Tradition völkischen Denkens in Deutschland und die Entstehung des ,deutschen Volkes’

TEIL II

Im ersten Teil dieses Textes wurde der Zusammenhang zwischen der Französischen Re-volution, der Belagerung Deutschlands durch Napoleon und der allmählichen Entwicklung völkischen Denkens in Deutschland dargestellt. Im zweiten Teil geht es nun den Einfluss der Romantik, die den Prozess deutscher Volkwerdung erheblich unterstützte, wenn nicht sogar erst möglich machte. Aus Platzgründen wurde das sechste Kapitel „Der lange Weg von der Theorie zur Praxis“ weggelassen, so dass an dieser Stelle nur die ideengeschichtliche Ent-wicklung hin zum „deutschen Volk“ Berücksichtigung finden kann.

Der Einfluss der Romantik auf die Entstehung des „deutschen Volkes“

Zur Erinnerung: Die Grundzüge romantischen Denkens:

Für die Romantiker gründet jede Existenz auf einer transzendentalen Wirklichkeit. Alles, was da ist, unterliegt einer natürlichen gewachsenen Ordnung, einem „Organismus“, der sämtliche Abläufe des Lebens vorgibt und kontinuierlich vorantreibt. Dieser „Organismus“ ist das „Ganze“, das „Frühere und Höhere“ und letztlich auch das gesamte „Prinzip der Din-ge“. Von ihm kann sich der Mensch nicht emanzipieren, vielmehr wird er von ihm emaniert. Ferner ist dieser „Organismus“ nicht rational zu erschließen. Er ist ein „Gefühl“, eine stille, mythische Entität, von der jeder ergriffen wird, die aber nicht begriffen werden kann und muss. Den Keim dieses „Ganzen“ trägt jeder Mensch in Form eines ihn leitenden „Geistes“ schon in sich. Das Gewinnen von Erkenntnis ist daher nichts weiter als das schrittweise Er-fassen einer an sich schon existierenden Wirklichkeit.
Die Kritik der Romantiker an der Aufklärung äußert sich dementsprechend. Nach ihrer Auffassung haben sich die Aufklärer durch die Überbewertung des Verstandes aus „dem Ganzen des Lebens“ herausgelöst. Dieser Schritt habe daher nichts mit einer Emanzipation aus „beschränkten und abhängigen Zuständen“ zu tun, sondern vielmehr mit einer neuen Form der Entfremdung. So gerät die Wirklichkeit durch diese Form der Entfremdung zuneh-mend in Vergessenheit. Alles „Ursprüngliche“, „Natürliche“ und „Ganze“ wird durch sie ver-schüttet und muss daher ständig neu aus der Versenkung gehoben werden.

Joseph Görres’ Volkskonstruktion (1807):

Der Publizist Joseph Görres, der vor allem mit seinem „Rheinischer Merkur“ gegen die Besatzung Napoleons agitierte, markierte nun auf Basis der romantischen Kritik an der Auf-klärung als einzige Gruppe, die von „aufklärerischer Entfremdung“ verschont geblieben war, das einfache Volk. Die hier gepflegte Volkspoesie und Volksmusik bewertete er als Relikt einer organisch gewachsenen Kultur. Damit legte Görres eine Gemeinsamkeit offen, die im-merhin einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung miteinander verband: das Volk als Sprach-gemeinschaft. Das Ideal dieser organisch und natürlich gewachsenen Kultur weitete Joseph Görres nun auf das ganze Volk aus. Indem er schichtübergreifend einen „echten und inter-nen Geist des deutschen Volkes“ voraussetzte - einen Geist, der „alle Genien in Tugend und Kunst“ geschaffen hat - hielt er eine Identifikation der oberen Schichten mit der einfachen Volkskultur zumindest für möglich.
Görres stellte heraus, dass diese Identifikation nur deshalb nicht gepflegt werde, weil es sich um einen verschütteten „Geist des deutschen Volkes“ handele, der nur noch von den unteren Schichten durch Überlieferung wach gehalten werde. Damit nun dieses „eigene Selbst“ nicht „fernhin verloren bleibt“, müsse deshalb „aus der Zerflossenheit [...], in der wir zerronnen sind“, das wahre Eigene gesammelt werden. Damit legte Görres ein Volksbeg-riff fest, der die unpolitische „Natürlichkeit“ der einfachen Leute zum Merkmal des gesamten „deutschen Volkes“ etablierte. Indem er den Begriff der unteren Schichten auf das „Ganze“ übertrug, vollführte Görres im Prinzip den gleichen Kunstgriff wie der französische Revolutio-när Sieyès, der kurzerhand den Dritten Stand mit der „Nation“ gleichgesetzt hatte. Niemals aber wäre Görres auf die Idee gekommen, diesen, für seine Volkskonstruktion so wichtigen Aspekt der Volkskultur, als einen Ausdruck sozialer, politischer, wirtschaftlicher und kulturel-ler Rückständigkeit zu bewerten.

Adam Müllers Volkskonstruktion (1808):

Auch der Publizist Adam Müller kritisierte mit Blick auf die Französische Revolution das Heraustreten des „Einzelnen [...] aus der gesellschaftlichen Verbindung“, um „von außen zu zerstören, was ihm nicht anstehe“. Diese gesellschaftliche Verbindung nannte Müller auch „Staat“. Er begriff ihn als naturgegebene Totalität, die „das Ganze des bürgerlichen Lebens selbst“ umfasst, so dass der Mensch „nicht anders zu denken ist, als im Staate“. Der Staat bildet bei Müller gleichzeitig die Nation, in der die „gesamten physischen und geistigen Be-dürfnisse [...] zu einem großen energetischen, unendlich bewegten und lebendigen Ganzen“ zusammengeführt werden. Nationalität gründete bei Müller auf der Individualität der Völker. Diese messe sich wiederum an der „Gemüts- und Denkart“ seiner Individuen und basiere auf einer historischen Verbundenheit mit den frühreren Generationen.
Diese Eigenheit führe aber nie zur Ausbildung politischer Ideale. Wenn es aber doch zu solchen Entwicklungen käme, dann nur, um „den Völkern ihre Abgestorbenheit sichtbar zu machen.“ Vielmehr müsse dann „die Nation“ ihren „vergessenen Besitz“, nämlich die „Idee ihrer Eigentümlichkeit“ als „höchstes Gut“ zurückerobern. Deshalb seien Kriege gegen ande-re Völker immer wieder notwendig. Erst im Krieg „erkennt und fühlt“ sich ein Staat als „le-bendiges, bewegtes Wesen“, als „abgesonderte Natur“ gegenüber „dem Feind“. Nur durch ihn könne ein Staat seiner „Festigkeit, Individualität und Persönlichkeit“ gewahr werden.

Arndts, Görres’ und Müllers „völkisches Denken“:

Görres’ und Müllers Volkskonstruktionen ist eigen, dass sie nicht Ist-Zustände, sondern Soll-Zustände beschreiben. Bei Görres ist es die Poesie des gemeinen Volkes, die einen Hinweis auf die Existenz einer allumfassenden Volkskultur gibt, und bei Müller ist es der Staat, durch dessen kollektivierende Kraft sich das bürgerliche Individuum erst konstituiert. Interessant dabei ist, dass beide Ansätze die Existenz des „deutschen Volkes“ schon still-schweigend voraussetzen. Angestrebte Zustände müssen daher nicht erst geschaffen, son-dern nur noch aus der Versenkung emporgehoben werden. Dieser Determinismus, der das „Ganze“ mitsamt seinem „Organismus“ als das allumfassende Prinzip der Dinge umschließt, ist „natürlich gewachsen“ und offenbart sich dem Menschen nur durch seinen „Geist“ als die alles bedingende Einheit. Er ist mystisch und deshalb rational nicht zu erfassen.
Dieser „Geist“ tritt nun als Taktgeber einer jeden Bewegung im „Ganzen“ in Erscheinung. Richtungsweisend für jede Entwicklung im „Organismus“ ist er somit das handelnde Subjekt im eigentlichen Sinne. Denn so, wie der „Geist“ das „Ganze“ trägt, lenkt er auch die durch ihn konstituierten Individuen. Die Individuen selbst bleiben dabei passiv und still ihrer „natürli-chen“ Bestimmung unterworfen. Daher konzentrieren sich von jenem „Geist“ ergriffene Men-schen auch immer nur auf das „Ganze“, nehmen sich selbst zurück und erfahren all ihre Selbstwirksamkeit nur durch die Verschmelzung mit dem, ihnen „natürlich“ vorstehenden Kollektiv - sei es nun wie bei Müller ein Staat, oder wie bei Görres ein Kulturvolk.
Mit dieser Konstruktion wird natürlich dem Individuum jede Möglichkeit zur Entfaltung ei-nes freien Willens genommen. Das, was die Französische Revolution erst möglich gemacht hat, nämlich die demokratische Partizipation eines „politischen Volkes“ am „Ganzen“, wird in der romantischen Theorie gänzlich ad absurdum geführt - selbst dann, wenn es um das Staatsvolk geht. An dieser Stelle offenbart sich neben Görres’ Volkshasskonstruktion (TEIL I) ein zweites wichtiges Merkmal „völkischer“ Begründungslogik: Ein Volk generiert sich nicht aus dem Willen seiner Individuen, sondern aus einer vorgegebenen Realität.
So existiert bei den Romantikern nur deshalb ein „deutsches Volk“, weil eben jener „Geist“ - gleichermaßen als „Volksgeist“ - gemeinschaftlich in jedem Einzelnen wirkt und lebt, so dass er imstande ist, spezifische Eigenheiten wie Sprache, Recht, Sitten und Gebräuche zu erzeugen. All diese Eigenheiten - Görres nennt sie auch die „Genien in Tugend und Kunst“, Müller die Individualität der „Gemüts- und Denkart“ - werden nun von Generation zu Generation weitergegeben. Die daraus resultierende Kontinuität in der Reproduktion spezifi-scher Eigenheiten sorgt bei den Romantikern für die Erhaltung volkseigener Attribute. Auch dieser dritte Aspekt reiht sich nahtlos in das Ideenrepertoire „völkischen Denkens“ ein.
Tatsächlich sind diese pseudo-historisch beziehungsweise biologisch begründeten As- pekte für das Selbstverständnis des „deutschen Volkes“ außerordentlich bedeutsam. Denn wenn seine still vorausgesetzte Entität schon nicht aus einem aktiven Wollen des Volkes als das handelnde Subjekt im Staate hergeleitet, geschweige denn ein historisch objektiv verifi-zierbares „deutsches Volk“ verortet werden kann, muss die integritätsstiftende Genese des „deutschen Volkes“ zwangsläufig in eine Vergangenheit gelegt werden, in der einst all die typischen Attribute des Deutschtums entstanden, oder zumindest schon einmal voll zur Gel-tung gekommen sein müssen. Diese, für das romantische Denken markante Historienmalerei führt jedoch, wird sie konsequent zu Ende gedacht, in zweierlei Hinsicht zu Erklärungsnöten. Erstens wird nicht klar, wie und wann denn nun diese Einheit des „deutschen Volkes“ ihren Ausgang genommen haben soll. Und zweites bleiben in ihrer exakten Bestimmung all jene Attribute, die typisch für das „Deutsche“ sein sollen, eigentümlich im Unklaren. Dieses Defizit räumt nun Johann Gottlieb Fichte mit seiner Deutschtumsmetaphysik aus.

Johann Gottlieb Fichtes idealistische Deutschtumsmetaphysik (1807):

Das „seinsollende Wesen“ des Deutschen

Um die offensichtlichen Defizite der romantischen Historienmalerei zu umgehen, ersetzte Fichte den historisierten Volksbegriff der Romantiker durch einen metaphysischen. Dem- nach war die Einheit des „deutschen Volkes“ nicht irgendwann in grauer Vorzeit entstanden, sondern ontologisch schon immer als unhintergehbare Tatsache vorhanden. Daher musste jetzt bei Fichte die Existenz der „Nation“ als Einheit des „deutschen Volkes“ im „Geiste“ schon „vollendet“ sein. Dabei erkannte Fichte einen „gemeinsamen Grundzug der Deutsch-heit“, der praktisch, und ähnlich wie der „Volksgeist“, als Motor für die nationale Zusammen-führung der Deutschen dienen sollte. Es war dies für Fichte vor allem die Sprache, die alle Deutschen „zu einem einzigen gemeinsamen Verstande verknüpft“. Nie hätten sich die Deutschen Sprachen anderer Völker angeeignet. Vielmehr pflegten sie eine „bis zu ihrem ersten Ausströmen aus der Naturkraft lebendige Sprache.“ So sei es nur ihnen vorbehalten, das Wesen der Dinge wirklich zu erfassen. Denn nur durch solch eine Sprache offenbare sich „dem Besitzer“ sein „göttliches Wesen, das da ist von sich und durch sich.“
Dieses „göttliche Wesen“ war jedoch für Fichte kein Attribut irgendwelcher Vorzüge, son-dern der Vorzug schlechthin. Ohne Umschweife verknüpfte er so seine Philosophie mit dem Ideal der „Deutschheit“, so dass er behaupten konnte, dass „diese Philosophie recht eigent-lich“ nur von einem „wahren Deutschen“ gedacht werden könne. Zur Wiederbelebung aller „Deutschheit“ müssten sich die Deutschen nur wieder ihren „Charakter anschaffen, [...] und Deutsch sein.“ Allerdings habe „die Sache [...] keinen besonderen Namen, weil sie eben, ohne alle unser Wissen und Besinnung, aus unserem Sein unmittelbar hervorgeht“. Fichte unterstellte so ein „Deutschsein“, das nicht mehr im Historischen, sondern im Transzenden-ten seinen Grund hatte. Es war unabhängig von allem tatsächlichen Denken und Fühlen, da es nur in ontologischer Tiefe existierte und deshalb nicht definiert werden konnte. Damit ope-rierte Fichte mit einem seltsam inhaltsleeren Begriff vom „seinsollenden Wesen“ des Deut-schen. Allerdings erwies sich diese Leerformel als durchaus praktisch. Durch sie schuf Fich-te ein „Deutschtum“, das gleichsam als aseptisches Substrat empfänglich für alle möglichen Ideologien war. Je nach dem, welche Reaktionen eine historische Situation zur Aufrechter-haltung des Volkskörpers erforderte, wurden sinngebende Inhalte produziert, die stets die Kontinuität der Abgrenzung gegen andere Völker wahrten.

Der Freiheitsbegriff der Deutschen:

Um sich zum Beispiel grundsätzlich vom Freiheitsbegriff der Menschenrechte, wie ihn die Franzosen schon 1789 formuliert hatten, zu distanzieren, wurde kurzerhand ein eigener Freiheitsbegriff geschaffen. Dadurch, dass Fichte schon ein unhintergehbares Deutschsein postuliert hatte, hatte er dem Deutschen bereits jeden Spielraum für einen freien Willen ge-nommen. So wurde der Freiheitsbegriff kurzerhand umgedeutet. Der Deutsche war demnach nur dann frei, wenn seine „Freiheit des Willens“ erst „vernichtet“ und dann wieder „in der Notwendigkeit“ aufgegangen war. Unter Notwendigkeit verstand Fichte jetzt die „Freiheit“, „deutsch zu bleiben“. Der Religionsphilosoph Ernst Troeltsch ergänzte, dass diese Idee „die Freiheit einer selbstständigen und bewußten Bejahung des überindividuellen Gemeingeistes, verbunden mit der lebendigen Anteilnahme an ihm, die Freiheit einer freiwilligen Verpflichtet-heit für das Ganze“ umschreibe. Damit wurde dem Deutschen, hatte er sich einmal als Deut-scher verortet, automatisch ein Pflichtbewußtsein gegenüber dem Ganzen abverlangt. Ge-horsam bedeutete nun nicht mehr Unterwerfung, sondern „eine freie, bewußte und pflicht-gemäße Hingabe an das durch Geschichte, Staat und Nation bestehende Ganze“. Schon bald konnte Troeltsch behaupten: Dieser „neue Geist der Freiheit“ habe „in Staat, Armee, Selbstverwaltung, Hochschule, Partei- und Vereinsbildung [...] überall seine mächtigen Fol-gen entwickelt. Von diesem Geiste ist insbesondere das neudeutsche Beamtentum durch-tränkt.“ Diese „Hingabe an eine Sache [...], an eine überindividuelle Wesenheit“ liege dem Deutschen „im Blute“.

Das „deutsche Volk“ als völkisches Volk: die zentralen Merkmale:

Betrachtet man nun unter Vorgabe des heute etablierten Volksbegriffes die Prozesse, die zur Bildung des „deutschen Volkes“ als ein in sich geschlossenes und sich selbst bewußtes Kollektiv geführt haben, so fällt auf, dass die einst theoretisch-ideologisch vorausgesetzten Paradigmen zu jeder Zeit eklatant von den objektiv gegebenen, historischen Voraussetzun-gen abwichen. Denn weder läßt sich das „deutsche Volk“ - so, wie es sich hier darstellt - als historisch entstandene „Schicksals- und Lebensgemeinschaft“ verifizieren, noch ergeben sich politische, soziale, oder gar biologische Aspekte, die den Deutschen als Volksgemein-schaft ein „gemeinsames kulturelles Erbe“ bescheinigen könnten. Das „deutsche Volk“ of-fenbart sich hier als ideengeschichtliche Konstruktion. Seine „Geschichte“ ist gleicht der ei-ner gemeinsam erlebten „Nicht-Geschichte“, seine „Identität“ einer gemeinsam erlebten „Nicht-Identität“. Aufgrund dieser existentiellen Defizite konnte sich in Deutschland ein Volksgedanken nur auf Basis völkischer Prämissen entfalten. Tatsächlich ziehen sich, wie die vorangestellten Kapitel zeigen, die wesentlichen Merkmale „völkischen Denkens“ wie ein roter Faden durch die gesamte Entstehungsgeschichte und Legitimationspraxis des „deut-schen Volkes“. Die drei wichtigsten seien hier noch einmal aufgeführt:
1.) Das „deutsche Volk“ holt sich das Gefühl seiner Existenz von außen. Stets muss ihm ein anderes Volk gegenüberstehen, dessen Fremdheit grundsätzlich als Bedrohung empfunden wird. Erst in der empfundenen Bedrohung generiert sich das „deutsche Volk“. Seine Selbst-definition gründet auf Feindmarkierung.

2.) Das „deutsche Volk“ generiert sich nicht aus dem Willen seiner Individuen, sondern aus einer vorgegebenen Realität. Diese Realität konstituiert bei den Romantikern den Gesamtor-ganismus des Volkes - ihr handelndes Subjekt ist der „Volksgeist“. Fichte spricht in dieser Beziehung von einem transzendentem göttlichen Wesen. Dieses überhistorische „Ganze“ - der Staat, die Nation oder das Volk - hat stets Priorität vor dem Einzelnen. Der Mensch kann sich von diesem Körper nicht emanzipieren, vielmehr wird er von ihm emaniert.

3.) Das „deutsche Volk“ stellt sich in seiner Einheit als „natürliches Volk“ dar. Seine Verbun-denheit ist naturgegeben und resultiert aus Abstammung. „Je älter, reiner und unvermischter der Stamm, [...] desto mehr wird es eine Nation sein“. Denn nur - so Friedrich Julius Stahl, einem Staatsrechtler jener Zeit - eine „Einheit des Blutes“ bedingt schließlich die „Einheit der Anlage, des Naturells, des Geistes, der Sitte, der Sprache“. Diese Einheit ist aber als solche ständig bedroht. Auch Fichte, der in seiner idealistischen Volkskonstruktion auch ohne die Historienmalerei der Romantiker auskommt, sieht „das Urvolk“ als Träger aller Deutschheit schon „fast ganz mit dem Ausland verflossen“.

Boris Naumann

Teil 1

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:46