Palästinenser, Israelis und Europäer veranstalten Konferenzen zur Konfliktlösung

"The European Role in the Israeli-Palestinian Conflict: Perceptions and Future Possibilities"

Dies ist der Titel einer Serie von Konferenzen, die jungen Europäern, Israelis und Palästinensern die Möglichkeit geben soll, ihre Ansichten über den Konflikt auszutauschen. Das Darbieten der eigenen Erfahrungen und Meinungen, aktives Zuhören und das Bewusstwerden von verschiedenen Wahrnehmungen und Narrativen ist der erste Schritt in Richtung Vertrauen.

Die Anfänge

Die erste Konferenz dieser Serie fand im August 2002 in Hamburg statt und wurde von der lokalen Gruppe der europäischen Studentenorganisation AEGEE (Association des Etats Généraux des Etudiants de l'Europe) organisiert. Aufgrund des Erfolgs dieser Konferenz bildete sich ein Team von jungen Europäern, Israelis und Palästinensern, die sich das Ziel setzten, diese Konferenzen fortzuführen. Aufgrund ihres Engagements fanden zwei weitere Konferenzen dieser Art, im Februar 2003 in Hofgeismar und im Juli 2003 in Kopenhagen statt. Seit der letzten Konferenz in Amsterdam im März diesen Jahres hat sich die Organisationsstruktur geändert:, aus dem individuellen Einsatz der jungen Menschen haben sich inzwischen Organisationen gebildet. So fand diese Konferenz als Kooperationsprojekt je einer europäischen, israelischen und palästinensischen NGO statt. Auch die nächste Konferenz, geplant für September 2004, wird als Kooperation stattfinden.

Fascinating. Throughout the entire ten days of the conference I found myself fascinated. And I still am. I think I mainly began to grasp things that I may have known before, but never really understood. I feel as though I have been given the kind of understanding about issues in this conflict that many people around me will never have the chance to experience, and I am very grateful for that. There were moments when I realized, in the deepest sense of the word, that these are our lives and that is why we must find a way to communicate.

Michal, Israel

Bedeutung der Konferenzen

Wo nun genau die Wurzeln des israelisch-palästinensischen Konflikts liegen ob in Bibelzeiten, nach Ausrufen des "Judenstaates" von Theodor Herzl oder in dem UN-Teilungsplan darüber scheiden sich die Geister. Unbestreitbar ist jedoch, dass sich der Konflikt insbesondere seit Beginn der zweiten Intifada im September 2000 immer weiter zuspitzt. In den europäischen Medien heißt es häufig, "die politische Situation verschlechtert sich weiterhin", doch was genau dies für die Menschen dort bedeutet, ist für uns oft schwer vorstellbar. Während die Palästinenser unter der israelischen Besatzung leiden, leben die Israelis unter ständiger Angst, Opfer eines Selbstmordattentates zu werden. Die ökonomische Situation auf beiden Seiten verschlechtert sich zusehends. Zu Yithak Rabins Zeiten gab es noch viel Hoffnung auf beiden Seiten, dass eine friedvolle Lösung erzielt werden kann, heute hat sich ein großer Pessimismus verbreitet. Das Misstrauen gegenüber der anderen Seite steigt und negative Erfahrungen summieren sich: die Spirale des Konflikts schraubt sich immer weiter zu. Durch die häufigen Ausgangssperren für die Palästinenser und das Verbot für Israelis in die palästinensischen Gebiete einzureisen, ist ein ziviler Austausch der Konfliktparteien kaum noch möglich. Besonders junge Menschen fühlen sich ohnmächtig gegenüber der derzeit harten Politik und sehen keine Möglichkeiten sich persönlich für eine Verständigung einzusetzen. Die Konferenzen sollen jungen Menschen von beiden Seiten die Möglichkeit geben, die andere Seite zu treffen und somit dem Feind wieder ein Gesicht zu geben. Die Teilnehmer können das durch die Medien vermittelte globale Feindbild ausdifferenzieren, Verständnis für das Gegenüber gewinnen, aber auch dem eigenen Leiden Ausdruck verleihen.

Warum nehmen Europäer an der Konferenz teil?

Nicht nur im historischen Sinne durch den europäischen Kolonialismus im Nahen Osten und die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung während des Holocaust spielt Europa eine Rolle im israelisch-palästinensischen Konflikt, sondern auch aktuell als politisch starker Nachbar. Die Einflussnahme Europas, insbesondere auf zivilgesellschaftlicher Ebene, soll auf den Konferenzen beleuchtet werden. Doch auch die Anwesenheit der Europäer während der Diskussionen von allein israelisch-palästinensischen Themen hat sich als sehr wichtig erwiesen. So finden sich die europäischen Teilnehmer oft in der Rolle der Vermittler wieder, die versuchen zu schlichten und neue Aspekte in verhärteten Positionen aufzuweisen. Des Weiteren sehen sich die israelischen und besonders die palästinensischen Teilnehmer in ihrer Gesellschaft harter Kritik ausgeliefert, dass sie sich mit "dem Feind" überhaupt treffen. Die Teilnahme der Europäer entschärft den Druck, der auf die Teilnehmer aus dem Nahen Osten durch ihre Umgebung auf sie ausgeübt wird. Für die Europäer bietet die Konferenz die Möglichkeit, beide Parteien kennen zu lernen und ein besseres Verständnis für den Konflikt zu erwerben

".I try to find the right words to describe my experiences during the conference week. I think about the people I met there and all that happened every day, but I find it harder than expected to put it in words. The week was so much all at once. My objectives for coming to Amsterdam were to learn more about the conflict so as not to feel so inadequate in discussions and to meet Palestinian and Israeli students of my age and learn more about their daily lives. Though I feel I have met both objectives, I've learned so much more as well; and still feel ignorant."

Pieternel, Niederlande

Konferenzteilnehmer im ausgewogenem Verhältnis

In der Regel finden die Konferenzen mit 32 Teilnehmern statt 16 Europäer, acht Israelis und acht Palästinenser. Die jungen Menschen kommen von verschiedenen sozialen und politischen Hintergründen. Wichtig ist es, dass sich nicht nur die friedvollen "Tauben" der Konfliktparteien treffen, sondern dass auch Meinungen der "Falken" vertreten sind. Nur so ist die Chance einer Generalisierung der auf der Konferenz gesammelten Erfahrungen mit der anderen Seite auf die Gesellschaft gegeben. So sollten die Teilnehmer nach Ende der Konferenz nicht den Eindruck gewonnen haben, sie hätten zwar einen verständnisvollen Israeli bzw. Palästinenser kennen gelernt, aber die Gesellschaft sei ganz anders, sondern Hoffnung bekommen haben, dass man mit der anderen Seite reden kann. Die Europäer kommen aus vielen verschiedenen Länd-ern. Oft wird dadurch auch deutlich, dass eine einheitliche Annäherung Europas an den Konflikt fast unmöglich ist.

Ablauf der Konferenz

VISION > OBSTACLES > STRATEGIC DIRECTIONS > IMPLEMENTATION

Am Anfang der Konferenz artikulieren die Teilnehmer gemeinsam ihre Vision für einen friedvollen Nahen Osten in etwa 10 Jahren. Die Formulierung eines gemeinsamen Ziels macht den Teilnehmern deutlich, dass trotz großer Differenzen auch Gemeinsamkeiten bestehen. Meistens sind sich die Teilnehmer einig, wie ein friedliches Zusammen-leben aussehen soll. Schwieriger gestaltet sich dann die Phase, in der es um die Hindernisse geht, die den Weg zur Wunsch-vorstellung blockieren. In diesem Abschnitt wird in vier verschiedenen Workshops gearbeitet, in denen verschiedene Ebenen des Konflikts diskutiert werden:

  1. Sicherheit und Angst
  2. Flüchtlinge und Siedlungen
  3. Massenmedien und Bildung
  4. Jerusalem.

Im dritten Teil werden auch innerhalb der Workshops mögliche Lösungsansätze besprochen. Am Ende der Konferenz gibt es noch einmal ein Zusammentreffen aller Teilnehmer, um Möglichkeiten zu besprechen, wie man Lösungsvorschläge in konkrete Projekte umsetzen kann. Die Teilnehmer werden angeregt darüber nachzudenken, wie sie sich eigenständig engagieren können.

Des Weiteren ziehen sich Kurzvorträge von Teilnehmern über persönliche Erfahrungen und Expertenvorträge von Politikern und Akademikern durch das Programm.

"This is enough proof that the conference changed a lot of my views! Through this experience, I got a chance to build a very important step in my life, which is the importance of the word "Trust". All the participants fought to make this step, besides the disagreement and the conflict."

Niveen, Palästina

Was bewirken die Konferenzen?

Ziel der Konferenz ist sicher nicht, dass ein Austausch auf politischer Ebene stattfindet. Zu oft sind politische Fronten verhärtet, so dass es unmöglich scheint, sich dem Konflikt durch neue Ansätze anzunähern. Die Konferenzen sollen eine Plattform für junge Menschen sein, die hoch motiviert sind, Wege zu einer friedvollen Koexistenz zu finden. Am Ende der Konferenz haben die Teilnehmer das Gefühl, dass sie zusammen etwas erarbeitet haben. Bestärkt wird dieses durch eine Dokumentation über die Konferenz. Natürlich können die Teilnehmer nicht alleine ihre Gesellschaft verändern und nur zu oft fühlen sich insbesondere die Israelis und Palästinenser missverstanden, wenn sie in ihre Gesellschaft zurückkehren. Doch die meisten berichten, dass das Erlebnis der Konferenz etwas für sie verändert hat. Eine schöne Begebenheit nach der Konferenz in Amsterdam war, dass drei israelische Teilnehmer den Bruder eines palästinensischen Teilnehmers aus Gaza in Tel Aviv im Krankenhaus besuchten. Dieser wurde zuvor von israelischen Soldaten so schwer angeschossen, dass nicht sicher war, ob er je wieder laufen könnte. Solche Begebenheiten sind das Ergebnis eines äußerst schwierigen und häufig schmerzvollen Diskussions-Prozesses während der Konferenz. Der anderen Seite zuhören, ihr Leid anzuerkennen, ohne dass das eigene geleugnet wird, eine andere Version der eigenen Geschichte zu hören, das fällt den meisten verständlicherweise sehr schwer.

Doch in einem sind sich alle Teilnehmer einig: sie sind die junge Generation, sie sind vielleicht naiv, doch bereit etwas zu ändern, denn die Zukunft gehört ihnen: sie haben eine Vision von Frieden.

Von Aline Rieder

Für mehr Informationen:

www.dialogue-lab.org

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-09 15:02