Sierra Leone sein ... Simulationsprojekt LahnMUN in Marburg

Mal anders lernen

Mal wieder trafen sich im Februar Sierra Leone und Pakistan und Brasilien und Nigeria und Schweden und Polen in Marburg, um Themen der aktuellen politischen Agenda der Vereinten Nationen zu diskutieren. Dass es sich dabei nicht um echte Diplomaten dieses Landes handelte, sondern um deutsche Studierende, die im Rahmen von Lahn Model United Nations für ein Wochenende in die Rolle der Vertreter eines fremden Landes schlüpften, ist fast nebensächlich, betrachtet man die Qualität der Debatte und die Realitätsnähe, mit der verhandelt und diskutiert und gestritten wurde.

Nicht nur für Politologen

Planspiele sind Simulationen institutioneller Konfliktaustragungsmechanismen und LahnMUN simulierte vom 6. bis zum 8. Februar schon zum dritten Mal die Vereinten Nationen als Planspiel in Marburg. Die Konferenzen haben immer das Ziel, möglichst vielen Studierenden die Möglichkeit zu geben, diese internationale Organisation näher kennen zu lernen und durch einen Einblick in die Arbeitsweise der VN deren Möglichkeiten zu betrachten, aber auch zu sehen, warum Konfliktregelung in der eigens für diesen Zweck geschaffenen Organisation oft nicht möglich ist. Traditionell nehmen viele Politologen, Soziologen, Friedens- und Konfliktforscher und Juristen teil, da ihr Interesse sich direkt aus den behandelten Materien ableitet. Jedes Jahr finden sich unter den Teilnehmern aber auch Studierende anderer Fächer, wie etwa Pädagogen, Physiker, Mediziner und Lehramtsstudenten. Denn ein Planspiel der Vereinten Nationen bietet mehr als nur eine inhaltliche Debatte zu den anstehenden Themen.

Inhalte und Soft Skills!

Natürlich sind es vordergründig einzelne Themen, die diskutiert werden, wie etwa die Lage von Kindersoldaten überall auf der Welt, der seit Jahrzehnten schwelende Kaschmir-Konflikt oder die schwierige Sicherheitslage in Georgien. Um an einem VN-Planspiel teilnehmen zu können, gehört jedoch vor allem Neugier auf die Arbeitsweise in großen Gruppen, die konflikthafte Themen bearbeiten, die Lust sich auf Gruppenprozesse einzulassen, die sich in der Uni sonst nicht bieten und das Selbstvertrauen, sich in einer solchen ungewohnten Umgebung gegen die Argumente anderer durchzusetzen. Es bedarf Durchsetzungsvermögen und Kompromissbereit-schaft, gutem Zuhören und bestechendem Argumentieren, taktischem Handeln und vorsichtigem Vermitteln, um an einem Planspiel teilnehmen zu können. All dies wird gleichzeitig gefordert und gefördert und somit lernen "alte Hasen" und noch unerfahrene Neulinge gemeinsam.

Für die Uni lernen ... und fürs Leben

Die bei Planspielen gemachten Erfahrungen und gelernten Techniken sind nicht nur für Diplomaten erforderlich und somit profitieren auch alle jene, die keine Stelle im Auswärtigen Dienst oder in internationalen Organisationen anstreben. Bereits für den weiteren Verlauf des Studiums ist es wertvoll zu lernen, wie man seine eigene, sieben Kommilitonen umfassende Referatsgruppe in den Griff bekommt, wie man vor großen Auditorien selbstsicher einen frei gehaltenen Vortrag meistert, und wie man schnell die wichtigsten Punkte eines komplexem Themas recherchiert. Planspiele der Vereinten Nationen können als Übungsraum verstanden werden, in denen jeder Studierende sich Techniken aneignen kann, die für ein gut strukturiertes Studium von Vorteil sind und im Berufsleben werden sich diese sicherlich nicht zum Nachteil entwickeln. Von Absolventen wird immer wieder verlangt, dass sie die komplexen Anforderungs-profile in öffentlichem Dienst und freier Wirtschaft erfüllen, ohne dass die Uni ausreichend Möglichkeiten schafft, die geforderten Qualifikationen auch erwerben zu können. Bei einem Planspiel bietet sich jedem die Gelegenheit in einer intensiven, mehrtägigen Konferenz einiges neu zu lernen, anderes aufzufrischen und zu üben und viele Anregungen in den Studienalltag mitzunehmen. Erfolg oder Misserfolg geben bei einem Planspiel Auskunft über eigene Stärken und Defizite.

Planspiele in Marburg

Schon seit ungefähr fünf Jahren beschäftigt sich eine Gruppe von Studierenden, die UN Society Marburg, mit Planspielen der Vereinten Nationen und überlegt, wie man diese einem breiten Studierendenkreis zugänglich machen kann. Mittlerweile ist eine ganze Reihe von Möglichkeiten entstanden, wie Marburger StudentInnen diese besondere Lernform nutzen können. Jedes Jahr bietet die UN Society etwa 20 Studierenden an, an einem VN-Planspiel in New York teilzunehmen und es steht jedem Eingeschriebenen in Marburg frei, sich für diese Gruppe zu bewerben (die Auswahl für die Teilnahme ab Herbst 2004 findet in diesem Sommersemester statt). Wie bereits erwähnt gibt es auch die Möglichkeit, jedes Jahr im Januar/Februar an LahnMUN teilzunehmen, das auch Studierenden aus dem ganzen Bundesgebiet und dem Ausland offen steht. Die dritte Variante ist die Teilnahme an einigen wenigen Seminaren, die jedoch hauptsächlich in den Fächern Politikwissenschaft und Friedens- und Konfliktforschung angeboten werden und die immer Planspiele in die normale Seminarstruktur einbinden. Wer sich für die Teilnahme an einer der drei Varianten interessiert, ist herzlich eingeladen, sich entweder unter www.unsociety.de zu informieren, oder mir eine Mail an zu schicken.

Daggi Eichert

 

Weitere Informationen und Kontakt:

Internetseite der LahnMUN

Internetseite der Marburger UN Society

 

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:53