Kitsch mit falschem Pathos

- Sönke Wortmanns Film „Das Wunder von Bern“ -

Fußball ist ein Sport – könnte man meinen. Nein, Fußball ist viel mehr – wird einem entgegengehalten: ein Geschäft, ein Event, eine Weltanschauung. Fußball polarisiert. Es gibt die Fußballfans und die Fußballmuffel. „Fußball ist unser Leben“ wurde einmal gesungen und „gesungen“ wird überhaupt viel in den Stadien. Bei Länderspielen am Anfang zum Beispiel immer die Nationalhymne. Für vernünftige Menschen ein Grund wegzuschalten, denn dritte Strophen folgen den beiden davor. Und plötzlich wird ein Gespräch über Fußball zu einem Gespräch über die Bundesrepublik, die ihre Nationalhymne nicht zufällig hat. Und tatsächlich ist Sönke Wortmanns Film „Das Wunder von Bern“ nicht nur ein Film über Fußball sondern auch ein Film über die Bundesrepublik.

„Wir-sind-wieder-wer“

Die Fußballweltmeisterschaft 1954 in der Schweiz ist bis heute im kollektiven Unbewußten gespeichert. Eine „Legende“ sei Rahn, ein „Fußballgott“. Schon die Bezeichnung des spielentscheidenden Tores als „Wunder“ belädt die Erinnerung an eine an sich wohl eher unbedeutende Begebenheit mit religiösem Ballast. Immer wieder hört man in Fernsehen oder Radio, die sich überschlagende Stimme des Reporters: „Tor! Tor! Deutschland ist Weltmeister.“ Als historisches Zeitdokument wird diese Sportreportage präsentiert. Weder das quasireligiöse noch das geschichtswissenschaftliche Tamtam (etwa eines Guido Knopp) ließe sich indes erklären, würde man ein bloß sportliches Ereignis betrachten. Von Anfang an war die Fußballweltmeisterschaft politisch aufgeladen. Sie wurde interpretiert als nationaler Mythos. Das Tor wurde zum Sinnbild eines „Wir-sind-wieder-wer“. Fast unmittelbar wurde die deutsche Mannschaft mit Deutschland identifiziert. Das Spiel wurde zum Ersatzkrieg. Bern – so die Stimmung – revidiert Stalingrad.
Was allgemein das Problem einer Institutionalisierung sportlicher Betätigung in Nationalmannschaften ist – eine Verquickung von Sport mit nationaler Identitätspolitik – nimmt in Deutschland eine besonders schwer zu ertragende Form an. Im „Wir-sind-wieder-wer“ manifestiert sich eine Suche nach Kontinuität, wo Bruch erforderlich wäre: als hätte man das Recht wieder etwas zu sein. Im Jubel für die Nationalelf zeigt sich die Unfähigkeit zum Unrechtsbewusstsein, die Unfähigkeit zu trauern und die Unfähigkeit durch wirkliche Einsicht den Anschluss an einen antifaschistischen Konsens zu finden. Die Niederlage der faschistischen Wehrmacht in Stalingrad ließ die Welt aufatmen. Die Deutschen – einschließlich der Mitläufer – hatten die Chance den Sieg über den deutschen Faschismus auch als ihre Befreiung zu empfinden. In Bern wurde deutlich, wie Viele sie verpasst haben.

Fußball als Schluss-Strich

Wortmanns Film beginnt vielversprechend: Irgendwo in Essen, im alltäglichen Schmutz des Ruhrgebiets. Es ist ein proletarisches Milieu, das den Zuschauern vor Augen geführt wird. Der Vater ist noch in sowjetischer Gefangenschaft, der ältere Sohn ist Kommunist. Der Alltag der kleinen Familie hat sich verändert. Um überleben zu können hat die Mutter eine Kneipe aufgemacht. Von der Existenz des kleinen Sohnes, Produkt eines Fronturlaubs, weiß der Vater noch nichts. Die Konflikte bei einer Rückkehr sind vorprogrammiert.
Ein anderer Handlungsstrang spielt in München: Bürgerliches Ambiente, frisch verheiratetes Paar. Er ist Sportjournalist. Beide Handlungsstränge werden vermittelt durch einen dritten: und das ist der Fußball. Sepp Herberger und seine Mannschaft trainieren für die WM in Bern. Fußballer Rahn ist für den kleinen Sohn aus dem ersten Handlungsstrang zum Ersatzvater geworden, der Sportjournalist ist bei den Pressekonferenzen anwesend. Ein gelungenes Arrangement, könnte man meinen. Man könnte den Unterschied der Klassenmilieus in der frühen Bundesrepublik herausarbeiten, könnte aufbrechende politische Konflikte zeigen und könnte zeigen, wie der Fußball als ideologischer Kitt fungiert. Doch genau diesen Weg geht Wortmann nicht. Den kommunistischen Sohn lässt er gleich nach Ost-Berlin gehen, die Familie mit dem Sieg in Bern wieder heile werden und der Fußball wird nicht als Ideologie, sondern als Medium allseitiger Konfliktbewältigung gezeigt.
Was Wortmann zeigt ist die Stunde Null. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die erste Schlussstrichdebatte. Die Geburt der Bundesrepublik liegt nicht im bewussten Bruch mit dem Faschismus, sondern im Abbruch einer Auseinandersetzung mit ihm. Einmal ist der Kriegsheimkehrer kurz davor zu erzählen, was die Wehrmacht in der Sowjetunion getrieben hat. Nach der Versöhnung von Bern – so kann man annehmen – hat er bis 1968 Ruhe. Doch Wortmann stellt diesen Mythos nicht dar, er reproduziert ihn. Der Zuschauer soll sein „Hirn an der Garderobe abgeben“ (Eisler). Eine nüchterne Dokumentation nämlich, will der Film nicht sein, sondern Kino mit großen Gefühlen. Der Fußball als der Ursprung der Familie und des Staates nach 1945: vom Privateigentum freilich ist nicht die Rede. So wird „Das Wunder von Bern“ zu einer kitschig-reaktionären Feierstunde für Bundesdeutschland. Das will der Regisseur und das gelingt ihm. Schlecht gemacht ist der Film nicht. Auch wenn viele Kritiker sich in einer solch formalen Kritik genügen. Auch die oft gehörte Ansicht, der Film enthalte zu viel Pathos, läuft ins Leere. Denn das Problem ist nicht die Quantität, sondern die Qualität: Es ist das falsche Pathos.

David Salomon

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:47