Von „Maite Saitut“ bis „wicked good“

- Die Welt der Sprachen im Marburger Sprachenzentrum -

Im September 2003 fand der Intensivkurs „Deutsch als Fremdsprache für Programmstudierende“ im Sprachenzentrum der Philipps-Universität Marburg statt. Dieser Kurs bereitet ausländische Studierende auf ihren ein- bis zweisemestrigen Studienaufenthalt an der Marburger Uni vor. Neben Grammatik, Landeskunde, Lese- und Hörverstehen stand auch das Thema „Universität“ auf dem Programm. In den ersten Kurstagen tauschten wir uns über unsere Muttersprachen aus. Da die Studenten viel Interessantes zu berichten hatten, gibt der folgende Artikel einen Überblick über ihre Sprachen wieder

Cristina aus Spanien:

Meine Muttersprache ist Spanisch. Das Spanische stammt aus dem Lateinischen, das auch eine Sprache von Europa ist. In ganz Spanien spricht man Spanisch oder Kastilisch (über 210 Millionen in der ganzen Welt), aber es gibt viele verschiedene Sprachen oder Dialekte. Im Baskenland reden die Leute Baskisch. Sie unterscheidet sich vom Spanischen. Kein baskisches Wort ist einem spanischen Wort ähnlich. So bedeutet „eta“: „y“ („und“), und „Maite Saitut“ bedeutet „te quiero“ („ich liebe dich“) und so weiter.
Auch Katalanisch und Spanisch sind ein bisschen verschieden. Katalanisch und Valencianisch sind fast gleich. Valencianisch und Italienisch sind gleich. Es gibt auch Galicisch, auf Galicien, und man kann etwas verstehen, aber nicht alles. Es gibt viele Akzente in Spanien und das macht die Sprache unterschiedlich, z. B. in Zaragoza (Aragón), Katalonien oder das ganze Andalusien. Die Andalusier haben so eine Bedeutung, dass wenn jemand nicht aus Spanien ist, es nicht gut verstehen kann. Auch weil sie nicht die Wörter beenden, ist es sehr schwer zu verstehen. Z. B. „Shikilla“ für „chiquilla“, „farda“ für „falda“, „acabao“, „terminao“ und so. Aber alle Leute finden Andalusisch sehr süß.

Kristin aus Kanada:

Obwohl Kanada zwei offizielle Sprachen (Englisch und Französisch) hat, ist meine Muttersprache Englisch. Das Englisch in Kanada ist wie das Englisch in Amerika, aber wir haben auch den englischen Einfluss. In Ostkanada, zum Beispiel in Neufundland, haben die Leute (die „Newfies“) einen anderen Akzent als die Leute in Zentralkanada und Westkanada, das „Auto“ ist „car“ in Westkanada und ist „car“ in Ostkanada. Auch in meiner Provinz (Alberta) im Süden benutzen die Leute andere Wörter wie alle Übrigen, z. B. „That´s so scrub“ = „that sucks“ und „wicked good“ = „very good“. In Kanada benutzen die Leute auch französische Wörter auf Englisch, „toque“ ist ein „Hut“.

Su-jin aus Korea:

Meine Muttersprache ist Koreanisch. Circa 62 Millionen Menschen sprechen Koreanisch als Muttersprache in Nord- und Südkorea, etwa 600 000 in Japan, 1,7 Millionen in der Mandschurei und 400 000 in Sibirien. In Südkorea gibt es fünf große Provinzen wie Hessen oder Bayern. Das sind Kyungki, Kangwon, Chungchyung, Kyungsang und Gunla. Jede Provinz hat ihren speziellen Dialekt, z.B. unsere Hauptstadt ist Seoul. In Seoul und in der Nähe von Seoul (Kyungki) spricht man die Standardsprache. Dort spricht man mit einem ganz weichen Ton. Nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Und das Wortende der Imperativform ist „-Uh?“ oder „-Ni?“. Aber ich wohne in einer anderen Stadt. Das ist Daegu. Daegu ist eine dritte Hauptstadt von Korea. Aber dort spricht man auch Dialekt. Das heißt „Kyungsangdialekt“.
Die Intonation des Kyungsangdialekts ist sehr stark. Das Wortende der Imperativform ist „-Na?“ oder „-No?“. Also, wenn wir miteinander vor einem Seoulbewohner reden, dann fragt er uns: „Seid ihr wütend?“ oder „Streitet ihr jetzt?“ Aber eigentlich sind wir gar nicht wütend und wir streiten auch nicht. Das ist sehr lustig und ein bißchen komisch.
Und in der Chungchyungprovinz spricht man ganz langsam. Also, wenn wir eine Frau sehen, die ganz langsam spricht und am Ende des Satzes „-gumanyu.“ sagt, dann können wir vermuten: „Ach, sie wohnt in der Chungchyungprovinz.“. Manchmal ist die Vermutung falsch, aber meistens stimmt sie.

April aus den USA:

Ich komme aus den USA und deshalb ist Englisch meine Muttersprache. In Amerika gibt regional unterschiedliche Wörter für ein und dieselbe Bedeutung. Wie in Deutschland gibt es auch bei uns viele Dialekte. Im Süden spricht man ein bisschen langsamer als im Norden oder Westen. Und im Mittelwesten spricht man etwas mit einer nasalen Stimme. Aber es ist nicht so schwer wie in Deutschland, die anderen Dialekte zu verstehen.
Was etwas lustiger als die Dialekte ist, sind die Wörter. Ich bin in Kansas geboren und wir haben als „grocery cart“ den Einkaufswagen bezeichnet. Aber in Georgia, wo meine Familie jetzt wohnt, sagen die Leute „buggy“. Für meine Familie war dieses Wort ziemlich lustig.

Hana aus Japan:

Etwa 120 Millionen Menschen sprechen Japanisch als Muttersprache. Japanisch wird nur in Japan gesprochen. Die Standardsprache ist die Sprache, die in Tokyo gesprochen wird. Aber in Japan gibt es 47 Präfekturen und jede Präfektur hat einen eigenen Dialekt, den „sehr“. Das Standard-„sehr“ ist „totemo“ auf Japanisch. Aber in meiner Stadt spricht man „sehr“: „soto“. In Japan gibt es viele verschiedene „sehr“.
Im Allgemeinen glauben die Menschen in Tokyo, dass die Dialekte sehr komisch sind. Das ist sehr schade, weil ich auf meinen Dialekt stolz bin. Die Dialekte, die zwischen Nordjapan und Südjapan gesprochen werden, sind ganz anders. Deshalb, wenn diese Menschen im Fernsehen sprechen werden, gibt es manchmal einen Untertitel im Fernsehen, obwohl das die gleiche Sprache „Japanisch“ ist.
Ich meine, dass einige deutsche Wörter vielen japanischen ähnlich sind. Zum Beispiel „Ach so“, das auf Japanisch die gleiche Bedeutung hat. Wenn man in Norddeutschland spricht, benutzt man das Ende von dem Satz „-ne“. Auch die Japaner benutzen oft „-ne“ am Ende. Die typischen deutschen Namen „Hanna“, „Erika“ sind auch japanische Namen. Die Aussprache ist ganz ähnlich wie im Japanischen. Deshalb ist es einfach auszusprechen.

Erika aus Italien:

Italienisch und Deutsch sind ganz verschieden, nicht nur grammatikalisch, sondern auch von den Wurzeln der Aussprache her. Italienisch hat eine lateinische Wurzel. Meine Sprache hat in der Vergangenheit viele andere Sprachen beeinflusst: Während der Renaissance hat man viele Wörter aus dem Griechischen übernommen. Später wurde Italienisch vom Spanischen und dem Französischen beeinflusst. Im 19. Jahrhundert besetzten die Österreicher Norditalien, ohne dass ihre Sprache das Italienische tangierte.

Eun-Young aus Korea:

Die altkoreanische Sprache, in chinesischer Schrift aufgezeichnet, ist äußerst fragmentarisch in Liedertexten aus der Zeit von etwa 57 v. Chr. bis 935 n. Chr. überliefert. Die moderne koreanische Standardsprache wird seit den dreißiger Jahren gefördert. Es gibt über 10 Dialekte in unterschiedlichen Provinzen. Die Leute in Seoul (die Hauptstadt von Korea) und Kyungkido sprechen die koreanische Standardsprache, aber die Provinzbewohner sprechen Dialekt.
Die Leute auf der Cheju-Insel sprechen einen speziellen Dialekt. Der Cheju-Dialekt ist sehr schwer, also verstehen ihn andere Leute nicht. Wenn man Nordkorea mit Südkorea vergleicht, ist Nordkoreanisch kämpferischer als Südkoreanisch. Das könnte am Kommunismus in Nordkorea liegen. Das Koreanische ist eine agglutinierende Sprache mit ausgeprägter Morphologie. Typisch für die koreanische Grammatik sind die besonderen Endungen, die Höflichkeitsbezeugungen enthalten, und die Veränderungen im Wortinnern, die soziale Beziehungen ausdrücken.

Zita aus Ungarn:

Die ungarische Sprache gehört zur uralischen Sprachfamilie und wird oft auch Magyarisch genannt. Das Ungarische stammt von der finnungarischen Sprachfamilie. Man sagt, dass die Sprachsysteme sehr dem Finnischen und Estnischen ähnlich sind. Einige Wissenschaftler meinen, dass das Ungarische sogar mit dem Japanischen verwandt ist.
Es gibt verschiedene Mundarten in Ungarn, aber es gibt nicht so große Unterschiede unter diesen Mundarten wie im Deutschen. Ungarisch ist eine agglutinierende Sprache: Ein Wort besteht aus einem Stamm, an den ein oder mehrere Suffixe angehängt werden. Die Betonung liegt immer auf dem ersten Vokal eines Wortes. Das Verb kann nicht nur Person, Numerus, Tempus und Modus anzeigen, sondern auch die Aktionsart und die An- oder Abwesenheit eines Objekts. Unsere Sprache kennt kein grammatisches Geschlecht.

Amaryah aus Kanada:

Englisch ist meine Muttersprache. Es ist schwer für mich, sie zu erklären. Ich bin frustriert, wenn ich Dinge kaufe. Man fragt mich: „Britisches Englisch oder Amerikanisches Englisch?“. Ich komme aus Kanada und Kanadier sprechen eine ganz andere englische Sprache! Ich weiß, dass viele denken, Englisch sei überall gleich. Aber das ist falsch. So lerne ich Deutsch, Japanisch und Französisch. Englisch ist schwer zu lernen, weil es wenigen Regeln gehorcht und viele verletzt. Deutsch ist komisch für mich, weil englische Artikel kein Geschlecht haben.

Teresa Ralicki aus den USA:

Meine Muttersprache ist amerikanisches Englisch. Ich glaube, dass es schwer zu studieren ist, aber es ist interessant. Die Wörter schreibt man anders als man sie hört. Meine Muttersprache hat viele Dialekte und Akzente. Ich weiß nichts über die Dialekte und Akzente um Westen, aber ich weiß einiges über Pennsylvania, New York und Maryland. Ich denke, dass man an einem Platz wohnen muss, wo man den Akzent versteht. Jeder Akzent benutzt verschiedenen Slang. Slang ist mehr und mehr beliebt und benutzt. Wenn Leute mit Slang sprechen, ist die Grammatik nicht gut. Slang ist ein großer Teil der Jugendkultur. Die Bewegung von einer Sprache ist sehr interessant zu studieren!

Dominika Bonter aus Polen:

Meine Muttersprache gehört zur Gruppe der slawischen Sprachen und ist nicht so populär. In Polen gibt es ca. 40 Millionen Menschen, die Polnisch als Muttersprache haben. Aber es gibt noch fast 10 Millionen Menschen, die in Litauen (Wilna), in verschiedenen Regionen Russlands, in den USA (Chicago, Buffalo, New York), Spanien, Schweden, Deutschland und Frankreich leben. Überall, wo ich hingehe, kann ich die polnische Sprache hören.
Die Anfänge der polnischen Sprache kann man im 14. und 15. Jahrhundert finden. Da waren religiöse Texte oder kurze Glossen meistens in lateinischen Schriftstücken. Ich denke, dass Polnisch kompliziert und schwer ist. Zum Beispiel: in unserer Sprache gibt es sieben Fälle. Die Substantive haben keine Artikel; während der Deklination wechseln nur die Endungen der Wörter – man muss die Deklination von jeder Wortgruppe kennen. Viele Ausländer haben ein Problem, einige Laute auszusprechen, manche haben kein Äquivalent in anderen Sprachen. Im Polnischen haben wir viele Lehnwörter aus dem Englischen, Deutschen, Russischen und Französischen. Das finde ich gut, aber wir müssen unsere Sprache schätzen – sie ist ein Teil unserer Kultur.

Dr. Monika Rapp

Weitere Informationen und Kontakt:


http://www.uni-marburg.de/sprachenzentrum

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:44