Leben zwischen Maisfeldern

- Drei Monate bei den Maya in Guatemala -

Meine erste, für studentische Verhältnisse große anthropologische Feldforschung als Ethnologiestudentin sollte es werden: Drei Monate in Lateinamerika, im so genannten Drittweltland Guatemala, südlich von Mexiko im Herzen Mittelamerikas. Es ist Winter dort, wenn wir in einem heißen Sommer wie dem letzten der Hitze beinahe entfliehen. Für Guatemala ist er der Beginn der Regenzeit – und die zog kurz nach meiner Ankunft dort ein.

Neugierde führte in den Ackerbau

Feldforschung – das klingt nach Ackerbau, ist es jedoch lediglich und völlig zufällig in meinem Fall. Eine Anthropologin oder ein Anthropologe geht „ins Feld“, sobald sie oder er eine kulturwissenschaftliche Forschung beginnt. Das Feld sind die Menschen. Die Neugierde und meine Forschungsidee, mehr über Landbaurituale vor Ort, ihre Ursprünge und Einflüsse von außen in Erfahrung zu bringen, brachte mich zu einer Familie in der Region Sololá im Herzen Guatemalas, nahe dem See von Atitlán. Sololá ist der Bezirk („departamento“), in dem die Unterernährung im Landesvergleich am schlimmsten ist. Wie leben die Menschen dort? Was beschäftigt sie? Welche Ideen und Probleme haben sie? Und letztendlich am wichtigsten für meine Feldforschung: Wie unterscheidet sich ihre Art der Arbeit auf dem Feld von der unseren? Später gilt es dann, all diese Fragen aus kulturwissenschaftlicher Sicht zusammen zu führen, zu analysieren und zu interpretieren.
Die Salojs, eine fünfköpfige Familie, die mich für die Zeit meiner Forschungsarbeit als vorübergehendes Familienmitglied liebevoll aufgenommen und umsorgt hat, wohnen auf einer Hochebene etwa einhundert Meter oberhalb der Stadt Sololá, auf dem „Tablón“. Dort sind die Häuser mehr als bescheiden gebaut und meist noch bescheidener eingerichtet. Selten gibt es Gardinen, manchmal keine Türen, kein Verputz. Oftmals schlafen Eltern mit ihren Kindern in einem gemeinsamen Schlafzimmer.
Das Grün ist saftig dort oben, und die umliegenden Maisfelder profitieren vom ersten großen Regen, dem „sembrador“, der hier bereits im April fällt. „Sembrador“ (sembrar = aussäen) deshalb, weil er das Zeichen zum Beginn der Aussaat des Mais ist. In den folgenden Tagen, davon kann man sicher ausgehen, werden beinahe restlos alle Bauern im Tablón mit der Maisaussaat beginnen.

Ohne Mais läuft nix

Als ich Ende Mai dort ankam, wehten bereits die ersten Maispflänzchen im seichten Wind. Mais, wohin das Auge blickt. Daraus wurden einige Monate später nach dem mühsamen Einholen der Ernte die Produkte hergestellt, die zur Grundnahrung eines jeden Guatemalteken zählen: „Tortillas“, die aus gelbem, weißem oder schwarzem Mais bestehenden Maisfladen, „Tamalitos“, Maisküchlein, ummantelt von saftig grünen Maisblättern, in denen sie dann in Wasser gegart und zu jedem (festlichen) Essen gereicht werden. Oder auch „Tamales“, die ebenfalls aus Maismasse hergestellt werden und mit Hühnchenfleisch und einer eigens bereiteten roten „salsa“ gefüllt werden. Der Mais ersetzt das Brot, wie es bei uns täglich zum Frühstück oder beim Abendessen bereitsteht. Ohne Mais läuft in Guatemala nichts – rein gar nichts.
So besitzt beinahe jede Familie, die auf dem Land lebt, ein – wenn auch kleines – Stückchen Erde, auf dem unbedingt Mais angepflanzt wird – weißen, gelben, schwarzen, vielleicht auch roten. Wasserleitungen oder gar Bewässerungssysteme gibt es auf den Feldern dort oben nicht. Auch keine Maschinen. Die Aussaat und Ernte erfolgen in Form schwerster Handarbeit; für jede spätere Maispflanze werden einzeln fünf Maiskörner und eine Bohne in ein dafür vorgehauenes, circa 20 Zentimeter tiefes Erdloch geworfen, das dann wieder zugeschert wird. Das ist Brauchtum. Woher es kommt? „Das war einfach schon immer so. Dann wächst die Pflanze einfach besser“, bekundet Chuj, ein Landwirt aus der Nachbarschaft der Salojs. Die Bohne, die, falls sie Grün treibt, später wieder herausgerissen wird, dient zur Stütze der Maispflanze, denn sie liefert Nährstoffe, die den Mais stärken.

Kein Geld für die Acker auf dem Berg

Unten im Dorf, da gibt es Wasserleitungssysteme für die Felder, sogar Sprinkleranlagen, denn dort wird außerdem Gemüse angebaut, das im Wachstum mehr Wasser benötigt. Doch auf dem Tablón, so geben die Beamten der Stadtverwaltung an, da brauche man keine Wasserdrainagen, da gäbe es genügend Regen. Doch die Bewohner sehen das anders. Sie haben eine Bürgerinitiative gegründet, die sich für die Zu- und Ableitung des Wassers im Tablón und andere Belange der Bewohner der Hochebene einsetzt. Seit Jahren vergeblich. Adrian, Vater meiner Familie, Mitstreiter und Mitbegründer der Initiative, findet diese ablehnende Haltung der Behörden ungerecht und unangemessen. Der finanzielle Mehraufwand sei nicht die Welt, und die Menschen auf dem Tablón würden sicher zupacken. Doch dieser Einwand stößt bislang auf taube Ohren.
Einige Menschen im Ort, die sich mit oder in der Landwirtschaft beschäftigen, haben Projektideen entwickelt. Rafael, Agraringenieur im Büro des Landwirtschaftsministeriums (MAGA) und ein sehr guter Freund während meiner Zeit im Land selbst, setzt sich mit mir zusammen, um gemeinsam vier ausgereifte, wohl durchdachte Projekte zu besprechen. Vielleicht gibt es ja eine Chance, diese Projekte einigen Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) in Europa vorzulegen. Wenn bereits eines realisiert würde wäre schon viel gewonnen.
In der Schulbildung liegt der Anfang. Keine noch so clevere NGO Europas oder Nordamerikas darf sich anmaßen, mit einer kräftigen Geldspritze dauerhaft etwas zu verändern. Abfallproblematik, hygienische Zustände oder Wasserverschmutzung lassen sich nicht „weg-investieren“.
„Entsteht jedoch ein Verständnis für die Notwendigkeit einiger Veränderungen in der Bevölkerung selbst und insbesondere in den Köpfen junger Menschen, die dann sozusagen als Multiplikatoren in ihre Dörfer zurückgehen“, betont Rafael immer wieder, „dann erst kommt es zu einer nachhaltigen Entwicklung.

Endstation im Geldbeutel der Regierungschefs

Zahlungen an die Regierung, die eine hohe Affinität zu Korruption zu Tage trägt, verschwinden oftmals im eigenen Geldbeutel. Besonders die Bevölkerung, die sich heute noch Maya nennt und sich fast vollständig von dem über Wasser hält, was die Landwirtschaft abwirft, spürt diese Engpässe sehr deutlich. Auch nach Abschluss des Friedensvertrages blieb die erhoffte Veränderung aus. Nach 36 Jahren blutigen Bürgerkriegs wurde der Vertrag 1996 zwischen der Regierung, meist aus „ladinos“ bestehend (Guatemalteken mit spanischen Vorfahren), und den Maya abgeschlossen. Letztere sprechen meist eine von 22 bestehenden Stammessprachen und tragen weitgehend die jeweils für ihre Region traditionelle Kleidertracht. Trotz der Abmachung, die Maya fortan gleichberechtigt zu behandeln und die Investitionen im landwirtschaftlichen Sektor zu verstärken, fließen noch immer rund vierzig Prozent der Haushaltsausgaben in das Militär. So hört der Kampf, nun der verbale, auch nach dem Abschluss des Friedensvertrages nicht auf.
Und trotz alldem blitzt da Freude in vielen Augen. Freude neben dem bitteren Ruf nach Gerechtigkeit. Ein Lächeln und vor allem eine helfende Hand, wenn der Nächste, auch wenn er oder sie Gringo oder Gringa ist, diese dringend braucht. Das durfte ich in einer Zeit von Krankheit dort ungezweifelt erfahren. Da stand die Familie Saloj, „meine“ Familie, betend um mein Bett, sorgte für warme Kräuterumschläge nach einem uralten Rezept und ein warmes wohliges Gefühl, obwohl es mir im Grunde sehr schlecht ging. Diese bedingungslose, selbstlose Hilfe vergisst man nicht – niemals.
Guatemala befindet sich an einem Punkt, an dem die Menschen einen Drahtseilakt vollziehen zwischen der einerseits traditionellen Lebensform, die unter anderem geprägt ist von der eigenen Stammessprache wie Quiché, Tzutuil oder Kakchiquel, dem Landbau, der Zubereitung herrlicher Gaumenfreuden bei Aussaat und Ernte und der Tracht. Andererseits steigt die Versuchung stets mehr an was das Leben in den Vereinigten Staaten oder Europa angeht, und Wünsche werden geweckt durch weit verbreitete Medien wie Fernsehen und Internet.
Was gibt es noch außer diesem Leben in Guatemala, Belize oder Mexiko? Die Neugierde bei der jungen Generation wächst enorm, denn auf einem Fleckchen Land hinterm Haus lässt sich nur träumen von Vergnügungsparks, schnellen Autos und einem scheinbar grenzenlosen, unbeschwerten Leben.

Martina Roth

Druckversion zum Seitenanfang


Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:46