Ein Zuhause für HIV-positive Kinder

Im September 1992 eröffnete der Jesuitenpater und Arzt Angelo D'Agostino in Nairobi das erste Waisenhaus für HIV-positive und ausgesetzte Kinder und nannte es Nyumbani. Nyumbani ist das Kiswahili Wort für ‚zu Hause'. D'Agostinos Vision war es, diesen Kindern nicht nur Schutz und Nahrung zu geben, sondern sie auch medizinisch, seelisch und geistig mit allem zu versorgen, was ein Kind braucht. D'Agostino: „Wir bauen ihnen ein Zuhause!“ Bereits damals hatte D'Agostino vor seinen Augen eine Katastrophe, deren Ausmaß wir erst noch begreifen müssen. Von Thomas Gebauer

Jede Minute stirbt in Afrika ein Kind an den Folgen von Aids. Viele dieser Kinder werden von ihren Müttern - während der Schwangerschaft, der Entbindung oder in der Stillzeit - mit dem Virus infiziert und sterben vor ihrem fünften Lebensjahr. Acht Prozent der HIV-infizierten Menschen in Afrika südlich der Sahara sind Kinder unter 15 Jahren. Bis 2010 wird die Zahl der Aids-Waisen dort auf über 18 Millionen ansteigen, die einem höheren Risiko ausgesetzt sind, dass sie Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch werden, an Hunger und Krankheiten leiden und ihre Arbeitskraft ausgebeutet wird.

Diese Katastrophe im Blick erweiterte D'Agostino 1998 die Krankenstation des Nyumbani Waisenhauses um ein Diagnostiklabor, um die medizinische Versorgung seiner HIV-positiven Schützlinge zu verbessern und um durch eine genaue Diagnose die Lebenschancen der nicht infizierten Findelkinder zu erhalten. Denn tragischerweise denken HIV-positive Mütter oft unwissend, dass ihre neugeborenen Kinder ebenfalls den Virus tragen, dass sie deshalb nicht überlebensfähig sind und setzen sie aus. Direkt nach der Geburt sind diese Babys HIV-positiv, weil sie die mütterlichen HIV-Antikörper in sich tragen. Erst wenn diese Antikörper abgestorben sind - bei Neugeborenen von HIV-positiven Müttern dauert dies ca. 18 Monate, ist jedoch ein sicheres HIV-Testergebnis erst möglich. Fast 75 Prozent der bei ihrer Geburt noch HIV-positiv getesteten Kinder tragen den Virus nicht. Von Nyumbani werden diese Kinder zur Adoption freigegeben oder kommen in Pflegefamilien.

Medizinische und soziale Versorgung der Kinder

Unter dem Druck der steigenden HIV-Infektionsraten und erhöhten Anstrengungen startet D'Agostino mit seinen Mitarbeiterinnen ebenfalls 1998 das „Lea Toto Gemeinschaftsversorgungs-programm“. ‚Lea Toto' bedeutet auf Kiswahili „ein Kind aufziehen“ und umschreibt den Versuch D' Agostinos, die medizinische und soziale Versorgung HIV-infizierter Kinder und ihrer Familien auf die Slums um Nairobi zu erweitern. In Kibera, dem größten Slumgebiet Ostafrikas, in dem ca. 1 Millionen Menschen unter den menschenunwürdigsten Bedingungen existieren müssen, lebt Mama Livingstone mit ihren neun Kindern in einer Wellblechhütte auf vier Quadratmetern ohne Strom, ohne Toilette und ohne Wasserversorgung. Mama Livingstone ist HIV-positiv. Von ihren fünf eigenen Kindern sind drei HIV-positiv. Von den vier Kindern, die sie nach dem Tod ihrer an Aids verstorbenen Schwester aufgenommen hat, sind zwei HIV-positiv getestet. Bei ihrem jüngsten Neffen besteht noch die Hoffnung, dass er den Virus nicht in sich trägt. Doch die Armut und das Elend in der Hütte von Mama Livingstone ist unvorstellbar groß und ich zögere, mir vorzustellen, wie dieser kleine Mensch, sollte er tatsächlich den HIV-Virus nicht haben, den Gefahren von Malaria und Typhus in Kibera etwas entgegensetzen wird. Ohne die Hilfestellungen von ‚Lea Toto' wäre dieser Wunsch vollkommen undenkbar.

Bis zum Juni 2006 will D'Agostino die Zahl der durch das Lea Toto Projekt mit dem Notwendigsten versorgten Kinder in Kibera, Kangemi, Waithaka, Kawangware, Riruta, Mutuini, Ruthimitu und Kariobangi, das sind die ärmsten Slums um Nairobi, auf drei Tausend verdoppeln.

Im April diesen Jahres hat D'Agostino bereits einen weiteren wichtigen Baustein seiner Hoffnungen verwirklicht. In der Wildernis von Kitui, das etwa drei Autostunden östlich von Nairobi liegt, eröffnete er feierlich den ersten Bauabschnitt von „Nyumbani Village“, ein Dorf, in dem zukünftig bis zu 1200 Aidswaisenkinder und Großeltern zusammenleben sollen. In der Region um Kitui liegt die HIV-Infektionsrate bei etwa 14 Prozent. Der Aidsvirus beraubt die Alterspyramide um die mittlere Generation, zurück bleiben die Kinder und die Alten. Die Idee von Nyumbani Village ist einfach: Die Kinder werden versorgt und die Alten sind nicht allein. Anwesend bei der Eröffnung von Nyumbani Village war auch Thomas C. Ferber, der Vorsitzende des Marburger Vereins I See e.V.. Beeindruckt durch den Kraftakt von Nyumbani verspricht Ferber: „Wir werden dabei helfen!“ und organisiert nach seiner Rückkehr aus Kenia ein freiwilliges Soziales Jahr für Thorsten Endlein, einen ehemaligen Schüler der Richtsberggesamtschule. Seit Anfang November arbeitet Endlein im Nyumbani Village Projekt mit, nachdem er zuvor schon drei Monate im Kiaragana Kinderheim, einem weiteren Projekt von I SEE e.V. in Kenia, mitgeholfen hat. Im Nyumbani Village sollen HIV-infizierte und gesunde Waisenkinder zusammenleben. Wie lange die HIV-positiven Kinder dort überleben können, hängt vor allem davon ab, ob sie mit virenhemmenden Medikamenten versorgt werden können. Im Moment hat Nyumbani für diese Medikamente noch nicht genügend Geld. In seiner Eröffnungsrede kritisiert D'Agostino die Pharmafirmen, die ein Monopol auf diese Medikamente haben. „Diese lebenswichtigen Medikamente sind für die Menschen in Afrika unerschwinglich“ sagt er und fügt an, dass die Preispolitik der großen Hersteller ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, das an Völkermord grenzt“. D'Agostinos Forderung nach kindgerechten und bezahlbaren antiretroviralen Medikamenten, nach Aufklärung, mehr Schulen und besseren Bildungschancen darf nicht überhört werden, wenn der Kampf gegen Aids erfolgreich sein soll, ob in Kitui, Nairobi oder weltweit.

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Zuletzt aktualisiert: 2005-12-04 19:24