Kanadische Diplomaten studieren in Marburg

- Studierende vertreten Kanada bei VN-Simulation -

Oft sind Professoren großzügig, wenn es darum geht, Schirmherrschaften für studentische Projekte anzunehmen. Hin und wieder werden sie – vielleicht ein wenig unfreiwillig – in diese Projekte so stark involviert, dass sie am Ende mehr Arbeit und Zeit investieren als ursprünglich geplant war. Manchmal jedoch bringt das Projekt überraschende und spannende Resultate hervor, die sowohl die Studenten und der Professor nicht erwartet hatten. Sehr pragmatisch war die Entscheidung der ersten Delegation aus Marburg zum National Model United Nations, sich für das Land Kanada zu bewerben.

Wie man Kanadier wird

Die an der Philipps-Universität vorhandenen Möglichkeiten, sich auf die Vertretung Kanadas bei dieser Simulation der Vereinten Nationen vorzubereiten waren und sind relativ gut, und Prof. Dr. Dr. h.c. Wilfried von Bredow hatte mit seinen guten Kontakten zur Gesellschaft für Kanadastudien und seinem wissenschaftlichen Interesse an Kanada die Schirmherrschaft für unser Projekt übernommen. Dass Kanada an erster Stelle unserer Wunschliste stand, ist somit nicht verwunderlich. Überraschend war jedoch die Benachrichtigung aus New York, dass wir als NMUN Ersties tatsächlich unseren Favoriten zugewiesen bekamen.
Kanada war den meisten von uns in unserem Studium nicht besonders wichtig erschienen und zunächst mussten wir uns im Rahmen eines Kolloquiums grundlegendes zu Geschichte, Gesellschaft und Kultur aneignen, bevor wir überhaupt in der Lage waren, die kanadische Außenpolitik mit besonderer Berücksichtigung der kanadischen Haltung zu den Vereinten Nationen zu bearbeiten und zu verstehen. Wir entdeckten dabei ein Land, welches viele von uns überraschte: seine wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen zu den Vereinigten Staaten, jedoch auch seine kulturelle Nähe zu vielen anderen Nationen, welche ein Resultat der vielen Einwanderer nach Kanada ist. Uns wurde das ambitionierte Streben der Kanadier nach weltpolitischer Anerkennung als unabhängiger, multilateraler Verhandlungspartner in unglaublich vielen internationalen Vereinigungen und Organisationen vor Augen geführt und die Bereitschaft, nationale mit weltpolitischen Interessen zu verknüpfen und entsprechend zu handeln.

Impulse von kanadischer Botschaft

Entscheidende Impulse bei der Erarbeitung kanadischer gesellschaftlicher Interessen und politischer Standpunkte gab ein von der kanadischen Botschaft in Berlin finanziertes Treffen zwischen uns Studenten, Wissenschaftlern und Angehörigen der Botschaft im Frühjahr 2001, nachdem wir uns bereits mehrere Monate sehr detailliert eingearbeitet hatten. Prof. Wilfried von Bredow (Philipps-Universität Marburg) und PD Dr. Martin Thunert (University of Michigan, Ann Arbour/USA) brachten uns auf den neuesten Stand der Wissenschaft in Bezug auf das kanadische Wirken in den Vereinten Nationen, die nationalen Interessen und internationalen Zielsetzungen. Bernhardt Eckstein von der kanadischen Botschaft in Berlin führte uns ein in die Arbeit in einer Botschaft, und gab uns einige Tipps für das Verhalten eines kanadischen Diplomaten. PhD Geoff Hayes (University of Waterloo, Ontario/Kanada) prägte uns sicherlich am meisten, da seine unnachahmliche Art uns in typische kanadische Verhaltens- und Denkmuster einführte. Richtige Kanadier sollten wir werden und auch wenn dies vielleicht nicht hundertprozentig gelungen ist hat uns dieser Workshop auch ein bisschen geholfen, jenseits von stereotypen ein Gespür für das kanadische Interesse in der Weltpolitik zu entwickeln.

Viel inhaltliche Transparenz

Während unseres Aufenthalts in New York waren es Angehörige der Ständigen Vertretung Kanadas bei den Vereinten Nationen, die uns an den Puls kanadischer VN Politik heranführten und den Alltag eines Botschaftsangehörigen im Dienste dieses Landes vor Augen führten. Sich Kanada wissenschaftlich zu nähern und gleichzeitig einen Einblick in die praktische Arbeit von Diplomaten und Botschaftsangehörigen zu erhalten, war wohl einer der Gründe, warum die Auseinandersetzung mit Kanada so intensiv wurde. Während unserer Recherche im Vorfeld der Simulation fiel uns auf, dass Informationen über Kanada im Überfluss zu haben sind, nämlich in Form von englischsprachigen Publikationen und über das Internet.
Das kanadische politische System zeichnet sich durch ein sehr hohes Maß an inhaltlicher Transparenz aus und zu jedem erdenklichen Themenfeld sind viele relevante Daten jederzeit zugänglich, jedoch oft ohne einen zusammenhängenden und Gebietsübergreifenden Kommentar. Die deutschsprachige wissenschaftliche Betrachtung der kanadischen Außenpolitik war jedoch sehr überschaubar und es fehlte gänzlich an einer überblicksartigen Darstellung. Um diese Lücke zu schließen, entschlossen sich letztendlich 10 Projektteilnehmer in Zusammenarbeit mit Prof. von Bredow und unter Einbeziehung von Dr. Martin Thunert und PhD. Geoff Hayes, einen Band mit Aufsätzen zu ausgewählten Problemen kanadischer Außenpolitik zu verfassen.

Einblicke in die Außenpolitik

In 16 Artikeln und einem Interview mit der kanadischen Botschafterin in Berlin, Marie Bernard-Meunier, werden in dem letztendlich im Frühjahr 2003 von Prof. von Bredow im Westdeutschen Verlag herausgegebenen Buch „Die Außenpolitik Kanadas“ wesentliche Eckpunkte kanadischer Bemühungen im internationalen System als Ganzem und den Vereinten Nationen im Besonderen beleuchtet. Das Buch soll gleichzeitig als Einführung in das Thema und als Grundlage für die wissenschaftliche Betrachtung einzelner Teile dienen. In drei Teilen werden die Vorraussetzungen, Akzente und Probleme kanadischer Außenpolitik, das umfassende Konzept der Human Security und die Problemlösungsstrategien kanadischer Bemühungen bei zukünftigen Konflikten bearbeitet. Berühmte und wichtige Beispiele kanadischen Engagements, wie etwa zum Schutz vor Antipersonenminen, der Entwicklung und Weiterführung von Peacekeeping-Konzepten sowie neueren Überlegungen zum Thema Human Security, werden ebenso ausführlich behandelt wie Initiativen zum Schutz von Kindersoldaten, Maßnahmen zum Schutz vor Terrorismus, die Bearbeitung internationaler Probleme wie Migration und Abrüstung und das Engagement in Organisationen wie der UNO und der NATO.

Einmal anders wissenschaftlich schreiben

Eine Publikation zu schreiben gehört nicht zum Standardrepertoire studentischer wissenschaftlicher Betätigung und vielleicht war den meisten von uns nicht klar, dass mehr dazu gehört als eine Hausarbeit zu schreiben. Relevanz und Aktualität spielten eine viel größere Rolle als wir zunächst vermutet hatten. Auch Disziplin und Ausdauer sind in viel höherem Maße als gewöhnlich erforderlich, so dass auch dieses Publikationsprojekt von sehr motivierten Studenten nicht selten ins Wanken geriet. Schließlich jedoch ein Buch in Händen zu halten, zu dem man selbst nicht unerheblich beigetragen hat macht stolz, stolzer vielleicht sogar als der Abschluss des Studiums – denn das gehört schließlich definitiv zum Standardrepertoire studentischen Verhaltens.

Dagmar Eichert

Im Dezember findet im Café Roter Stern eine Buchpräsentation mit Vorträgen und Diskussionen zum Thema statt. Hierzu sind alle interessierten herzlich eingeladen. Der genaue Termin kann im Roten Stern erfragt werden oder aber auf der Seite www.unsociety.de abgerufen werden.

Wilfried von Bredow (Hrsg.)
Die Außenpolitik Kanadas
Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2003
ISBN 3-531-14076-0

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:44