Marburger Studierende bei UN-Simulation in New York

Die seltsame Welt der Diplomatie

Auch dieses Jahr nahm wieder eine 19-köpfige Delegation der Philipps-Universität an der National Model United Nations Konferenz in New York teil. Während dieser werden verschiedene Gremien der Vereinten Nationen simuliert. Nach einer Woche Aufenthalt in einem Hostel zogen wir ins Hotel Hilton um, wo dieses Jahr die Konferenz ausgerichtet werden sollte.

Erste Schritte auf der diplomatischen Bühne

Da standen wir neunzehn nun also in unseren ach so feinen Anzügen und mit all unseren Koffern, Rucksäcken, Reisetaschen, Täschchen und noch vielem mehr an irgendeiner Kreuzung und versuchten, Taxis für die Fahrt zum Hilton Hotel zu ergattern. Dieses Bild der absoluten Professionalität wurde kurz darauf bestätigt, indem die benötigte Zeit für die folgende Taxifahrt zwischen zehn und vierzig Minuten variierte. Man muss halt flexibel sein als aufstrebender Jung-Diplomat, keine Frage.

Nichtsdestotrotz waren wir natürlich pünktlich zum Mission Briefing bei der deutschen UN-Mission, wo wir zum ersten Mal die nach zarten Palmenzweigen riechende Luft der großen Friedensdiplomatie schnuppern durften oder war es Zigarettenqualm? Vielleicht auch das. Sollte es einem zu denken geben, wenn man importierte Gerolsteinerkisten und die Erlaubnis zum innergebäudlichen Zigarettenkonsum als ins Auge stechende Merkmale seines Heimatlandes identifiziert? Re-germanisiert lauschten wir also den süßen Klängen des Redners und ließen uns für unsere kommende Rolle als ungarische Diplomaten motivieren. „Kooperativ rezeptiv“ sei die Rolle der neuen Mitglieder in den Sitzungen der Gruppe der EU-Staaten. Für diese Länder gelte immer noch das olympische Motto, dass dabei sein alles sei. Wir waren entschlossen, diese von offizieller Stelle bestätigte enorme Machtstellung Ungarns auf dem internationalen Parkett in den folgenden Tagen gegen jeglichen Widerstand durchzusetzen.

Auch die UNO kommt nicht ohne Notausgänge aus

Doch es musste selbstredend anders kommen: Schon am nächsten Tag wollte das Sicherheitspersonal bei den Vereinten Nationen unsere herausragende Stellung als ungarische Diplomaten nicht zur Kenntnis nehmen und ließ uns mit all den anderen - viel unwichtigeren - Staaten in einer endlosen Schlange warten, bis wir in die Generalversammlung zur Eröffnungsfeier gelassen wurden. Diese begann auch sogleich bombastisch: Rettungswege, Notausgänge, verbotene Nahrungsaufnahme und viele weitere weltpolitischen Bedeutsamkeiten wurden haargenau verkündet und erläutert. Muss man sich so etwas als ehrenwerter Diplomat anhören? Können Diplomaten - rein rechtlich - überhaupt bei der Generalversammlung verunglücken? Weiß der „echte“ kubanische Delegierte, dass er zur rechten Seite raus muss? Muss vor jeder Generalversammlung diese Ankündigung wiederholt werden, weil der geschätzte Vertreter aus den Niederlanden immer alles vergisst? Ich hoffte inständig, wenigstens bei der eigentlichen Konferenz Antworten statt Fragen zu finden.

Auch hier manifestierte sich die permanente Überfüllung an Menschen als vielleicht das signifikanteste Kennzeichen der ganzen Woche. Eine halbe Stunde Wartezeit vor den Fahrstühlen lassen einen reumutig an die goldenen Zeiten zurückdenken, in denen der Horror vor 32 Etagen via Treppe kleiner gewesen war als die eigene Ungeduld. Doch welch Ironie: Nach der ersehnten Ankunft in unserem Komiteesaal warteten noch mehr Menschen auf uns. 400 Diplomaten, zahlreiche deutsche Stimmen, die man unwillkürlich hört, allerfeinste Diplomatie der hohen Lautstärke und zarte Versuche, Ordnung in dieses Gewirr aus Stimmen, Anzügen und allgemeiner Unordnung zu bringen. So hatten wir uns die hohe Bühne der Weltpolitik vorgestellt.

"Man muss auch mal zuhören können …"

Tags darauf fanden wir uns in einem Zimmer der Ungarischen Mission wieder und hatten die Ehre, mit dem stellvertretenden ungarischen Repräsentanten bei den Vereinten Nationen zu reden. Auf der Tagesordnung standen letzte höchstgeheime Instruktionen und natürlich die erneute Bestätigung unserer herausragenden Machtposition. Nun denn, was hat Ungarn denn im zurückliegenden, ersten Jahr im Kreis der EU-Staaten gemacht? „Listen, listen, listen“! Unser Selbst- und Sendungsbewusstsein wuchs und wuchs.

Gestärkt kehrten wir zu den Verhandlungen zurück und wie erwartet sah man solch unwichtige Staaten wie die USA während der ganzen Konferenz nicht. Was hätten sie Ungarn auch erzählen wollen? Auch die EU traute sich nur zögerlich, mit uns osteuropäischen Supermächten Kontakt aufzunehmen. Aber waren wir auf diese Emporkömmlinge überhaupt angewiesen? Sogar die verehrte Vorsitzende unseres INTERPOL-Komitees war offenbar so von unserer machtpolitischen Aura benebelt, dass sie tagelang vergaß, unsere Allheil-Resolution zu sichten und zu publizieren. Wir begannen uns zu fragen, ob zuviel Professionalität auch abschrecken kann. Eine andere Erklärung für die stockende Arbeit des Komitees konnten wir uns beim besten diplomatischen Willen nicht vorstellen. Wir mussten geduldig sein.

„Dosenbier und Nadelstreifen“

Von mitternächtlichen Presslufthämmern unter unserem Fenster vertrieben, suchten wir in der Lobby Zerstreuung. Doch der dortige Anblick gestaltete sich überraschend: Die Lobby und Bar waren fest in der Hand von pfandfreiem Dosenbier und streunenden Diplomatenhorden. Nun denn, wir beugten uns der zukünftigen Weltrettungselite und versuchten, mit professioneller Bedienung der Alu-Getränke die Völkerverständigung zu erleichtern. Doch die Fragen wollten nicht weichen: Was denken die Angestellten des Hotels von einer solchen diplomatischen Besatzungsmacht? Würdigten Sie die ausufernde, nächtliche Diplomatie, bei der auch mal Späne fielen? Oder blieb Ihnen der professionelle Anspruch ganz verborgen?

Ende gut ...

Der nächste Morgen brachte dann die multiple Erlösung: Mehr Platz im Komitee durch die vielen freien Plätze und nach gefühlten Jahrzehnten des Wartens waren endlich die fünf Punkte unserer Resolution von der Komitee-Leitung gesichtet und formal korrigiert bzw. akzeptiert worden, so dass der weltweiten Kriminalitätsbekämpfung nur noch eine Abstimmung im Weg stand. Und auch bei dieser war höchst professioneller Realismus gesichert: Es standen Abstimmungen über 19 Resolutionsentwürfe zu ein und demselben Thema an. Doch trotz aller Irritationen setzte sich neben dem Wohl der Welt einmal mehr die Osteuropäische Union durch, so dass sich alle Fragen, Zweifel und Bedenken in den diplomatischen Ruhestand verabschieden konnten. So einfach kann Diplomatie manchmal sein.

Gunnar Fischer

Weitere Informationen:

NMUN-Konferenz in New York

Die Marburger NMUN-Delegation

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:53