Vom buckligen Findelkind und dem alltäglichen Wahnsinn

- Besprechung des Romans „Die Nägel“ von Michail Jelisarow -

„Die Nägel“ von Michail Jelisarow „Verstand wie Sand durch die Hand“ – knallhart und ohne Skrupel bezeichnet der Direktor des Internats für behinderte Kinder auf diese Weise seine Schützlinge. Das lässt erahnen, wie die Bewohner des Heims mit solchen und anderen Gemeinheiten, bis hin zum Verbrechen, gequält werden. In diesem Internat wachsen auch die beiden Antihelden des Romans auf: der eine bucklig, der andere als debil abgestempelt.
„Ich kam bucklig zur Welt – Frucht egoistischer Verantwortungslosigkeit, Resümee trunkener Gier, Postfaktum eines vergifteten Vestibularapparats. Sie gaben mich nicht zu den Skoliose-Fällen, sondern behielten mich zum Spaß bei den Blöden. Ein schwachköpfiges Findelkind, wie Bachatow.“ So stellt sich Gloster, Ich-Erzähler des Romans, vor. Seinen Freund Bachatow, lernt Gloster im Schlafsaal des Säuglingsheims für geistig zurückgebliebene Kinder kennen. Von da an sind die beiden unzertrennlich. Irgendeine geheime Kraft scheint sie zu verbinden. In ihren Fähigkeiten anfangs verkannt, kämpfen die beiden Außenseiter, zunächst im Heim, später dann in der „Realität“, gemeinsam gegen den alltäglichen Wahnsinn. Während Bachatow sich in ein mystisches Ritual aus Nägelkauen und Zukunftsvorhersage flüchtet, entdeckt Gloster seine unglaubliche Kraft und vor allem sein Talent für Musik, dessen Ursprung in seinem Buckel liegt. Auf ihre ganz eigene Weise scheinen auch sie ihren Platz in der russischen Gesellschaft gefunden zu haben. Dann jedoch kommt es zum Eklat...
„Die Nägel“ ist ein gelungenes Buch, das durch seine provokante, direkte Sprache zugleich schockiert und fasziniert. Dieses etwas andere Leseerlebnis ist für einen Herbstabend sehr empfehlenswert, zumal der kurze Roman durchaus als „Pausenfüller“ zwischen dröger studentischer Pflichtlektüre fungieren kann.

Julia Rißel

Michail Jelisarow „Die Nägel“.
Reclam Verlag Leipzig, 2003.
128 Seiten, gebunden.
14, 90 Euro

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:46