Kommentar zum Bericht „Marburg 2020 – Bevölkerungsentwicklung und Wohnungsbedarf“

Der Bericht zur Marburger Wohnungsbedarfsentwicklung, vorgelegt der Stadtverordnetenversammlung im Mai 2003, ist primär von einem nicht-nachhaltigen Denken geprägt: Der Grundtenor ist dabei, dass die Stadt den „zwingenden Sachverhalten“ gesellschaftlicher Entwicklung unterworfen sei. Gleichzeitig sieht sie sich in dem Zwang, im Wettbewerb zu anderen Städten und Gemeinden zu stehen. Leider ist dies kein Einzelfall, sondern das grundsätzliche Denken einer primär ökonomisch orientierten Gesellschaft. Trotzdem sollte es vornehmliche Aufgabe einer Stadtentwicklung sein, nicht-nachhaltigen Entwicklungen entgegenzusteuern statt sie zu bedienen. Dass letzterem im Bericht ein eindeutiger Vorrang eingeräumt wird, erscheint offensichtlich, wie im Folgendem dargelegt werden soll:

Auch wenn auf Seite 4 des Berichtes die Rede von Bestrebungen ist, eine „Begrenzung des Landschaftsverbrauchs“ zu erreichen, ist die Wohnbauprognose offensichtlich von anderen, vorwiegend finanziellen Motivationen geprägt.


Angesprochen wird auf den Seiten 7-8 ein Wettbewerb der deutschen Städte und Regionen um Einwohner. Geschähe die Wohnraumbereitstellung im Oberzentrum Marburg nicht in ausreichender Menge, so käme es (aufgrund der Veränderung der Bodenpreise) zu einer Verlagerung der Bevölkerung ins Umland. Dabei wird davon ausgegangen, dass der dortige Zuwachs der Bevölkerung von der Stadt Marburg induziert wurde, d.h. dass die Stadt als entscheidender Magnet für Zuzüge in die Region anzusehen ist. Dies würde aber zu einer erhöhten Verkehrsbelastung im Umland und in der Stadt Marburg selbst führen, da dort adäquate Busverbindungen fehlen und Arbeits- und Einkaufsmöglichkeiten im Wesentlichen auf Marburg reduziert bleiben dürften. Diese Überlegung ist zwar nicht von der Hand zu weisen, doch muss auch klar gesagt werden, dass die Marburger Stadtplanung selbst „innerhalb der Stadtmauern“ bis heute nicht viel dazu beigetragen hat, innerstädtischen Individualverkehr zu reduzieren bzw. verträglicher zu machen. Dies lässt sich z.B. an der Tatsache erkennen, dass nur wenige der richtungsweisenden Vorschläge des Verkehrsentwicklungsplans bisher aufgegriffen, geschweige denn in die Tat umgesetzt sind. Als weiteres Beispiel ist die Parkhausermäßigung bei einem Oberstadteinkauf zu nennen, der zwar der wirtschaftlichen Stabilisierung der Oberstadtgeschäfte dienen mag, anderseits wohl als Argument von Besuchern aus den Umlandgemeinden herangezogen wird, statt dem ÖPNV auf das Auto zurückzugreifen. Vor dem Hintergrund der bisher praktizierten Marburger Verkehrspolitik erweist sich die Ernsthaftigkeit der herangezogenen Argumentation der Verkehrsvermeidung bei dem gleichzeitigen Willen, Kaufkraft aus dem Umland heranzuziehen, als etwas fragwürdig. Auch wenn die Schwierigkeit der Etablierung eines rentablen ÖPNV im Umland fraglos ein ernstzunehmendes und tatsächlich schwer zu lösendes Problem darstellt, gibt dies nicht die Berechtigung, diese schlechte Situation als unveränderliche Tatsache anzusehen, wie es auf Seite 8 getan wird: „...gibt es dort [im Umland] gegenwärtig keine akzeptable ÖPNV-Verbindung und es kann sie auch zukünftig nicht gebe.n“
Viel deutlicher erscheint im Bericht hingegen die finanzielle Motivation, welche hinter der Wohnungspolitik liegt. (Stichwort: Schlüsselzuweisung des Landes, welche an der Einwohnerzahl bemessen werden.) Zwar füllt die Argumentation der verkehrliche Aspekte etwa 1/3 der Seite 8 des Berichtes, während dem finanziellen Aspekt lediglich vier Zeilen gewidmet sind, doch zieht sich diese durch den gesamten Bericht, während ökologische Aspekte mit Ausnahme der Verkehrssituation nicht in Betracht gezogen werden. Wie schon ausgeführt, widerspricht sich hier Anspruch des Berichts und verkehrspolitische Realität, so dass dieses Argument wohl in den Bereich der „Sonntagsreden“ einzuordnen ist.

Der doch nicht unwesentliche Bedarf an Neubauwohnungen bis 2020 trotz sehr wahrscheinlich sinkender Bevölkerungszahl wird im Wesentlichen mit dem Sachzwang begründet, gesellschaftliche Tendenzen bedienen zu müssen. Leider ist es eine Tatsache, dass die deutsche Bevölkerung immer mehr Wohnfläche beansprucht, dass also der Bedarf an Wohnfläche pro Person immer größer wird.
Aus diesem Trend ergibt sich laut Bericht der hohe Nachholbedarf für die Bereitstellung zusätzlicher Wohnfläche in Marburg. Der gesamthessische Durchschnitt wird herangezogen, um diese Argumentation zu untermauern. Muss sich in Marburg durchschnittlich jede Person mit 35,72 m² zufrieden geben, so hat der durchschnittliche Gesamthesse ganze 40,97 m² zur Verfügung (jeweils nur Hauptwohnsitze, gem. S. 19, Tab.9)! Marburg sollte sich laut Bericht bemühen, dass „wenigstens die hessischen Durchschnittswerte in der Wohnbelegung erreicht werden“ (S.19). Hierbei wird aber nicht erwähnt, dass ein hessischer Durchschnitt für eine von Studenten geprägte Stadt wohl weder realistisch noch wünschenswert sein dürfte. Dies sollte aber durchaus auch in einer Prognose mindestens angesprochen werden, selbst wenn eingangs erwähnt wurde, dass eine Prognose der Bevölkerungsstruktur (Altersverteilungen und „sozialer Status“) nicht erstellt werden konnte. Das Wettbewerbsbestreben wird hier wieder sehr deutlich. Dies ist ein weiteres Merkmal einer angestrebten nicht-nachhaltigen Entwicklung. Immerhin wird eingeschränkt, dass der Nachholbedarf aufgrund der konjunkturellen Situation möglicherweise nicht zu realisieren sei, sprich: Die Bevölkerung hat kein Geld für den Kauf oder die Miete größerer Flächen. Dieses wichtige Argument wird aber nicht weiter verfolgt, geschweige denn für verschiedene konjunkturelle Situationen Szenarien entworfen. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass es einen potentiellen Nachholbedarf gibt, der durch die Bereitstellung weiterer Wohnflächen zu aktivieren sei: „Es gibt jedoch unübersehbare Hinweise [welche, wird nicht genannt!], dass hier ein Nachfragepotential vorhanden ist, dass sich gegenwärtig auf vergleichsweise niedrigem Wohnungsversorgeniveau arrangiert hat und bei adäquaten Angeboten sowie verbesserten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aktivierbar ist“ (S. 19)
Hinzu kommt der Bedarf an „qualitativ“ besseren Wohnungen: „..., dass jeder Wohnungs- oder Grundstücksinteressent nicht nur ‚ein’, sondern auch ‚sein’ Objekt findet. (S. 23) Diese „Qualitätsreserve“ müsse vor allem durch die Bereitstellung von Einfamilienhäuser bzw. Doppel- und Reihenhäuser geschehen, denn „konkurrierend treten hier [bei diesen Wohnformen] preiswerte Grundstücksangebote von Umlandgemeinden auf den Markt. Die Notwendigkeit eines marktgängigen und ausreichenden Angebotes an Grundstücken auf der Gemarkung der Stadt Marburg erfolgt daraus zwingend “ (S. 22) Dies entlarvt auch die auf Seite 4 genannten „Bemühungen der Stadtentwicklungsplanung um eine Begrenzung des Landschaftsverbrauchs“ aufgrund des hierbei größeren Flächenverbrauchs pro Person als ein Vorschiebeargument und ist eine weitere nicht-nachhaltige Zielsetzung in diesem Bericht.

Die Wohnbaubedürfnisse der Stadt Marburg unterliegen Zwängen der Bevölkerungsentwicklung, die als nicht-nachhaltig eingestuft werden müssen. Die Bedienung dieser Trends ist zwar unter finanziellen als auch verkehrspolitischen Gesichtspunkten im Rahmen der allgemeinen Tendenz des Konkurrenzdenkens und der „Größer-Schneller-Weiter-Mentalität“ in Deutschland nachvollziehbar, entspricht aber in keiner Weise dem realen Handlungsbedarfs hinsichtlich ökologischer Probleme. Von diesem aber sollte auch oder gerade der Städtebau in Deutschland nicht verschont werden. Zur Verdeutlichung: In Deutschland werden täglich nahezu 130 Hektar in Siedlungsfläche umgewidmet, bei gleichbleibender Tendenz (die aber derzeit noch steigend ist) wird Deutschland in 80 Jahren vollständig bebaut sein! Es sollte gerade Marburg, das von einem Image einer „ökologisch intakten“ (S. 7) Stadt profitieren will, ein Anliegen sein, diesem Image gerecht zu werden. Dies bedeutet, dass die im Bericht aufgeführten gesellschaftlichen Trends nicht bedient, sondern ihnen entgegengewirkt werden muss.
Es ist selbstverständlich, dass Marburg dies nicht alleine leisten kann, da es sonst tatsächlich zum großen Verlierer der Region werden würde. Vielmehr sollten Bemühungen geleistet werden, regionale Kooperationen aufzubauen, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Für solche Kooperationen bestehen durchaus einige Ansätze, welche in Mittelhessen allerdings keine Anwendung finden.
Außerdem ist eine Sensibilisierung der Bevölkerung für dieses Thema dringend notwendig, um den tatsächlich bestehenden Trend des ständig wachsenden Bedarfs entgegenzuwirken. Die Abnahme der Konjunktur, welche in die Prognose des Wohnraumbedarfs wohl nicht mit einbezogen wurde, kann hierbei ein Faktor werden, der einer nachhaltigen Entwicklung zuspielen könnte, allerdings ohne dringend notwendiges anhaltendes Bewusstsein zu bilden.

Leider ist es wohl unrealistisch, dass unter der derzeitigen politischen Situation die Stadt Marburg die Federführung einer regionalen Kooperation für eine nachhaltige Bodenpolitik in die Hand nimmt, da mit derartigen Maßnahmen zwar ein – endlich gerechtfertigtes! -ökologisches Image geschaffen, jedoch definitiv keine neuen Schlüsselzuweisungen gewonnen werden könnten!

Ulf Marold, Mai 2003

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:47