Südafrika: Zwischen Patchwork und Regenbogennation

Die Regenbogennation

Der 27. April 2004 war nicht nur für den südafrikanischen Wahlsieger Thabo Mbeki ein langersehnter Stichtag. Unter anderem wartete auch Ntombi zo Khetho, ein kokettes zehnjähriges Mädchen in Chlabissa, einem entlegenen Dorf im Hinterland der Provinz Kwazulu Natal, ungeduldig auf diesen Tag. Ein unverhohlen stolzes Strahlen erhellt das Gesicht von Ruby Lindelwa, als sie mir den Namen ihrer lebhaften Tochter übersetzt: "Lady of elections." "Wir haben ihr diesen Namen gegeben, weil sie mit Absicht auf sich hat warten lassen. Pünktlich zu den Wahlen hat sie das Licht der Welt erblickt und mit ihr kam die Freiheit". Ich muss an den gleichaltrigen Jungen Democracy denken, den ich Tage zuvor in Soweto getroffen habe.

Genau zehn Jahre ist dieses tiefschürfende Erlebnis der ersten gerechten Wahlen in Südafrika her. Damals durften zum ersten mal nach über 350 Jahren Kolonialismus und 50 Jahren Apartheid alle Staatsbürger ganz gleich welcher Couleur tatsächlich ihre unveräußerlichen bürgerlichen Rechte wahrnehmen und im Akt der allgemeinen, freien und gleichen Wahl zum Ausdruck bringen. Vor zehn Jahren befreite sich Südafrika dank einer, im Nachhinein vielfach als Wunder bezeichneten, politischen Lösung von den Ketten des kriminellen Apartheidregimes1. Seither spricht man nur noch von einem neuen, geläuterten Südafrika der Vergebung und der Großmut. Von einem Südafrika der Vielfalt und der Versöhnung: Von der Regenbogennation. Mit diesem vielzitierten Begriff, der auf den anglikanischen Erzbischof und Nobelpreisträger Desmond Tutu zurückgeht, beschwören die neuen Verantwortungsträger des Landes die harmonische und gleichberechtigte Gesellschaft. Während Optimisten und so manch geschäftstüchtiger Reiseveranstalter im Status Quo bereits diesen Zustand zu erkennen meinen, scheint es ganz so, als ob in der Realität nicht alle Bürger dieses Landes sich in gleichem Maße an der Farbenlehre Tutu's erfreuen.

Auf der Suche nach dem Regenbogen

Es gibt also ein kleines Problem. Wie real dieser Regenbogen ist, liegt nämlich ganz im Auge des "einheimischen" Betrachters. Denn seine Interpretation dessen, was dieser Regenbogen tatsächlich darstellt, hängt sehr von der Sozialisierung, dem Geschichtsbewusstsein, den Erfahrungen und sehr stark von den Ängsten der Einzelnen ab. Der Südafrikaner betrachtet diesen Regenbogen, je nachdem ob er nun schwarzer Hautfarbe, weißer Hautfarbe, indischer Herkunft oder aber eine Mischung aus alledem ist, aus einer bestimmten soziokulturell konstruierten Perspektive.

Bereits im Flugzeug vom Transit-Ort Dubai nach Johannesburg wird mir die Frage gestellt: "Was hältst Du von Südafrika?" Diese Frage stellt jeder Südafrikaner, dem man hier begegnet, sobald der Smalltalk etwas intimer, etwas weniger allgemein wird. Nach wenigen Wochen dürfte jedem politisch interessierten Besucher aber schnell klar werden, dass diese unausweichliche Frage gerade deshalb so oft gestellt wird, weil die Südafrikaner vielleicht selbst nicht so genau wissen, was sie von ihrem Land zu halten haben. Die Natur in diesem Land ist im Hinblick auf Bodenschätze, Landschaft, Flora, Fauna und Klima ebenso abwechslungsreich wie bezaubernd. Über die Schönheit der geographischen Kulisse streiten sich die Südafrikaner wohl kaum. Die südafrikanische Verfassung offenbart verheißungsvolle Welten der Toleranz und der Gleichberechtigung. Der konkurrenzlos hohe Grad liberaler Zugeständnisse an eine plurale und gemischte Gesellschaft spricht Bände sowohl über die zu überwindende Vergangenheit dieses Volkes als auch über die zukunftsgerichteten Hoffnungen. Insgesamt hat das Land elf offizielle Sprachen. Homosexualität und Abtreibung werden ausdrücklich geschützt und Minderheiten, Frauen und Behinderte werden bei ihrer Arbeitssuche bevorzugt.

Es sind vielmehr die zum Teil Jahrhunderte alten konfliktreichen Beziehungen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, welche die Grundlage für die tief gespaltene Identität des Landes bilden.

Auch wenn sämtliche Institutionen gründlich umstrukturiert wurden und die Helfer des alten Systems in den Hintergrund des politischen Geschehens verschwunden sind, bleibt die Allgegenwart der psychologischen, politischen, sozialen und kulturellen Nachwirkungen der Apartheid ein rückkoppelndes Übel. Schließlich wurde selbst die Urbanisierung damals konzipiert, um die Bevölkerungsgruppen künstlich voneinander zu isolieren. Dieses rassistische Herrschaftssystem, dass ein halbes Jahrhundert lang einer weißen Minderheit die Herrschaftsmacht über eine auf künstliche Weise gespaltene und geknechtete farbige (Schwarze, Inder, Mulatten) Bevölkerungsmehrheit gab, mag offiziell am 27.04.1994 abgedankt haben, doch räumlich und in den Köpfen der Opfer ist es nach wie vor präsent.

Um das heutige Südafrika zu verstehen, muss man zuerst die Opfer dieses vergangenen Regimes anerkennen lernen. Scharfsinnig konstatiert Desmond Tutu, dass die gesamte südafrikanische Gesellschaft zu den Opfern des menschenverachtenden Systems zählt, da "im Prozess der Entmenschlichung, der Zufügung von unsäglichem Leid auch der Täter ebenfalls eine Entmenschlichung erfährt." 2 Dank diesem anspruchsvollen und ehrwürdigen Ansatz gelang dem von Tutu und Mandela geleiteten TRC 3 eine weitreichende wenn auch nicht absolute "Heilung" der von Gewalt- und Rachsucht durchsetzten Gesellschaft. Gegenüber diesen Erfolgen der Integrationsarbeit bleibt dennoch festzustellen, dass das tief sitzende Trauma der einen und das nachhaltig überkommene, selbstverständlich paternalistische Überlegenheitsgefühl der anderen Seite die Gesamtheit der südafrikanischen Bürger zu Geiseln ihrer jeweiligen historischen Rollen macht. Die überall anzutreffende pragmatische Toleranz und die "Diplomatie" der alltäglichen Beziehungen zwischen den verschiedenen "Rassen" vermag es nicht wirklich über die allgegenwärtige, hartnäckige Atmosphäre des Misstrauens und der Unzufriedenheit hinweg zu täuschen.

Ein Regenbogen mit Grautönen: Von atmosphärischem Misstrauen und Kriminalität

Von atmosphärischem Misstrauen, in Johannesburg etwa, ist vor allem wegen der unverhohlenen Gewalt Kriminalität zu sprechen.

Ein jeder scheint hier jederzeit auf das schlimmste gefasst. Gleich am Flughafen kann man als Neuankömmling pedantische Vorsichtsmaßnahmen im gesellschaftlichen Alltag beobachten: Der Wächter am Ausgang des Parkhauses lässt die Fahrzeuge erst dann weiterrollen, wenn der Fahrer den Motor ausstellt, die Schlüssel demonstrativ vorweist, wieder ins Zündloch steckt und auf "legaler" Weise den Wagen ins Rollen zu bringen vermag. Reflexartig wird, wenn dies nicht bereits gleich nach dem Anlassen passiert, beim Anblick der ersten Ampel beiläufig die Zentralverriegelung betätigt oder der Türknopf mit dem Ellbogen hineingedrückt. Nachts werden rote Verkehrsampeln kaum beachtet oder aus Prinzip ignoriert. Es besteht die Gefahr, von lauernden Autodieben aus dem stehenden Wagen herausgezogen zu werden.

Wie selbstverständlich verschwinden Mobiltelefone nach dem Gespräch gekonnt, was dem Laien anfangs etwas unraffiniert erscheinen mag, im Dekolleté. Offensichtlich wird trotz gegenteiliger Statistiken und Anhaltspunkten aus tagesaktuellen Meldungen beharrlich angenommen, die in der Regel auch bewaffneten Pickpockets seien Gentlemen.

Allein zwischen April 2002 und März 2003 hat die Südafrikanische Polizei insgesamt 21553 Morde und 35861 versuchte Morde und Totschläge registriert. Das sind respektiv 47,4 und 78,9 Fälle pro 100.000 Einwohner 4. In Deutschland liegen die Vergleichszahlen für das Jahr 2002 bei 1,1 und 3,2 Fällen pro 100.000 Einwohner . 5 Natürlich ist nicht jede Tat rassistisch aufgeladen, aber die Gewaltkultur der Apartheid-Ära ist ganz eindeutig nicht gänzlich ausgemerzt. Dieses erklärt zum Teil die Tendenz unter Südafrikanern, sich selbst zu bewaffnen. Zur Rechtfertigung wird ähnlich wie in den USA "das Recht auf Selbstschutz" bemüht.

"20 Prozent aller südafrikanischen Haushalte besitzen Waffen, zumeist legal." Allerdings tragen "über 20.000 verurteilte Straftäter Waffen ebenfalls legal (.) Wer partout nicht an eine saubere Waffe kommt, kauft sie sich eben auf dem Schwarzmarkt - eine Kalaschnikow etwa für rund 100 Rand."6

Im Bestreben, sich das Vertrauen der Gesellschaft in die Rechtstaatlichkeit zurück zu erarbeiten, hat die Polizei den Namen der Sicherheitskräfte von South African Police Force in South African Police Service umgeändert und Bemühungen verstärkt, das Personal "umzuerziehen". "Ihre Loyalität zu den neuen politischen Herren ist nicht unbedingt über jeden Zweifel erhaben, ihre Verpflichtung auf die neue Kultur der gleichen Menschenrechte für alle ebenso wenig. (.) Ihre Motivation ist niedrig, ihre Korrumpierbarkeit hoch. Über 10.000 Polizisten (fast 10% der gesamten Truppe) wurden von Januar 1996 bis April 1997 verhaftet - wegen bewaffneten Raubüberfalls, Einbruch, Autodiebstahl, Bestechung."7 Ebenso schockierend ist es, wenn ein Reality-TV-Sender bis ins blutigste Detail etwa ausstrahlt, wie ein schwarzer Ganove von einer Spezialeinheit, hauptsächlich Weiße, nach einer atemberaubenden Verfolgungsjagd eingekesselt und während des anschließenden Schusswechsels im Gesicht getroffen wird. Sicher, die so genannte Kleinkriminalität und die Gewalt-Kriminalität gehören in Johannesburg zum Lokalkolorit und sind ein nicht zu leugnender Fakt, dem es Herr zu werden gilt. Aber die Konsequenz, mit der die Polizei bzw. die Staatsgewalt offensichtlich durchzugreifen vermag, ist nicht weniger erschreckend: Verfehlungen, wie die weltweit ausgestrahlten Bilder von weißen Polizisten, die auf hilflose, um ihr Leben bettelnde farbige Menschen eindreschen und Hunde auf sie hetzen, prägen nachhaltig das eher reservierte Verhältnis der schwarzen Bürger zu ihren "Freunden und Helfern".

Von Naakow Grant-Hayford

Fortsetzung folgt im Juliheft von Uni.schaft

Literaturverweise:

  1. "Es war eine Pigmentokratie, die behauptete, dass sich der Wert eines Menschen von einem biologischen Merkmal ableitete, das in dieser Hinsicht gänzlich willkürlich und irrelevant war. Dieses Merkmal war die Ethnie, die Hautfarbe, die Rasse. Es handelte sich um einen Ausschluss per Definition, da sich nur einige an den richtigen Voraussetzungen erfreuen konnten, nämlich jene, die der entsprechenden Ethnie oder Rasse mit den erforderlichen Merkmalen angehörten. Es war kein universelles Phänomen, das alle Menschen besaßen." Desmond Tutu in "Keine Zukunft ohne Versöhnung" 2001 Patmos Verlag P78:
  2. Desmond Tutu in "Keine Zukunft ohne Versöhnung" 2001 Patmos Verlag : P 89
  3. Truth and reconciliation Commission. Siehe dazu: Das Schweigen gebrochen "Out of the shadows": Geschichte Anhörungen Perspektiven / Wharheits- und Versöhnungskommisssion Südafrika. Brandes und Apsel; Wien; Südwind, 2000.
  4. SAPS-south African Police Service: Current crime statistics index :
  5. Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2003 / Bundesministerium für Inneres
  6. Mandelas Erben -Notizen aus dem neuen Südafrika- von Christel und Hendrik Bussiek, Verlag: Dietz, Bonn, 1999, Seite 100.
  7. Mandelas Erben - Notizen aus dem neuen Südafrika- von Christel und Hendrik Bussiek, Verlag: Dietz, Bonn, 1999, Seite 105.
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Zuletzt aktualisiert: 2004-05-31 20:21