Reisetipps für die Ukraine

Mit Bus und Bahn das "Grenzland" entdecken

Das drittgrößte Nachbarland der neuen EU ist hierzulande nahezu unbekannt und wird bestenfalls mit den Klitschko-Brüdern oder den Donkosaken in Verbindung gebracht. Dabei beheimatet dieses Land neben berühmten Sportlern und Chorsängern viele weitere, ungeahnte Attraktionen.

Das Land der zwei Sprachen

Die Ukraine ist sprachlich zweigeteilt. Der Westen des Landes benutzt fast ausschließlich die ukrainische Sprache, während die Bevölkerung im Osten und Süden größtenteils russischsprachig ist. Aus Kyjiw wird seit der Erringung der Unabhängigkeit von der Sowjetunion eine Ukrainisierung des öffentlichen Lebens vorangetrieben. Die meisten Schulen und Universitäten unterrichten in Ukrainisch und die Medien müssen sich an eine Sprachquote halten. Das verärgert einige russischsprachige Ost- und Südukrainer, von denen viele die ukrainische Sprache für einen russischen Bauerndialekt halten. Für Reisende ist die Kenntnis einer der beiden Sprachen vorteilhaft, weil Fremdsprachen wie Deutsch oder Englisch nicht allzu oft gesprochen werden, insbesondere unter den Vertretern der älteren Generation. Wenn du über keinerlei Kenntnisse der beiden Sprachen verfügst, solltest du vor der Abreise zumindest das kyrillische Alphabet erlernen, um die Orts- und Straßennamen entziffern zu können.

Unterwegs

Die Bahnhöfe gehören zu den prachtvollsten Gebäuden ukrainischer Städte. Fernzüge fahren zwischen den Großstädten meistens nachts und bieten eine Schlafmöglichkeit. Das hat den Vorteil, dass der Reisende den Hotelpreis spart und am Morgen oder frühen Vormittag ausgeschlafen am Ziel ankommt. Es sei denn, es finden sich ein paar Extremschnarcher im Waggon, die einen um den Schlaf bringen. Die Züge bieten 3 Klassen: Platzkartnyj ein Wagon mit 60 Schlafplätzen ohne Abgrenzungen, Kupe Abteile mit jeweils 4 Schlafplätzen sowie die komfortablen und dementsprechend teuren Schlafwaggon mit zwei bequemen Betten im Abteil. Die Fahrpreise sind für das Portemonnaie eines Westeuropäers unfassbar billig. Eine 700 km lange Fahrt im Platzkartnyj Waggon kostet ca. 40 Hrywnja (7 Euro). Wer schlafen möchte, zahlt für die frischen Bettbezüge 7 Hrywnja mehr (ca. 1 Euro). Mit etwas mehr Stress verbunden als bei der DB ist der Fahrkarteneinkauf. Um ein Ticket zu erwerben, brauchst du deinen Reisepass und ein wenig Geduld in der Warteschlange. Wer seine Fahrscheine am Reisetag kauft, wird oft sehr enttäuscht sein, weil die dritte Klasse schon ausgebucht ist, oder im Zug überhaupt keine Plätze mehr vorhanden sind. In einigen Bahnhöfen ist es unmöglich Fahrkarten früher als ein Tag vor der Abreise zu erwerben. Du wirst dann zu einem Büro geschickt, das oft kilometerweit weg vom Bahnhof liegt. Die Internetseite der Ukrainischen Bahnen ist unter www.uz.gov.ua auffindbar. Da diese jedoch neben der ukrainischen nur eine russische Sprachversion anbietet, empfehle ich zwecks Erstellung eines Fahrplans, die Seite der Deutschen Bahn AG zu benutzen, in der ebenfalls die aktuellen Verbindungen der Ukrainischen Bahnen aufrufbar sind.

Das System des öffentlichen Nahverkehrs ist in den ukrainischen Städten relativ gut ausgebaut. Neben der Straßenbahn, dem Auto- und Oberleitungsbus ermöglicht die Marschrutka das Fortbewegen innerhalb der Stadt. Die Fahrt mit einem solchen Kleinbus ist zwar ein wenig teurer als die mit großen Verkehrsmitteln, dafür verläuft sie in der Regel schneller. In den Kleinbussen zahlst du den Fahrpreis dem Fahrer, in den großen Verkehrsmitteln geht auf dich die Schaffnerin zu und verkauft dir die Fahrkarte. Die Preise für eine Stadtfahrt schwanken zwischen 40 Kopeken und 2 Hrywnja.

Stadt, Land, Fluss

Einen guten Anhaltspunkt bei der Einreise aus Polen bietet die Stadt Lwiw. Mit über sieben-hundert-tausend Einwohnern ist sie die größte Stadt der Westukraine und ihr kulturelles und wirtschaftliches Zentrum. Die Architektur der Altstadt weist einen typisch westeuropäischen Charakter auf. Die meisten Gebäude der Stadtmitte stammen aus der Zeit, in der Lwiw unter polnischer (Lwow) oder österreichischer (Lemberg) Herrschaft stand. Die Neustadt dagegen besteht, wie in Osteuropa üblich, hauptsächlich aus großflächigen Wüsten grauer Plattenbauten. Durch die engen gepflasterten Gässchen der Altstadt spazierend, wirst du fast ausschließlich die ukrainische Sprache zu hören bekommen. Russisch sprechen hier nur wenige meistens Besucher aus dem Ausland oder den russischsprachigen Gebieten der Ukraine. Von Lwiw aus fahren Züge unter anderem nach Kyjiw, Odesa und Iwano-Frankiwsk.

Kyjiw ist die Hauptstadt der Ukraine und zugleich mit 2,6 Mio. Einwohnern die größte Stadt. Die "Mutter der russischen Städte" liegt am Dnjepr, den längsten Fluss der Ukraine und gehört zu den ältesten Städten Osteuropas. Die auf einem Hügel auf dem westlichen Ufer des Dnjepr gelegene Altstadt wurde im 9. Jahrhundert zum Zentrum der Kiewer Rus des ersten Staatsgebildes der Ostslawen. Wie du also erahnst, ist es eine Stadt der Superlative. Den Eindruck hat auch der Besucher, der aus Lwiw kommend an enge und verwinkelte Gassen gewöhnt ist, auf den riesigen Prospekten Kyjiws ins Staunen kommt. Kyjiw bietet eine Menge an Attraktionen aus der Vergangenheit. Sehenswert ist unter anderem das Goldene Tor der letzte Überrest der im 10. Jahrhundert zur Verteidigung der Stadt gebauten Stadtmauer, sowie das auf einem Hügel liegende Kloster Petscherska Lawra mit dem 96 Meter hohen Glockenturm und Katakomben. Wer an Matrjoschkas, kunstvoll gestalteten Schachbrettern, alten mechanischen Spiegelreflexkameras oder historischen Münzen Interesse findet, dem ist der Andrijiwskij Uzwiz zu empfehlen. Die steile, mit Kopfstein gepflasterte Straße verbindet die Oberstadt mit dem unteren Stadtteil Podil.

Verglichen zu Kyjiw ist Odesa eine sehr junge Stadt. Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Tor zum Schwarzen Meer an der Stelle einer osmanischen Festung erbaut. Schnell entwickelte sich Odesa zu einer Handels- und Kulturstadt, was man noch heute an den zahlreichen Prachtbauten französischer und italienischer Architekten sehen kann. Odesa galt neben dem bukowinischen Tscherniwzi (Czernowitz) als das Zentrum der jüdischen Kultur in der Ukraine. Die Stadt galt schon am Ende des 19. Jahrhunderts als die freiheitlichste Stadt des Zarenreiches dort wurden zahlreiche liberale Zeitschriften herausgegeben und Bücher gedruckt, deren Publikation in anderen Städten Russlands mit Problemen verbunden oder gar unmöglich wäre. Die große Palette des Gedankenguts aus Odesa kannst du im Literaturmuseum bestaunen. Zwischen dem Hafen und der Innenstadt befindet sich auch die durch Sergej Eisensteins Film "Panzerkreuzer Potemkin" berühmt gewordene Treppe mit 192 Stufen und mindestens doppelt so vielen Touristen.

Die Krim genießt den Status einer autonomen Republik, hat ein eigenes Steuersystem und eine eigene Verfassung. Die im Süden des Landes liegende Halbinsel ist ihrer Fläche nach nur etwas kleiner als Belgien und unterteilt sich grob in zwei Landschaftstypen: im Norden, in der Mitte und im Südwesten dominieren Steppen und Hügel, im Südosten Hochgebirge. Besonders interessant ist die Landschaft bei Jalta, wo hohes Gebirge (1500 m) auf die Tiefen des Schwarzen Meers trifft. Zu weiteren Sehenswürdigkeiten der Halbinsel gehört das zwischen der Hauptstadt Simferopol und der Hafenstadt Sewastopol gelegene Städtchen Bachtschysaraj. Dort kannst du den prächtigen Palast der Khane besuchen und auf Felsen kletternd die alte Höhlenstadt Tschufut-Kale besichtigen. Bachtschysaraj war vom 15. bis zum 19. Jahrhundert die Hauptstadt der Krimtataren. Mitte des letzten Jahrhunderts wurde die tatarische Bevölkerung der Krim auf Stalins Befehl nach Sibirien deportiert. Seit dem politischen Tauwetter am Ende der sechziger Jahre kamen ca. 300.000 der Krimtataren in ihre alte Heimat zurück.

Vor Ort

In vielen Städten gibt es günstige Übernachtungsmöglichkeiten in Hotels. In Lwiw zahlst du im gleichnamigen Hotel ca. 12 Euro für ein Zimmer mit zwei Betten. In Odesa bietet das zentral gelegene Hotel ,Spartak' ein kleines Einbettzimmer für 6 Euro. In Kyjiw dagegen, fehlt es an Hotels mit günstigen Schlafmöglichkeiten. Eine preiswerte Alternative zum Hotel ist das Übernachten in privaten Wohnungen. In nahezu jeder Stadt warten vor dem Bahnhof ältere Damen, die einen Teil ihrer Wohnung für Touristen anbieten. Empfehlenswert ist eine Festlegung der Kosten für eine Übernachtung, bevor du dich dorthin begibst. Ein sehr günstiges Preisbeispiel diesbezüglich: wir hausten in Jalta zu dritt in einer 3-Zimmer-Wohnung mit Meeresblick und zahlten pro Kopf und Tag ungefähr 3 Euro. In der Saison, sagte uns die Besitzerin, ist es fünffach teurer.

In der Ukraine fehlt es nicht an Lokalen mit gutem Essen. Vegetarier sollten allerdings damit rechnen, dass sie manchmal ein bemitleidendes Lächeln einkassieren und ihre Auswahl praktisch auf Getränke und Beilagen reduziert bleibt. Aber in der Regel findet sich auch etwas Konkretes für sie. Wohl bekömmlich fand ich Warenyky, gekochte Teigtaschen, die mit diversen Füllungen erhältlich sind; zum Beispiel mit Quark, Kartoffeln oder Kirschen. Die Portionen sind in der Regel kleiner, als es zum Beispiel in Deutschland üblich ist. In der Ukraine stellen die Freiluftmärkte einen bedeutenden Handelsfaktor dar. Lebensmittel sind dort bei vergleichbarer Qualität preiswerter als in den Läden.

Für Musikfreunde lohnt sich ein Besuch in einem einschlägigen Laden. Die meisten bieten ein Repertoire von ukrainischer und russischer Musik unterschiedlicher Genres sowie Material aus dem Ausland. Musikkassetten sind neben den CD´s auch noch im Angebot. In vielen Musikläden gibt es für diejenigen, die ungern eine Katze im Sack kaufen, eine Möglichkeit zum Reinhören. Die Medienstände auf den Märkten bieten eine außergewöhnlich reiche Auswahl an Musik, Software und Filmen zum verdächtig kleinen Preis, von dem nicht der geringste Anteil an den Urheber entrichtet wird. Falls du dort dennoch einkaufst, sei dir sicher, dass die EU-Zöllner auf diese Art von Waren nicht unbedingt erfreut reagieren würden, sollten sie zufällig bei der Heimreise deinen Koffer filzen.

Was ist zu tun?

Um in die Ukraine einzureisen, ist ein Visum nötig. Dieses erledigt das ukrainische Konsulat in Frankfurt am Main innerhalb einer Woche. Das Vergnügen kostet 50 Euro plus die Kosten für eine Krankenversicherung, die man den Antrag stellend vorweisen muss. Die Versicherung kostet ca. 20 Euro für einen Monat Aufenthalt. Einzelheiten über das Visum gibt es auf der Internetseite der ukrainischen Botschaft in Berlin unter der Adresse www.botschaft-ukraine.de.

Falls dich die Kosten für den Papierkram abschrecken, kann ich dich gleich beruhigen: richtig sparen kannst du bei der Anreise. Wenn du es schaffst am Wochenende früh aufzustehen und eine Nacht im Zug zu verbringen, kommst du für ca. 60 Euro bis nach Kyjiw. Je mehr deiner Freunde mitfahren, desto weniger wird die Fahrt kosten das innerhalb Deutschlands gültige Wochenendticket kann nämlich von bis zu fünf Personen genutzt werden. Falls du hinfahren willst und Fragen hast, schicke sie zu .

Von Konrad Hierasimowicz

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Zuletzt aktualisiert: 2004-05-31 21:24