Landestheater trifft mit aktueller Aufführung den Nerv der Zeit

McKinsey ist auch in Marburg!

Das Stück "McKinsey kommt" von Rolf Hochhuth, das seit April im Landestheater am Schwanhof aufgeführt wird, stellt die heutige Situation einer nach ökonomischen Urteilen geprägten (Arbeits-) Welt dar: Immer mehr Menschen fallen durch das Effizienzraster und werden allein gelassen. Regisseur Peter Radestock inszeniert dabei den Zeitgeist, bei dem ein Teil der Entlassenen und Arbeitslosen Opfer der Unverantwortlichkeit der "da oben" ist.

Arbeitslose Schauspieler

Und auch im tatsächlichen Sinne des Wortes spielen Arbeitslose in der Inszenierung eine wichtige Rolle. Zwischen den fünf Akten nämlich, in denen engagierte Intellektuelle, entlassene Arbeiter, skrupellose Kapitalisten und hoffnungslose Fünfzigjährige dem Zuschauer die Hintergründe der Arbeitslosigkeit darstellen, treten Arbeitslose aus dem realen Leben als Laienspieler auf. Das verleiht dem Stück Authentizität, der Zuschauer wird mit wirklichen Gesichtern der Arbeitslosigkeit konfrontiert. Dabei erhalten die erwerbslosen Darsteller auch etwas, was sie bei ihrer Entlassung wohl nicht bekommen haben: ein Stück Anerkennung ihrer selbst. Das Stück wirkt insgesamt authentisch, es wird eingerahmt durch Live-Gesang meist älterer Kampf- und Protestlieder, die in revolutionären Zeiten ihren Ursprung hatten. Dramaturgisch geschickt werden sie in die Inszenierung eingeflochten.

Inszenierung einer neuen Religion

"Ich zeige nicht McKinsey, sondern die Opfer einer weltweiten ,Religion', zu der die von unseren Politikern unbeaufsichtigte Diktatur der Weltwirtschaft geworden ist", so Rolf Hochmuth zu seinem Stück. Die Weltwirtschaft, das sind für Hochmuth insbesondere Großkonzerne, deren Wirken von den Protagonisten in langen Dialogen analysiert und entlarvt wird. Zuweilen geht es für den nicht eingeweihten Zuschauer jedoch etwas zu sehr ins Detail. Wenn etwa bestimmte Firmen und ihre Politiken im Mittelpunkt stehen, kann man sich schon mal im Gewirr von feindlichen Übernahmen, Shareholder Value und Billiglohnkonkurrenz verlieren. Doch kommt man andererseits kaum um detaillierte Hintergründe herum, will man die Tendenzen der Ökonomisierung nachvollziehen können. Dass die fünf Hauptdarsteller in unterschiedliche, sich oft widersprechende Rollen schlüpfen, hat sicher auch einen ökonomischen Hintergrund, symbolisiert jedoch zugleich die Austauschbarkeit, mit der sich Menschen in der Arbeitswelt zunehmend konfrontiert sehen.

Von Notwendigkeiten und Interessen

Zwar wirkt die Inszenierung in manchen Momenten durch mangelnde Handlung etwas lahm, doch spätestens im Schlussakt kommt es zu einem überraschendem Coup, als die Darsteller urplötzlich scheinbar aus ihren Rollen ausbrechen und in ihre jeweils eigenen Identitäten hinein wechseln. Im finalen, leidenschaftlich gespielten Rechtsstreit vor dem Karlsruher Verfassungsgericht, bei dem Christine Reinhardt als engagierte linke Intellektuelle das Recht auf Arbeit im Grundgesetz erstreiten will, scheitert Ihr Versuch schließlich.

So bildet der Name McKinsey letztendlich nichts weiter als ein Symbol für das Ausgreifen eines ökonomischen Prinzips, welches nahezu jegliche Rücksicht auf die menschliche Lebenswelt außer Acht zu lassen scheint. Ob es sich dabei um Sachzwänge handelt, oder eher unterschiedlich starke Interessen durchgesetzt werden, dieses Urteil bleibt dem Zuschauer überlassen.

Die letzten Aufführungen sind am 30./31. Mai im Landestheater am Schwanhof zu sehen, dann ist das Stück wieder ab September im Programm.

Von Jan Opielka

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Zuletzt aktualisiert: 2004-05-31 21:38