Die Gesellschaft im Reagenzglas

- „Dogville“ zeigt, wozu Menschen fähig sind -

Lars von Triers Film „Dogville“ behandelt zahlreiche Motive unserer gesellschaftlichen Realität und zeigt dabei, wie schonungslos schlecht Menschen sein können. Der Spielort des Films ist ein 40 mal 25 Meter großer Innenraum, provisorisch eine Stadt skizzierend, der während des gesamten Films nicht wechselt und im Prinzip eine Theaterbühne darstellt. Der Film als Theaterstück - dadurch konzentriert sich die gesamte Handlung auf die Charaktere, die in einem sich steigerndem Psychospiel ungeschminkt Furchtbares offenbaren.

Theater im Kino

Die Hauptfigur des Films ist die mysteriöse Grace (Nicole Kidman), die auf der Flucht vor zwielichtigen Gestalten in dem amerikanischen Kleinststädtchen Dogville (15 Einwohner, sieben Kinder, ein Hund) Schutz sucht und findet. Die aufgeschreckte und sensible Schöne darf, durch den Arztsohn und Möchtegern Schriftsteller Tom Edison Jr. unterstützt, nach einer Abstimmung der 15-köpfigen Gemeinde für zunächst zwei Wochen bleiben. Innerhalb dieser Zeit stellt sie auf Toms Anraten hin fest, dass ihre Hilfe bei physischen Tätigkeiten durchaus erwünscht ist, obwohl - wie zunächst stark hervorgehoben wird - diese eigentlich nicht ausgeführt werden müssten.
Nach einer Zeit der positiven Arbeitsintegration in die Gemeinde wird jedoch das Verhältnis, vor allem aufgrund eines zweiten polizeilichen Steckbriefs, zunehmend schwieriger. Die Bewohner fordern von Grace immer mehr Arbeit für Ihr eigenes Stillschweigen. Was nun allmählich folgt, ist die immer deutlicher an die Oberfläche hervortretende Offenbarung menschlicher Abgründe und schlicht – seiner Fähigkeit zum Schlechtsein. Graces Notsituation wird immer skrupelloser ausgenutzt, sie muss mehr arbeiten, wird zunehmend gedemütigt, dann zunächst einmal, nach einem missglücktem Fluchtversuch mehrmals von fast allen männlichen Bewohnern Dogville’s vergewaltigt. Diese Vergewaltigungen werden von den Dogvillianern jedoch nicht als Vergewaltigung verstanden, denn Grace hört Stunde um Stunde zunehmend auf, als Mensch angesehen zu werden.

Der Film in der Welt

In seinem Werk geht Lars von Trier auf verschiedene gesellschaftliche und menschliche Phänomene ein. Starke Parallelen sind etwa in der erniedrigenden Behandlung von Schutz suchenden Flüchtlingen zu erkennen; eine vielfach praktizierte Methode selbst in entwickelten Staaten. Die Fremde (Grace) wird schamlos ausgenutzt und trägt später für fast alles die Verantwortung, ist letztendlich die Verführerin denn die Vergewaltigte. In einer Atmosphäre aus Angst und Verzweiflung sowie fehlendem Vertauen erstickt die Wahrheit.
Eine weitere Ebene spielt auf das „mehr haben“ an und hier wohl auf das eigentlich nicht notwendige „mehr“. Grace verrichtet Tätigkeiten, die zuvor nicht ausgeübt, nicht gebraucht wurden. Sie übernimmt eine wichtige Funktion und erleichtert den Einwohnern – zunächst für einen geringen, dann keinen Lohn – viel eigene Mühe. Als sie kaum noch mehr weiter ausbeutbar ist, wird ihr Körper auf perverse Weise missbraucht. Auch hier gelingt dem Regisseur eine brutale, doch wahre Zeichnung der Verhältnisse der Welt. Die Spaltung in Dritte und Erste Welt beruht vor allem auch auf einem Ausbeutungsverhältnis der stärkeren gegenüber schwächeren Staaten und Akteure. Das Privileg, am längeren Hebel sitzen zu dürfen, wird jedoch nicht zur gerechten Verteilung der Mittel und Chancen, sondern zur noch stärkeren Ausbeutung benutzt.
Ein dritter Handlungsstrang gibt indirekte Einblicke in das Seelenleben der Hauptprotagonistin, glänzend dargestellt von Nicole Kidman. Grace bleibt in Dogville trotz grauenhafter Demütigung, Vergewaltigung, psychischer Folter, Ankettung und letztlich auch sterbender Hoffnung auf ein Fünkchen Gutes in den Menschen. Die Zuschauer vermuten hinter den mysteriösen Männern, von welchen sie gesucht wird, ihre vermeintlichen Mörder. Am Ende müssen sie jedoch feststellen, dass das, wovor sich Grace eigentlich versteckt, das Schlechte in ihr selbst ist, welches sie um fast keinen Preis zulassen möchte, es nicht ausleben möchte. Beinahe bis zum Ende verteidigt sie die schändlichen Taten der Dogville-Bewohner.

Die Welt in Grundsätzen

Der Zuschauer ist in Triers Werk hochkonzentriert und muss fast zwangsläufig schwanken: zwischen der Identifikation und dem Mitgefühl mit der Positivfigur Grace und andererseits mit dem Eingeständnis, dass wir alle zu einem gewissen Grade den Dogville’schen Unprinzipien folgen, oft ohne es zu merken. Die messerscharfe, ungeschönte und ungeschminkte Darstellung, untermalt durch metaphorische Elemente, kann unmöglich unbewegt lassen. Diese kleine Welt, in welcher der Mensch zum Unmenschen wird, ist ein schonungsloser, aufrüttelnder filmischer Beitrag, der nicht zögert und nicht verschweigt. Man wünscht dem Film viele Zuschauer – um sich der Welt zu zeigen.


Jan Opielka

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:47