Deutsche Synchronisation

Der Unterschied zwischen einem Quarterpounder with cheese und einem Viertelpfünder mit Käse

Zugegeben: Die Terminator-Filme (USA 1984, 1991 und 2003) im Original zu sehen macht wenig Spaß, denn ein synchronisierter Arnold Schwarzenegger ist eindeutig leichter zu ertragen. Aber das ist auch das einzig nennenswerte Beispiel für einen Vorteil von deutschen Synchron-Sprechern . und heißt doch schon einiges! Daher hier ein kleiner Anstoß in Richtung "Untertitel".

Theorie und (absurde) Praxis

Um einen Film im Ansatz zu verstehen, reicht oft schon die Kenntnis von allgemeinen kulturellen Bedeutungen und deren Codierung (z. B.: Die Frau macht das Licht aus - Das Paar geht miteinander ins Bett.). Über die Bild- und Gestik-Ebene hinaus ist Sprache einer der wichtigsten Bedeutungs- und Handlungsträger. Um diese zu verstehen, braucht es oft spezieller Kenntnis (je nach Thema) und Hilfestellung (je nach Sprache). Hauptsächlich in Deutschland werden fremdsprachige Filme synchronisiert (zu engl. "dubbing"). In vielen anderen Ländern sind Untertitel die herkömmliche Übersetzungsmethoden.

Synchronisation ist so üblich geworden, dass in der Praxis selbst Absurditäten und absolute Sinnveränderungen hingenommen werden. So entstehen Szenen wie die folgende: Ein New Yorker spricht mit einer Jamaikanerin auf Holländisch, da sie kein Wort Deutsch versteht (zu sehen in Rendezvous mit Joe Black, USA 1998). Untertitel gehören heute zu "Kunstfilmen", die ohnehin nur ein kleines Publikum anziehen - oder sie werden verwendet, wenn mal jemand etwas singt. Man hat nämlich aus Filmen wie My Fair Lady (USA 1964) gelernt: Dort wird einer jungen Londonerin ihr Berliner Dialekt abtrainiert. Das peinliche Erzwingen von Gewohnheiten hat letztendlich viel zu oft solche albernen Notlösungen zur Folge, die selbst bei seichter Unterhaltung nur noch wenig Spaß machen.

Stimme, Authentizität und Identität

Weiterreichende Effekte gibt es verschiedene: Zum einen sollte man nicht erwarten, dass eine synchronisierte Komödie noch mit dem gleichen Wortwitz funktioniert. Aber auch die Intensität der Schauspieler leidet oft (vor allem unter "kostengünstiger" Synchronisations-Arbeit). Eine "deutsche" Rita Hayworth ist nicht die originale Rita Hayworth. Als synchronisierte Lady from Shanghai (USA 1942) kann ihr "I don't want to die, Michael" nur halb überzeugen. Und ein deutschsprachiger Marlon Brando wird nie mit gebührender Hingabe synchronisiert (ein vielleicht unerreichbares Ziel aufgrund seiner überragenden Originalität), was seine Rollen im Deutschen viel zu oft als Parodien erscheinen lässt.

Ein weiterer Faktor, den Synchronisation mit sich bringt, ist die Identifikation zwischen deutschem Sprecher und fremdsprachigem Schauspieler. Da die Stimme eines der wichtigsten Erkennungszeichen für Individualität (und Identität) ist, entwickelt sich schnell eine Erwartungshaltung, die gerade bei Nebendarstellern und billiger produzierten Filmen durch wechselnde Sprecher nicht eingehalten wird. Manchmal hat man Glück und die Stimme passt. Aber wie kann man von einer "Bibi Blocksberg"-Hörspiel-geprägten Generation erwarten, dass sie sich von der gleichen Stimme (gefangen im Körper einer ständig 29jährigen Nanny) Geschichten über Sex und Diäten erzählen lässt?

Im direkten Vergleich von Originalversion und synchronisierter Fassung verändert sich allerdings nicht nur die Perzeption des Darstellers, sondern auch die seiner Rolle. Pulp Fiction (USA 1994) ist ein komplett neuer (mehrschichtig ironischer) Film, wenn man den originalen Vincent Vega mit der Originalstimme John Travoltas sieht (bzw. hört). Der relativ coole Gangster wird zum bemitleidenswerten Opfer einer Welt, in der er allen und allem unterlegen ist. Er ist ein Drogenabhängiger mit hoher weinerlicher Stimme, den eine starke und prägnante Frauenstimme über die Sprechanlage durch den Raum dirigiert und den ein eleganter Harvey Keitel mit klassisch rauem Tonfall zum "Aufräumen" bringt. Vincents Panikreaktionen machen mit sich überschlagender Stimme endlich einen Sinn, denn diese passt zu einem Mann, der ganz eindeutig schon lange genug hat und nur noch verschwommen an bessere (Disco-) Zeiten erinnert.

Ein akzeptabler und unüberwindbarer "Zustand"?

Erschreckend wird "die Macht" der deutschen Übersetzung, wenn es um eindeutige Manipulation von Inhalten geht. Stirb Langsam (USA 1988) ist ein perfektes Beispiel für offensichtliche Zensur: Um einem deutschen Publikum deutsche Namen von Kriminellen nicht zuzumuten, werden diese einfach geändert (auch wenn sie im Film in geschriebener Version vorkommen!). In den 1940/50ern war es eine übliche Synchronisationspraxis, amerikanischen Filmcharakteren auch Namen zu geben, die amerikanisch klingen (fast jede weibliche Figur wird daher eine "Mary").

Stimme ist nicht nur Identität - sondern auch Originalität. So kann ein synchronisierter Klaus-Kinski-Film (in dem er nicht wenigstens einmal "Du Sau!" schreit) nur enttäuschen. Stimme und Sprache sind natürlich immer national geprägt, und daher sind bereits erwähnte Verständigungshilfen nötig (gerade, wenn es sich nicht um englischsprachige Filme handelt). Aber warum Synchronisation? Weil es so anstrengend ist, Untertitel zu lesen? Eine Ausrede, die von nicht sehr viel Ehrgeiz zeugt. Untertitel zu benutzen ist eine Fähigkeit, der ein Lernprozess vorausgeht, der höchstens fünf bis sechs Filme bedarf. Kann man sich wirklich darauf einlassen, wird es letztendlich zur Gewohnheit - und letztendlich lohnt es sich!

Ein ins Deutsche synchronisierter italienischer Film ist schon fast ein Paradox. Ein "Visconti" drückt Leidenschaft und Verzweiflung sogar noch intensiver aus, wenn man nicht jedes Wort versteht, sondern sich auf Klang, Atmosphäre und Bildsprache konzentriert (die Inhalte sind ohnehin so geläufig, dass sie schnell klar werden). Wo bleibt der tragisch-komische Witz in Das Leben ist Schön (Italien 1997), wenn Benigni die gleiche Sprache spricht wie die Nazi-Deutschen und somit Horst Buchholz' bilingualer Part völlig undeutbar wird? Und letztendlich kann kein "Ich weiß nicht" Monica Vittis lakonisches 1960er "No lo so" ersetzen.

Die Frage nach Untertiteln anstelle von Synchronisation ist wohl leider hauptsächlich ein Problem der Akzeptanz und daher auch wieder des Kommerzes. Anstatt sich Mühe zu geben und sich auf das Abenteuer eines ungewohnten (und vor allem echten) Spracherlebnisses einzulassen, werden kulturelle Vielfalt und Authentizität immer der Bequemlichkeit und der leichten Unterhaltung zum Opfer fallen. Ist es wirklich ein so großer Aufwand, sich im Kino mal nicht hinter den größten Kopf zu setzen oder das Sprach-Menü einer DVD richtig zu handhaben ? Einen Film verstehen heißt auch, ihn intuitiv zu erfassen; dieser Prozess wird durch ein sklavisches "an-den-Worten-kleben" ohnehin nur allzu leicht verstellt. Synchronisierte Filme verlieren an Intensität und wahrer (Raum-) Atmosphäre (z. B. Geräusche bei Außenaufnahmen). Einem ausländischen Film muss nicht erst die eigene Sprache und Kultur übergestülpt werden, damit er an Bedeutung gewinnt und eine Aussage hat!

 

Von Mirjam Miethe

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Zuletzt aktualisiert: 2004-05-31 21:24