Von beengten Verhältnissen im neunt größten Land der Welt, diktierter Pressefreiheit und Sprachbarrieren

Keschiringiz - Entschuldigung auf kasachisch!

Ein etwas anderer Praktikumsbericht mit einigen Eindrücken in das faszinierende, schöne und fremde Kasachstan. Von Anne Hafenstein

Schwermütig schweift der Blick über die vorbeiziehende und familiär gewordene Steppenlandschaft entlang der entfernten Ausläufer des Tien-Shans. Blaue Punkte in der Ferne sind die Botschafter kleinerer Häuseransammlungen, die an der Bahnstrecke gelegen sind. Der Zug hält circa alle anderthalb Stunden. Von Schymkent im Süden nach Almaty im südöstlichen Kasachstan sind es nur circa 20 Zugstunden bei einer Durchschnitts-geschwindigkeit von 80 Kmh. Es ist Ende Juni und die gefühlte Raumtemperatur liegt bei 50 Grad Celsius. Die Digitalkamera verewigt letzte Erinnerungen im Speicherformat. Mit der Platzkarte reisen heißt sich mit circa 110 Menschen einen Waggon und alles in ihm zu teilen, das schließt die zwei Unisextoiletten und das eigene Gepäck irgendwie mit ein. Gestapelt - nebeneinander und übereinander sind wir unterwegs.

Deutsche Zeitung in Kasachstan

Vorbei gehen in diesen letzten Stunden drei Monate Arbeiten und Leben in Almaty/Kasachstan. Über die Praktikumsbörse Osteuropa in Berlin war der Praktikumsplatz schnell gefunden. Die Zusage ließ nicht lange auf sich warten, das Visa und der Flug waren unkompliziert organisiert.

Im Redaktionsalltag der Deutschen-Allgemeinen-Zeitung wurde ich schnell integriert. Das 40 qm große Büro ist mit fünf rüstigen Computern ausgestattet sowie einem fünfköpfigen Team, die wöchentlich circa 25 Zeitungsseiten fabrizieren. Morgens um 8.00 Uhr ist gewöhnlich Arbeitsbeginn und Feierabend halb sechs, aber das variiert von Wochentag zu Wochentag, Wetterlage und Ereignissen. Behandelt werden deutschlandrelevante Themen, dazu gehören Festivitäten, Veranstaltungen und Nachrichten. Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist die enge Zusammenarbeit mit den deutschen Organisationen und Verbänden vor Ort.

Etwas überraschend wirkte sich ein offizielles Ministeriumsschreiben aus, das der Redaktion am 3. Mai 2005 gefaxt wurde und in dem diese verbindlich aufgefordert wurde, auf mindestens zwei Seiten im deutschsprachigen Teil der Zeitung über den Tag der Befreiung (8. Mai 1945) zu berichten. Die Zeitung wird vollständig von der kasachischen Regierung im Rahmen des Minderheitenprogramms finanziert. Lediglich die Redakteurin des deutschen Teils ist Muttersprachlerin und ist über das Institut für Auslandsbeziehungen angestellt. Der Tag der Befreiung, der in Kasachstan lediglich Konkurrenz durch den Unabhängigkeitstag von der (16. Dezember 1991, Loslösung von der Sowjetunion) bekommt, hat Volksfestcharakter und wurde ebenso inszeniert. In den Stadien der Stadt spielten Bands vor ausgefüllten Zuschauerreihen. Auf der Freifläche

Inmtten des Zentralstadions sah man die kasachische Fahne, aber keine Zuschauer. Männer in olivgrün und mit grimmiger Miene standen im Abstand von zwei Metern aufgereiht vor den Zuschauerrängen. Allein drei Sicherheitssperren passierte man auf dem Weg hinein und mindestens zwei bei der Toilettenpause. Ein Popimport à la Blue System folgte dem anderen und beschallte die Zuschauerohren. Nach und nach landeten Fallschirmspringer mit Schirmen im Stil der Nationalflaggen der ehemaligen Alliierten inklusive aller Republiken der Sowjetunion im „zentralnej stadion“ der Stadt und begeisterten die Anwesenden.

Nach dem Ende des Hauptprogramms schlägt es den ewig wachen Journalisten zurück in die Redaktion. Mit einem eilig herbei gewunkenem Taxi geht es los. Taxi ist in Almaty alles, was vier Räder und einen Fahrer hat. Der Fahrer - noch in Feiertagslaune - verwickelt die offensichtlich ausländischen Fahrgäste in ein Gespräch: Woher wir denn kämen, was wir denn wollten in seinem Land. Zuerst auf kasachisch, dann auf Russisch und schließlich fluchend. Warum wir seine Sprache nicht sprechen würden, wenn wir in sein Land kommen, fragt er, was wir in seinem stolzen Kasachstan zu suchen hätten und fügt lautstark hinzu, dass man Nazis hier nicht will. Der Fahrpreis ist höher als sonst. Wir nuscheln pikiert „Keschiringiz“, was laut kasachischem Wörterbuch Entschuldigung heißt, und ziehen von dannen. Es liegt noch Arbeit vor uns: Ereignisauswertung, Artikel schreiben und Fotobearbeitung und alles bis Redaktionsschluss um 23.59 Uhr.

Wiederkehr eingeplant

Neben den Aufgaben des Praktikums spielt der intensive Kontakt zu den einheimischen Deutschen und Deutschlernern eine wichtige Rolle im Alltag. Schon vor der eigentlichen Ankunft zirkulierte, wie ich im Nachhinein erfuhr, das Gerücht von der baldigen Anwesenheit neuer Mutterspra-chler. Ein Besuch beim frisch konstituierten Stammtisch aller Deutschbegeisterten ist beinahe Pflichtprogramm. Jeder, der gerne seine Deutschkenntnisse testen und verbessern möchte, kehrt beim Stammtisch ein. Während wir die Vorstellungslektion aus den Deutschlehrbüchern mehrfach im Einzelgespräch durchgearbeitet haben, passierten wir auch das ein oder andere Fettnäpfen. Nicht gänzlich unbeschadet allerdings. Herzliche Einladungen and Angebote für gemeinsame Ausflüge folgen diesen Abenden.

Faszinierend, schön und fremd - das ist Kasachstan für mich. Drei Monate arbeiten und leben in Kasachstan haben mir einen kleinen Einblick in Land und Kultur gegeben. Mit dem Vorsatz, Kasachstan nicht zum letzten Mal besucht zu haben, und reichlich neuen Erfahrungen im Gepäck geht es gen Heimat.

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Zuletzt aktualisiert: 2005-12-04 19:24