Wissenschaft, ein interessenumkämpftes Gebiet

- Ein Beitrag zur feministischen Wissenschaftskritik -

Wissenschaft als Diskurs ist geschmückt mit der Fassade von „Wertfreiheit“, „universeller Gültigkeit“ und vor allem „Objektivität“. Empirische Ergebnisse, die eine wissenschaftliche Arbeit untermauern, scheinen Beweis für Neutrali-tät zu sein. Doch können Fragestellungen, Methoden, Bewertung von Ergeb-nissen oder das Kategorisieren des Betrachtungsfeldes überhaupt neutral sein?

Männliches Monopol ungebrochen

Eine kritische Betrachtung der Methodologie und vorherrschender Sichtweisen - speziell in den Sozialwissenschaften – vollzieht die feministische Wissenschaftskri-tik. Durch das Aufzeigen von männlicher Dominanz und resultierender blinder Fle-cken quer durch alle Fachbereiche, wird die „Objektivität“ von Wissenschaft als In-strument der Herrschaftsabsicherung entlarvt.
Die Hierarchisierung der Geschlechter lässt sich auch im wissenschaftlichen Be-trieb erkennen. Trotz selbstverständlich erklärtem Ziel, die Situation von Frauen in der Wissenschaft zu verbessern, kann an den Zahlen der besetzten ProfessorIn-nenstellen – beispielsweise in der Politikwissenschaft – das männliche Monopol auf bedeutendere Positionen erkannt werden. Im Jahr 1997 lag der Anteil von Profes-sorinnen an den gesamt besetzten Stellen in diesem Fach bei 11,3 Prozent1. Über das personelle Geschlechterverhältnis hinaus werden geschlechtsspezifische Themen sowie eine feministisch kritische Auseinandersetzung mit Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens nicht behandelt oder zur „Frauensache“ erklärt, die dann schließlich auch von Frauen zu thematisieren seien.

„Wie wird die (Wissenschaft) aussehen, wenn der Schirm der männlichen Domi-nanz entfernt worden ist und Frauen und Männer an der Definition der Dinge in gleicher Weise beteiligt sind? (Gerda Lerner) Da die Elite des institutionellen Wis-senschaftsapparates zum Großteil nur aus Männern besteht, bildet sie ge-schlechtsspezifisch einseitig Vergangenheit, Ordnung und Kategorien. Die gravie-renden Lücken lassen sich in Geschichtsforschung, großen Gesellschaftstheorien, Medizin, Biologie, Technik sowie Naturwissenschaften beobachten. Frauen kom-men als relevante Akteure so gut wie nicht vor, werden zu Objekten reduziert und sind von Normen und Maßstäben eines androzentrischen Weltbildes umgeben. „Die scheinbar ‚objektive’ Beschreibung und Analyse der Geschlechterunterschiede führt damit fast immer zu einer quasi normativen Festschreibung des jeweils kons-tatierten Unterschieds.“ (Brigitte Brück)

Neue Wege der Wissenschaft

Feministische Ansätze wissenschaftlichen Arbeitens brechen mit Logiken, wie Ra-tionalität und Objektivität, nehmen Abschied von quantitativen und Interessen ver-schleiernden empirischen Methoden, versuchen subjektive Betroffenheit in den Forschungsprozess mit einzubeziehen und keine willkürliche Trennung zwischen forschender und beforschter Person zu ziehen. Sie holen die Wissenschaft von ih-rem hohen, unangefochtenen Ross runter und versuchen das Feld zu öffnen für ei-ne wissenschaftliche Praxis, die Subjektivität, Interessen und Herrschaftsbedingun-gen nicht verschleiert und die vor allem nicht einseitig Geschlechtsblind ist.
Wissenschaft soll nicht Reproduktion und Legitimation von herrschenden Verhält-nissen bedeuten, sondern kritisches Durchleuchten, und zwar auch der eigenen Arbeitsmethoden.

1Bezogen auf die BRD. Quelle: Statistisches Bundesamt 1997 nach Birgit Sauer: Geschlechtsblindheit der Politikwissenschaft, in Ayla Satilmis (Hg.): Feministischer Eigensinn, Argument-Verl., Hamburg, 2001.

Marc Kappler

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:45