Der neue Uni-Präsident Prof. Dr. Nienhaus im Gespräch mit Uni.schaft

„Universität mit Renommee und Vielfalt“

Am 4. Mai nutzten wir eine Zusage des neuen Präsidenten der Universität Marburg zu einem Gespräch. Prof. Dr. Volker Nienhaus beantwortete uns dabei unter anderem Fragen zu den anstehenden Umstrukturierungen der Uni, seinen Vorstellungen zur verstärkten Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen sowie den ersten Eindrücken aus Marburg.

Fächervielfalt und anerkannte Forschung

„Die exzellente Forschung sowohl bei den Marburger Natur- wie auch den Geistes-wissenschaften ist auch außerhalb von Marburg bekannt“, versichert er auf die Frage hin nach den Besonderheiten der Marburger Alma Mater. Auch das breite Fächerspektrum sei sehr spezifisch für Marburg, denn andere Universitäten hätten eher wenige Leitdisziplinen. „Die Vielfalt bietet sowohl Chancen als auch Risiken“, betont Nienhaus und unterstreicht seine Aussage mit einem markanten Beispiel: „Wenn die verschiedenen Fachbereiche interdisziplinär zusammenwirken, so können dabei auf neue Fragestellungen neue Erkenntnisse im großen Umfang entstehen. Umwelt- oder Gesundheitsforschung sind nur zwei Beispiele, bei denen in Zukunft eine stärkere Vernetzung stattfinden kann, Konfliktforschung ist ein weiteres, übrigens eine Besonderheit in Marburg“, zeigt sich der 51-jährige Volkswirt überzeugt. Zum Thema Orchideen- und „Mauerblümchenfächer“ äußert sich der Präsident etwas diplomatisch: „Beide Pflanzensorten bedürfen der Pflege“. Eine Orchidee sei eine Disziplin aber nur dann, wenn Ihre Leistungen auch nach außen dringen würden und ihr Mehrwert wahrgenommen würde. Dieses könne sich in neuen Forschungsergebnissen, Publikationen oder Fachkongressen widerspiegeln. Wichtig sei dabei vor allem die Vernetzung mit anderen Universitäten, unter anderem dadurch „können auch Mauerblümchen zu Orchideen werden“.

Komplizierte Finanzierungswege

Eine verstärkte Interdisziplinarität bedeute aber auch eine verstärkte Attraktivität für Studierende und dies sei wichtig, da die Universität ihre Geldmittel für jeden einzelnen Studierenden erhalte. Nienhaus äußert sich auch zu verstärkten Drittmittelfinanzierung von Forschung und den daraus erwachsenden Schwierigkeiten für bestimmte nicht-ökonomische Fachbereiche, weist aber auf ein Alternativmodell hin: „In Nordrhein-Westfalen gibt es ein moderateres Verteilsystem der staatlichen Mittel: Bekommt eine Geisteswissenschaftliche Fakultät eine bestimmte Summe an Drittmitteln, so wird sie durch das Land überproportional honoriert. Das heisst konkret, dass beispielsweise die Ingenieurwissenschaften für die gleiche Drittmittelsumme weniger Landesgelder bekommen.“ Dieses System gibt es in Hessen nicht, aber „das hessische Verteilsystem wird auf Dauer keinen Bestand haben“, zeigt sich Nienhaus überzeugt. Durch das jetzige Mittelverteilungssystem des Landes ließen sich die Gesellschaftswissenschaften auf Dauer nicht bezahlen. Aber selbst bei den Wirtschaftswissenschaften gäbe es im Vergleich zu den Rechtswissenschaften Schwierigkeiten. Bei gleichen Clusterpreisen – das sind diejenigen Mittel, welche das Land der Universität pro Studierenden einer bestimmten Fachrichtung zahlt – seien die Wiwis teurer, müssten also von anderen Fachbereichen mitgetragen werden. Die Zukunft einzelner Fachbereiche hänge also entscheidend vom Modell ab, welchem zufolge das Land die Mittel verteilt.

Europäisierung und Studiengebühren

„Angleichung von Abschlüssen ja, Vereinheitlichung von Fachrichtungen nein“, so lautet Nienhaus' Bewertung zur Bologna-Reform, die auf die Vereinheitlichung der Studienabschlüsse in der EU abzielt. Die Möglichkeit zur Profilbildung der einzelnen Universitäten müsse weiterhin gewährleistet sein, ein Beispiel dafür sei der Master of Peace and Conflict Studies, der ab dem Wintersemester exklusiv in Marburg angeboten wird.

Zu möglichen Studiengebühren erläutert der Präsident: „Ich würde nicht überrascht sein, wenn sie kommen.“ Das Modell aus den USA sei jedoch nicht ohne weiteres für Deutschland kopierbar. Die Universitäten verfügten dort zum Teil über erheblichen Grund- und Aktienbesitz, so dass die Studiengebühren nur einen Teil ihrer Einnahmen bilden. Wichtig bei Studiengebühren sei die Vorannahme, dass sie nicht kostendeckend sein könnten. Dennoch könne man über unterschiedliche Kreditsysteme nachdenken, denn „es gibt schon eine gewisse Plausibilität: ein individueller Gewinn durch ein Studium ist für den Einzelnen da.“ Ein Zukunftsszenario, bei dem sich der Staat aus der Finanzierung zurückziehe, sei hingegen „nicht angemessen“, denn die Universitäten erfüllten mit ihrer risikobehafteten Grundlagenforschung eine gesellschaftliche Funktion. „Der Abschreckungseffekt der Langzeitstudiengebühren ist in Ordnung, jedoch ist dabei problematisch, dass das System nicht zwischen ‚Verkehrsverbundstudenten' und tatsächlich begründeten Fällen differenziert“, meint Nienhaus und fügt hinzu: „Aus finanzieller Sicht hat die Uni gar nichts davon.“

Mit Blick auf Stadt und Studierende

„Die Stadt hat sich mir bei meinem ersten Aufenthalt im letzten Herbst von ihrer schönsten Seite gezeigt“, meint Nienhaus lächelnd. Warum er dieses Amt übernehmen wollte? „Nun, ich wollte das anwenden, was ich lange Zeit auch gelehrt habe. Ich war mehrere Jahre sowohl in der Lehre als auch im Uni-Management tätig. Dies war die vielleicht letzte Möglichkeit, eine große Herausforderung anzunehmen, da man ab circa 55 nicht mehr berufungsfähig ist.“ Eine gewisse Erleichterung seiner Arbeit bei den bevorstehenden Aufgaben sieht er durch seine Erfahrungen mit Zahlen und Finanzen.

Die Frage nach grundlegenden Eigenschaften der heutigen Studierendengeneration beantwortet Nienhaus vielschichtig. Der Wunsch und die Bereitschaft, am Wissensprozess teilzunehmen, seien stärker als noch vor 20 Jahren und Studierende übernähmen viele Forschungsaufgaben. Die kritisch-argumentative Auseinandersetzung werde hingegen nicht mehr so stark gepflegt wie früher. „Bei meiner Amtseinführung haben die Studierenden nur geklatscht, gejohlt und sind dann raus gegangen. Man hätte die Anwesenheit des Wissenschaftsministers und die große Öffentlichkeit besser nutzen können, “ meint er fast enttäuscht und fügt hinzu: „Die Zeiten des ‚Alles-Infrage-Stellens' und Protestierens sind vorbei, wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich das positiv sehen sollte.“

Vielen Dank für das Gespräch

 

Das Gespräch führten: Katarzyna und Jan Opielka

 

Weitere Informationen:

http://www.uni-marburg.de/zv/leitung/praesident/praesident.html

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:52