Die Talkshow – ein Phänomen unserer Zeit

Gedanken zur Beliebtheit von Arabella und Co

Etwa sieben Gäste diskutieren (oder besser gesagt: streiten) über ein Thema wie „Schönheitsoperationen – ja oder nein“ vor dem Publikum im Studio und tausenden Zuschauern vor dem Fernseher. Drei Gäste zoffen sich ums Erbe und breiten aller Öffentlichkeit die ganz privaten Familiengeschichten aus. Die Moderatoren bringen das Gespräch in Schwung, greifen bei Abschweifungen oder zu harten Beschimpfungen ein, versuchen das Gespräch wieder in die Bahn zu lenken oder brechen es ab.

Talkshows sind ein Phänomen im Fernsehprogramm unserer Zeit. Erst innerhalb der letzten Jahre sind sie so populär geworden, dass sie täglich zum Mittagessen ausgestrahlt werden. Im Laufe der Jahre ist eine große Vielzahl unterschiedlicher Talkshows entstanden; wochentags könnte man von etwa elf bis 15 Uhr durchgehend Arabella und Co. sehen. Und Tausende tun genau das. Was gefällt den Leuten an dieser Art Unterhaltung im Fernsehen? Und welche Probleme ergeben sich möglicherweise daraus?

Die Möglichkeit, extreme Gefühle zu erleben und auszuleben

Ein besonders auffälliges Merkmal der Talkshows ist, dass sie den Zuschauer auf der Gefühlsebene ansprechen, indem sie Sympathien und Antipathien für verschiedene Gäste wecken. Die werden zum einen durch das Auftreten der Gäste hervorgerufen: Sind ihre Geschichten mitleiderregend? Sind sie Opfer oder Täter? Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch, wie und mit welcher sprachlichen Kompetenz sie ihre Position vortragen. Zum anderen tragen auch Zuschauerkommentare sowie die Kommentare der Moderatoren zu dem Sympathie-Antipathie-Schema bei. Die regelrecht „persönliche Bindung“ der Zuschauer an die Gäste verhindert das Abschalten. Es entsteht eine Einteilung in „Gut“ und „Böse“ der Gäste auf Grund einer einzigen Meinungsäußerung. Problematisch wird diese Einteilung, wenn man sie auf die Wirklichkeit überträgt, denn mit diesem Schema werden Menschen vorschnell und vor allem falsch beurteilt, da Menschen in Wirklichkeit natürlich vielschichtiger sind.

Doch es werden nicht nur die Gefühle von Sympathie und Antipathie angesprochen. Indem die Gäste ihren extremen Gefühlen wie Hass oder Trauer durch Schreien oder Beschimpfungen Ausdruck verleihen, soll der Zuschauer eben diese Gefühle nachvollziehen und miterleben. In diesem Punkt weisen Talkshows eine gewisse Ähnlichkeit zu anderen für die heutige Zeit typischen Sendungen im Fernsehen auf. Auch sämtliche Casting-Shows stellen nicht das Können der Teilnehmer in den Vordergrund, sondern die Tränen oder die unbändige Freude beim Ausscheiden oder Weiterkommen in die nächste Casting-Runde. Auf diese Weise fühlen die Zuschauer diese extremen Gefühlsausbrüche mit.
Das mag auch einer der entscheidenden Gründe sein, warum diese Art von Sendungen im Laufe der Zeit so beliebt geworden sind. Talkshows bieten die Gelegenheit, Gefühle zu spüren und an Gesprächen teilzunehmen, die manche im Alltag vielleicht vermissen mögen. Dahinter steckt der Wunsch nach einem intensiveren Leben, das die Talkshow vermeintlich bietet, indem sie das Er- und Ausleben extremer Emotionen ermöglicht. In Wirklichkeit hat natürlich das Vor-dem-Fernseher-Sitzen nichts mit einem besonders intensiven Leben zu tun.

Talkshows als Ersatz für fehlende Gespräche

Viele Jugendliche und Kinder finden in den Talkshows Ersatz für fehlende Gespräche mit Eltern oder anderen Bezugspersonen. Denn hier werden unterschiedliche Meinungen zu Themen, die für Jugendliche durchaus interessant sein können, dargestellt. Auf diese Weise bieten sie nicht nur für die Jugendlichen einen Orientierungspunkt.
Problematisch daran ist, dass die Positionen der Gäste meistens sehr extrem sind und deshalb als Orientierungspunkte nur in sofern gelten können, wenn man sie als absolut äußere Grenzen zu diesem Thema versteht. Viele Zuschauer werden sich aber nicht so kritisch mit den vorgestellten Meinungen auseinandersetzen. Da sie unter Umständen in dem vorgestellten Themenbereich bisher keine eigenen Erfahrungen gesammelt haben, werden sie die dargestellten Meinungen als normal ansehen und vielleicht sogar darauf verzichten, sich durch persönliche Erfahrung eine eigene Meinung zu bilden. Nimmt man solche extremen Positionen unreflektiert als Orientierungspunkt, kann dem Zuschauer die Sensibilität für extreme Normabweichungen (auch solcher, die gesetzlich nicht mehr geduldet werden) verloren gehen.
Doch nicht nur die Orientierungspunkte, die eine Talkshow bietet, sind problematisch, sondern auch die Art von Gespräch, die sie dem Zuschauer vorstellt. In den meisten Fällen handelt es sich um einen Streit, der ohne Argumentation geführt wird und sich auf Beschimpfungen und Vorwürfe stützt. Hat man selbst innerhalb der Erziehung nicht gelernt, wie man sich mit anderen Meinungen auseinandersetzt, bringt einem die Talkshow bei, nicht auf andere einzugehen, nicht zu argumentieren, sondern sich durch verbale Gewalt vor Kritik an seiner eigenen Meinung zu schützen. Das führt zu festgefahrenen Meinungen.
Diese Probleme setzen immer voraus, dass der Zuschauer nicht kritisch mit dem Gesehenen umgeht. Macht man sich allerdings Gedanken über die dargestellten Meinungen, setzt sie in Beziehung zu der Vergangenheit der Personen und versucht Gegenpositionen oder Kompromisse zu finden, können Talkshows natürlich auch anregend wirken. Sie können dem Zuschauer zum Beispiel ein ihm relativ unbekanntes Thema näher bringen. Durch die eigene aktive Beschäftigung mit dem Thema kann er sich dann eine eigene Meinung bilden. So können Talkshows sowohl einen negativen wie auch einen positiven Effekt auf den Zuschauer haben, je nachdem wie er mit dem Gesehenen umgeht.

Jennifer Liedtke

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:45