Gründungsmythos der Bundesrepublik

- Eine positive Sicht auf das „Wunder von Bern“ -

Betrachtet man Sönke Wortmanns „Wunder von Bern“ als eine Art Kriegsfilm, so ist Kritik durchaus angebracht, da die persönliche Schuld des heimgekehrten Vaters nicht ausreichend reflektiert wird. Die Konflikte mit seinem kommunistisch-geprägten Sohn vermitteln zwar einen Hauch von Besinnung auf die Ursprünge allen Gräuels, aber diese Spuren, die den Kinobesucher in die Richtung 1933 beziehungsweise 1939 führen, werden zu schnell wieder verwischt. Während der Schrecken der russischen Kriegsgefangenschaft zuerst implizit durch familiäre Spannungen und väterliche Verarbeitungsprozesse und dann explizit in der Kirche und beim Kartoffelschälen thematisiert und in den Mittelpunkt gerückt werden, erscheint die irrsinnige, grausame und unmenschliche nationalsozialistische Ideologie und Kriegsführung – wenn überhaupt – nur als Randfigur des Films.

Nachkriegsfilm statt Kriegsfilm

Das „Wunder von Bern“ ist jedoch in meinen Augen kein Kriegsfilm, der den Schwerpunkt auf die Vergangenheit setzt, sondern ein Nachkriegsfilm, der den Blick in die Zukunft richten möchte. Mit der schrittweisen Freilassung der letzten Kriegsgefangenen war der Zweite Weltkrieg endgültig zu Ende: Eine neue Ära begann, für die stellvertretend der kleine Matthias als Hauptfigur des Films steht. Er ist an der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte gänzlich unschuldig und verkörpert wie kein Zweiter die sportliche, hoffnungsvoll-emotionale Dimension des WM-Triumphes von 1954. Er hat, ohne es zu wissen, die Worte des Bundespräsidenten Theodor Heuss verinnerlicht; der anlässlich der Ehrung der Fußballer kurz nach dem WM-Sieg klarstellte: „Sie kriegen von mir heute keine politische Rede. Wir sind wegen des Sportes hier! Ich glaube, wir sollten ihn außerhalb der Politik halten.“
Natürlich ist eine Illusion, dass das „Wunder von Bern“ in der Bevölkerung nur eine sportliche Bedeutung hatte; jedoch ist es genauso unrealistisch, wenn man die zeitgenössischen Empfindungen der Deutschen pauschal dahingehend interpretiert, dass der Triumph auf dem grünen Rasen als erfolgreiche Fortsetzung des zweiten Weltkrieges bewertet und gefeiert wurde. So mancher mag in dieser Weise gedacht haben. Aber für die meisten Deutschen war – in meiner heutigen Wahrnehmung – etwas anderes entscheidend: es war das Gefühl, nach selbstverschuldet-schmachvollen Jahren endlich einmal wieder positive Schlagzeilen zu machen, sich trotz der deutsch-deutschen Trennung endlich mal wieder als Nation über etwas freuen zu können. Man konnte wieder nach vorne gucken. Der dunkle Schatten des Nationalsozialismus war zwar immer noch präsent, aber sowohl mit der allmählichen Rückkehr der (russischen) Kriegsgefangenen und der mehr und mehr erfolgreichen Integration in die westliche Staatenwelt als auch mit dem langsamen Wirtschaftswachstum und nicht zuletzt dem großen Sieg der deutschen Fußballer in Bern war endlich wieder Licht am Ende des Tunnels zu erkennen.

Initialzündung für Deutschland

Nach dem langen, leidvollen Krieg entstand nun ein Staat, von dem Richard von Weizsäcker mit Recht sagen konnte, dass die Geschichte den Deutschen bisher keinen besseren gewährt hat. Aus der totalitären Diktatur erwuchs dank tätiger Hilfe der Besatzungsmächte, aber auch dank des Willens der Deutschen, binnen weniger Jahre eine demokratische und von Freiheit, Gleichheit und Recht geprägte Republik. Auf diese Entwicklung darf man stolz zurückblicken, ohne in Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit zu verfallen. Dass die fünfziger Jahre einen Startpunkt dieser Prozesse bildeten, dass sie also nicht nur das Jahrzehnt der Verdrängung und des Stillstands symbolisierten, zeigt der hier betrachtete Film in liebevoller und anrührender Weise.
Das „Wunder von Bern“ war eine Initialzündung für die deutsche Bevölkerung, ja es wurde zu einer Art Gründungsmythos der Bundesrepublik. Die nationale Freude über die epochalen Ereignisse in Wankdorf war Teil der Aufbruchstimmung in eine bei weitem nicht perfekte, aber in eine bessere Zeit. Darüber hinaus wirkten Toni Turek, Helmut Rahn und die anderen am „Wunder“ Beteiligten weltweit als sympathische und sportlich-faire Botschafter des „neuen Deutschland“. Man „war und wurde wieder wer“: der sportlichen Etablierung folgte 1955 auch die endgültige Rückkehr auf die internationale politische Bühne, und zwar kam man diesmal nicht als erbitterter Feind und Gegner, sondern als Freund und Förderer der friedlichen und freiheitlichen Welt.
In der Tat: die Frage nach der deutschen Schuld, also die Frage danach, warum es überhaupt erst einen Neuanfang geben musste, wird in Wortmanns Film zu sehr ausgeklammert. Ich glaube aber, dass er das heute tun darf, weil – wie Hanns-Georg Rodek sagt – „die Aufarbeitung der Vergangenheit inzwischen – wenn auch verspätet – geleistet wurde.“

Jan Ole Wiechmann

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:47