Studierende aus Burkina Faso beim Praktikum in Marburg — Verein „Projekt Westafrika“ organisiert und unterstützt Austausch

„Wir werden in unserem Land gebraucht“

Eine leichte Verlegenheit ist den vier jungen Studierenden schon anzumerken, als wir uns zum verabredeten Gespräch Ende September begrüßen. Man spürt, dass sie noch nicht sehr lange in Deutschland sind und durch Zurückhaltung offenbar versuchen, gegen keinen Verhaltenskodex zu verstoßen. Zwei Monate liegen hinter den zwei Frauen und den beiden Männern, bei denen sie vor allem praktische Erfahrungen für ihr Medizin- und Pharmaziestudium daheim gesammelt haben - und diese Erfahrung scheint Gold wert. Von Jan Opielka

„In Burkina Faso kommen statistisch auf jeden praktizierenden Arzt zehntausend Personen, hierzulande sind es 300 Personen pro Mediziner“, erläutert Akoete Sodogas, der das „Projekt Westafrika“ in Marburg leitet. Er stammt aus dem Togo, dem westafrikanischen Nachbarland Burkina Fasos und er studiert in Marburg Medizin. Die Idee zum Austausch zwischen afrikanischen Unis und Marburg ist der Kerngedanke des Projektes in Marburg. Auf diese Weise soll Studierenden aus westafrikanischen Ländern die Möglichkeit gegeben werden, ihre Ausbildung daheim durch einen qualifizierten Aufenthalt an der Uni und vor allem dem Uni-Klinikum in Marburg sinnvoll zu ergänzen. Finanziert wird der Austausch vom Verein selbst sowie vom Deutschen Akademischen Austausch-dienst (DAAD).

Wertvolle Praxis

„Zu Hause können wir vieles nur theoretisch lernen, weil es nicht genügend Geräte gibt“, erläutert Gnounsiniyapoue Bonkien, der in der Kardiologie-Station des Uni-Klinikums einen Monat lang praktisch tätig war. Auch die anderen drei Medizin-Anwärter haben vor allem praktische Erfahrungen gesammelt und sogar bei Operationen als Helfer mitgewirkt. So hat Yeri Silvie Youl an Operationen zur Krebsbehandlung teilgenommen und dabei als zweite Helferin mitgewirkt. Aicha Sana wiederum hat auf einer Dermatologiestation gearbeitet. „Dabei hatte ich Glück, denn auf meiner Station konnten zwei Personen französisch“, erläutert sie etwas schmunzelnd. Deshalb habe sie sich mit ihnen wunderbar in ihrer Heimatsprache verständigen können. Die Fachausdrücke seien ohnehin in fast allen Sprachen gleich. Überhaupt habe die Kommunikation erstaunlich gut geklappt, stimmen die vier einhellig überein. Die Betreuungspersonen seien sehr freundlich und zuvorkommend gewesen - und zudem äußerst pünktlich. „Die ganze Organisation ist wirklich gut und auch die Sauberkeit in den Krankenhäusern und den Labors ist außergewöhnlich hoch“, erläutert Pharmaziestudent Kiswendsida Aime Nikiema, der im Rahmen des Praktikums in Marburg im Institut für Mikrobiologie gearbeitet hat. „Dabei konnte ich alle Stationen durchlaufen: von der Probenanalyse, über die Verschriftlichung bis zur Kulturenentwicklung“, erzählt er in deutsch, das er innerhalb der kurzen Zeit erstaunlich gut gelernt hat. Und er ergänzt: „Ich bin sehr dankbar, dass ich hier sein kann. Die meisten in meinem Land haben nicht das Glück, an einem solchen Programm teilnehmen zu können.” Daher bitten die vier im Anschluss des Gesprächs, ihren großen Dank an die Uni Marburg, den Fachbereich Medizin, alle Leiter der Station und das „Projekt Westafrika“ mit Akoete Sodogas zu erwähnen.

Vom Kulturprogramm, bei dem sie einige hessische sowie einzelne andere deutsche Großstädte besucht haben, ist vor allem der Kölner Dom und die Gedenkstädte für die Opfer des Holocaust in Berlin besonders beeindruckend gewesen und in reger Erinnerung geblieben. „Zum ersten Mal haben wir Orte gesehen, über deren Geschichte wir sonst nur theoretisch gelernt haben“, sagt Aicha Sana. Der Umgang mit den Einheimischen sei dabei sehr freundlich gewesen, „nur die Kinder auf der Straße haben manchmal ein bisschen Angst vor unserer schwarzen Haut gehabt“, lacht Yeri Silvie Youl.

Schwierige Situation daheim

Weniger zum Lachen ist hingegen leider die Situation daheim in Burkina Faso, einem Land von der Größe der alten Bundesländer und knapp 14 Millionen Einwohnern. Es würden Ärzte gebraucht, gleichzeitig sei das Studium kostenpflichtig und für die Meisten schier unerschwinglich. Stipendien sind äußerst rar gesät, deshalb studiert nur etwa 1% der Bevölkerung. Selbst nach einem erfolgreichen Studium ist eine Anstellung keineswegs sicher, denn die Behandlungskosten können nicht von allen Einwohnern Burkina Fasos bezahlt werden und auch die Staatskasse ist mehr als klamm. Dennoch wollen alle vier nach ihrem Studium in Burkina Faso bleiben, denn „das Land braucht uns“, sagt Kiswendsida Aime Nikiema.

Informationen zum Verein „Projekt Westafrika“ gibt es unter der Homepage www.westafrika.de.nr oder bei Akoete Sodogas unter der Telefonnummer 06421/164453

 

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Zuletzt aktualisiert: 2005-12-04 19:25