Dolchstoß für die politische Bildung an hessischen Schulen

- Bewertung des neuen Schulfachs „Politik und Wirtschaft“ -

Seit letztem Schuljahr gelten an Hessens Schulen neue Lehrpläne. Damit gehen gravierende Veränderungen für die politische Bildung einher. Kaum beachtet von der Öffentlichkeit hat die hessische Kultusministerin der politischen Bildung in Hessen einen regelrechten Dolchstoß versetzt.

Ein neues Fach

Das Fach „Sozialkunde“ beziehungsweise „Gemeinschaftskunde“ gibt es nicht mehr. Es wurde durch das Fach „Politik und Wirtschaft“ ersetzt. Im Unterschied zu dem Fach Sozialkunde ist „PoWi“ kein Pflichtfach mehr und kann in der Oberstufe abgewählt werden. Damit verringert sich natürlich der Pflichtstundenanteil dieses Faches erheblich, was eine Verminderung der Neueinstellungen und damit eine Verschlechterung der Berufsaussichten für angehende PolitiklehrerInnen zur Folge hat.
Zwar kann PoWi auch als Leistungsfach sowie dritten oder vierten Prüfungsfach gewählt werden, aber zu wesentlich unattraktiveren Bedingungen als andere Fächer oder das frühere Fach Gemeinschafts-kunde. Schließlich ist es für Schülerinnen und Schüler nicht gerade ökonomisch, als Leistungs- oder Prüfungsfach ein mit so geringen Belegpflichten ausgestattetes Fach zu wählen statt eines Faches mit ohnehin hohen Belegpflichten.

Marginalisierung der politischen Bildung

Aber auch inhaltlich gibt es mit PoWi gravierende Veränderungen. Neben Themenbereichen der politi-schen Bildung kommt gleichberechtigt vom Stundenumfang her die ökonomische Bildung im neuen Lehrplan zum Zuge, was zu einer Reduzierung und Bedeutungsminderung der politischen Bildung bei geringerem Stundenvolumen führt.
Eine Marginalisierung der politischen Bildung an Hessens Schulen zeichnet sich ab und wird noch durch die Anlage dieser Lehrpläne unterstützt: Die Pläne sind voll gepackt mit Themen und Inhalten, deren Herleitung fachdidaktisch nicht begründet wird. Überhaupt hat die universitäre Fachdidaktik bei der Ausarbeitung dieser Pläne kein Mitspracherecht gehabt. Die neuen hessischen Lehrpläne sind letztendlich hausbackene Stoffpläne im traditionellen Sinn mit dem Schwerpunkt Wissensvermittlung.
Bei der dicht gedrängten Stofffülle wird für die Behandlung der einzelnen Themen jeweils ein Stun-denumfang vorgegeben, der sich bei näherem Hinsehen und Berücksichtigung der schulischen Gege-benheiten (Stundenausfall, kurzes Schulhalbjahr) als unrealistisch erweist.

Oberflächlichkeit im Unterricht

Die Folge dürfte eine überwiegend oberflächliche Behandlung einzelner Themen im wenig lerneffizien-ten Frontalunterricht sein. Für exemplarische Vertiefungen, Anwendungen kooperativer Methoden und Lernformen dürfte im Zweifelsfall für LehrerInnen und SchülerInnen keine Zeit mehr zur Verfügung stehen. Weitergehende Lernziele und Schlüsselqualifikationen wie Kritikfähigkeit, Mündigkeit und Selbstständigkeit dürften so nur schwer erreichbar sein.
Die Erstellung und Umsetzung neuer Lehrpläne ist nicht zuletzt auch eine Ressourcenfrage. Sie kostet die beteiligten Lehrkräfte, Schulbuchverlage und Verbände viel Zeit, Energie und Geld und ist nur dann einsehbar, wenn Verbesserungen und curriculare Weiterentwicklungen erkennbar sind. Bei den vorliegenden Plänen handelt es sich eindeutig um einen Schritt zurück in die Entpolitisierung der poli-tischen Bildung.

Gabriele Schreder
Institut für Politikwissenschaft

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Zuletzt aktualisiert: 2004-06-10 15:44