Die bis heute gesprochenen lechitischen Sprachen sind das Polnische und das Kaschubische. Wenn heutzutage konkrete Aussagen über die polabische Sprache getroffen werden, wird damit in der Regel das Drawänopolabische gemeint, weil es der einzige schriftlich aufgezeichnete polabische Dialekt ist. Von dieser begrifflichen Vereinfachung werde ich im Folgenden ebenfalls Gebrauch machen.

Das Polabische erlangte nie den Status einer Schriftsprache. Die bescheidenen Kenntnisse über die Mundart der Drawänen verdanken wir einer Handvoll Menschen, die aus verschiedenen Motiven Interesse an der aussterbenden Sprache entwickelten und einige ihrer Vokabeln aufzeichneten, jeder von ihnen in seiner eigens entwickelten Schreibweise.

Die bedeutendste Arbeit diesbezüglich lieferte der Wustrower Pastor Christian Henning von Jessen. Mit der Hilfe seines „Lehr-Meisters“, des Bauers Johann Janieschge aus Klennow schuf er 1705 das „Vocabularium Venedicum“. Dieses Buch ist weit davon entfernt, ein vollständiges lexikalisches Material des Polabischen zu sein, aber es ist weitaus das ausführlichste.

Der einzige Autor, der die aussterbende Sprache für spätere Generationen seiner Landsleute erhalten wollte, war der Dorfschulze von Süthen, Johann Parum Schultze. Er verfasste in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Wendlandchronik. Das etwas über drei Hundert Seiten umfassende deutschsprachige Dokument erzählt nicht nur von den Ereignissen des Wendlands, sondern beinhaltet auch ein Wörterbuch des Drawänopolabischen. Parum offenbarte seinen Anlass für das Aufzeichnen der polabischen Sprache mit den folgenden Worten: „Ich bin ein Mann von 47 Jahren. Wenn mit mir und dennoch drei Personen es vorbei in unserem Dorf, alsdann wird wohl niemand mehr wissen, wie ein Hund auf wendisch genannt wird.“

Um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den westslawischen Sprachen zu veranschaulichen, stellt die untere Tabelle einige Wörter des Polabischen den polnischen, ober-sorbischen sowie tsche-chischen Begriffen ge-genüber. Die ersten sechs Beispiele ähneln einander in allen vier aufgeführten westslawischen Spra-chen. Bei den drei letzteren handelt es sich um deutsche Lehnwörter in der drawänopolabi-schen Sprache, welche bedingt durch die unmittelbare Nachbar-schaft beider Sprachräume einen beträchtlichen Teil des Wortschatzes dieser Sprache ausmachten.

Kultur der Polaben

Über die geistige Kultur der Polaben vor der Christianisierung gibt es praktisch nur Beschreibungen ihrer religiösen Riten. Bevor die Wenden zu Christen wurden, war ihr Glauben das slawische Heidentum. Da die Bewohner des Hannoverschen Wendlands erst spät ins Blickfeld von Schriftkundigen rückten, können wir nichts Konkretes über ihre religiösen Vorstellungen vor der Christianisierung erfahren. Fasst man jedoch die relativ geringen Unterschiede innerhalb des slawischen Heidentums ins Auge, erscheint es als sehr wahrscheinlich, dass ihr Glauben dem ihrer benachbarten westslawischen Stämme stark ähnelte. Die Götterwelt der heidnischen Slawen hatte Analogien zu der alten Indoeuropäischen. Zu den wichtigsten Göttern gehörten der Donnergott Perun, der Gott der Fruchtbarkeit Veles, der Feuer- und Sonnengott Svarog sowie der Gott der Ernte und des Krieges Svantevit. Über all diese Götter existieren schriftliche Überlieferungen. Eines davon ist der Reisebericht des Dänen Saxo Grammaticus, welcher das in Jaromarsburg, auf der Nordspitze Rügens stehende Zentrum des Svantevit-Kultes besuchte und über die Tempelanlage sowie die stattfindende Zeremonie berichtete. Seinen Worten nach stand der Tempel auf einem Platz inmitten der Burg. Das hölzerne Gebäude war mit zahlreichen Schnitzereien und Gemälden geschmückt und verbarg eine Statur des vier in alle Himmelsrichtungen blickenden Gottes Svantevit. In seiner rechten Hand hielt Svantevit einen Horn, welchen der Priester mit Wein füllte, um daraus über die bevorstehenden Ernten prophezeien zu können. Grammaticus besuchte Rügen zur späten Sommerzeit und hatte die Gelegenheit, ein Svantevit gewidmetes Erntedankritual zu beobachten.

Obwohl die Wenden bereits im Spätmittelalter vollständig christianisiert waren, haben sich Überbleibsel aus der heidnischen Zeit bis in das 18. Jahrhundert bewahrt. Beispiele dafür sind die Bezeichnungen kobba (Krähe) für den Heiligen Geist sowie bo¿¹dko (Göttlein) für eine Puppe. Bekannt ist ebenfalls, dass die Drawänen äußerst abergläubisch waren. Während jeder Tätigkeit mussten zahlreiche Gebote eingehalten werden, damit die handelnde Person, ihre Familie oder das ganze Dorf nicht vom Unglück betroffen werden. Die wendische Welt war voll von lauernden Gefahren. In den Wäldern trieben Vampire, Hexen und Werwölfe ihr Unwesen. Der wohl makaberste Aberglaube betraf Säuglinge, welche einmal von der Brust abgesetzt, wiederholt gestillt wurden. Ihre Lippen konnten demzufolge unsterblich werden und ihren Besitzer nach seinem Tode aufessen. Nach dieser Untat würden sie aus dem Grabe heraus die Lebenskräfte der Familienangehörigen aussaugen, was mit dem Tode der ganzen Familie enden würde. Um dieses zu verhindern, legte man eine Münze mit eingraviertem Kreuz unter die Zunge des Toten.

Das heutige Wissen über die materielle Kultur der Polaben vor ihrer Christianisierung beruht auf den Befunden der archäologischen Forschung und ist eher spärlich. Entdeckt wurden mittelalterliche Siedlungsreste aus Holz, darunter einige Festungsanlagen, sowie Grabstätten. Nicht nur Bauobjekte gehören zu den Funden der Archäologen, ausgegraben wurden ebenso Waffen, Geschirr, Schmuck sowie einige Stein- und Holzfiguren heidnischer Götter. Ein sehr sinnbildlicher Fund ist der den vorchristlichen Gott darstellende “Svantevitstein”, welcher als ein Bauelement der Mauer einer Kirche auf Rügen Platz fungiert. Ähnlich wie dieser Granitstein, fanden die Überbleibsel heidnischer Riten in der vom Christentum geprägten Kultur der späten Polaben ihren Platz.

Eine Besonderheit des Wendlandes sind seine Rundlingsdörfer. Diese Siedlungsbaustrukturen treten nahezu ausschließlich in den Durchdringungsgebieten der slawischen und deutschen Kultur auf, also hauptsächlich im Wendland, teilweise in Brandenburg und Mecklenburg. Ein typisches Rundlingsdorf ist klein, liegt abseits der Hauptverkehrsstraßen und verfügt in der Regel über nur einen Zugangsweg. Die Höfe sind rund um den Dorfplatz gebaut und ihre Eingänge zeigen in seine Richtung. Einen Einblick in diese Architektur sowie in die späte materielle Kultur der Wendländer bietet das Rundlingsmuseum in Lübeln. Dort befindet sich ebenfalls das Parum-Schulze Haus, wo die Wendlandchronik des Dorfschulzen von Süthen sowie eine Hörprobe der drawänopolabischen Sprache präsentiert werden.

Untergang der polabischen Sprache und Kultur

Über ein Jahrtausend lang waren Polaben die östlichen Nachbarn der Sachsen, Thüringer und Dänen. Bis in die heutige Zeit lässt sich die damalige Grenze zwischen den germanischen und slawischen Stämmen mühelos nachzeichnen. Ortsnamen mit den Endungen -ow -itz oder -in sind slawischen Ursprungs.

Während die verwandten polabischen Mundarten, welche zum größten Teil viel östlicher vom Hannoverschen Wendland gesprochen wurden, im Laufe der fortschreitenden Germanisierung nach und nach verschwanden, hat sich in dem Landstrich, das etwa dem heutigen Landkreis Lüchow-Dannenberg entspricht, die Kultur und Sprache der Polaben am längsten konserviert. Auf Rügen und im Osten des heutigen Schleswig-Holsteins wurden polabische Mundarten bis ins 15. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Im benachbarten südwestlichen Mecklenburg bewahrte sich diese Sprache noch bis ins 16. Jahrhundert hinein. Die letzten polabischsprechenden Wendländer sind in der Mitte des 18. Jahrhunderts gestorben, aber bereits am Anfang jenes Jahrhunderts war diese Sprache eine Randerscheinung. Bis ins 19. Jahrhundert tauchten aus dem Wendland Berichte über vereinzelte Personen auf, welche Ausdrücke, Redewendungen und Gebete in der Sprache ihrer Vorfahren kannten.

Warum unterlagen die Polaben der völligen Assimilierung und büßten ihre Kultur und Sprache ein? Einer der Gründe war wohl die Tatsache, dass sie nahezu ganz aus dem Stadtleben ausgeschlossen waren. Ab dem 11. Jahrhundert fand die Deutsche Ostsiedlung im Land der Polaben statt und die einst sprachlich und kulturell slawischen Landstriche wurden in zahlreichen Fällen dem Heiligen Römischen Reich als deutsche Länder angeschlossen. Die Deutsche Ostsiedlung brachte außer der deutschen Sprache auch das Christentum ins Land der Wenden. Der Zugang zum Stadtleben wurde nicht allen Wenden verwährt. Wollte jedoch eine slawischsprachige Person zum Stadtbürger werden, so geschah dies auf Kosten ihrer bisherigen Kultur. Sie musste die Stadtsprache sprechen und diese war Deutsch. Seit dem späten 13. Jahrhundert wurden hinsichtlich des Wendischen in zahlreichen Städten Sprachverbote erlassen: in Bernburg an der Saale (1293), Altenburg, Zwickau und Leipzig (1327), Meißen (1424) und schließlich Lüneburg und Uelzen (1672). Außer den Sprachverboten in Städten sind keine gezielten Maßnahmen zur Germanisierung der Elbslawen bekannt.

Nicht einzig die Sprachrestriktionen, welche die Städte prägten, führten zum Untergang der polabischen Sprache. Slawen stellten in den Städten eher eine Ausnahme dar und die meisten Sprecher lebten auf dem Land. Dennoch verschwand diese Sprache auch dort, ohne einer direkten Diskriminierung ausgesetzt zu sein. Eine interessante Beobachtung dazu schrieb Christian Hennig von Jessen nieder. Als er nämlich die Bauern besuchte, um das Material für sein Wendisches Wörterbuch zu sammeln, fiel ihm auf, dass noch manche ältere Menschen zwar polabisch sprechen konnten, jedoch sich in der Gegenwart ihrer Kinder schämten, diese Sprache zu benutzen, weil sie von ihnen verspottet wurden. Auffallend ist, dass sich der Untergang drawänopolabischer Mundart anscheinend in einer außergewöhnlich kurzen Zeitspanne ereignete. Johann Parum schreibt in seiner Chronik, dass sowohl sein Großvater als auch sein Vater perfekt polabisch sprachen, Schultze selbst war noch ein Kundiger dieser Sprache, seine fünf Jahre jüngere Schwester konnte das Drawänopolabische nur rudimentär und der jüngste Bruder hat diese Sprache weder gesprochen noch verstanden.

Auch Martin Luther war ein Zeitzeuge der schwindenden Sprache der Polaben. Er hielt es nicht für nötig, die Bibel in die Sprache der Wenden übersetzen zu lassen, weil er vermutet hat, dass diese bald ausstürbe.

Der wohl wichtigste Faktor des Untergangs der polabischen Kultur war die mit dem Deutschtum verbundene Aussicht des sozialen Aufstiegs. Wer die Sprache des Landesherren, der Gerichte und der Stadtbewohner kannte, war besser gestellt. Der wachsende Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung und die steigende Zahl deutsch-polabischer Mischehen, in denen sich nahezu ausnahmslos die deutsche Sprache durchsetzte, führten schließlich zur völligen Assimilation und zum Aussterben der wendischen Sprache. In unterschiedlichen Landstrichen der Germania Slavica ist dieser Prozess verschiedenartig und nicht gleich schnell verlaufen.

Ans Ende des Artikels angelangt, möchte ich doch noch eine Anmerkung zu dem Atomendlager in Gorleben loswerden. Das Leben der Drawänen war recht einfach und bäuerlich. Während andere Zivilisationen Kulturstädte und Universitäten hervorbrachten, bestellten die letzten linkselbischen Wenden ihre Äcker. Sogar in der Zeit der Aufklärung glaubten wohl die meisten von ihnen an Kobolde und kaum ein Wende konnte lesen oder schreiben. Dennoch hinterließen sie, wie schon viele Völker vor ihnen, ein Stück Land, auf dem eine neue Kultur gedeihen konnte. Erdschichten verbergen die Fundamente ihrer Häuser, ihre Grabstätten und Überreste ihres Handwerks. Zwei Jahrhunderte nach dem Erlöschen ihrer Kultur hat sich die Welt so schnell verändert, wie noch nie zuvor in der Geschichte. Heute sind wir gebildet, weltbereist und human. Wir glauben nicht mehr an Hexen oder Kobolde, sondern an Wissenschaft und Technik. Nach der Lektüre dieses Artikels wissen wir viel mehr über die Herkunft der Drawänen und die linguistische Einordnung ihrer Sprache, als sie damals selbst wussten. Was hinterlassen wir also den nachfolgenden Generationen?

In der nächsten Ausgabe der Uni.schaft schreibe ich über die Sorben - die südlichen Nachbarn der Polaben im Mittelalter. Während die Sprache der letzteren nur noch das vergilbte Papier alter Wörterbücher füllt, kann man heute noch mit ein wenig Glück das Sorbische im Osten Sachsens und Brandenburgs auf der Straße hören.

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Zuletzt aktualisiert: 2005-12-04 19:23