Die große Flucht dank Studiengebühren - Die Uni rechnet mit Einbußen: vor allem an Studierenden

Die Philipps-Uni streikt – die einen mehr, die meisten weniger. Nach wie vor stoßen sich die Studierenden vor allem an den Studiengebühren, die Hessens Landesvater Roland Koch (CDU) so rasch wie möglich einführen möchte, um seinen verwahrlosten Landeshaushalt aufzupolieren. Streik gegen Studiengebühren – manche Fachbereiche machen da nicht mit. Stattdessen beteiligen sich viele Studierende an Protesten gegen die allgemeinen Studienbedingungen, die teils mehr als miserabel sind. Nur die einheitliche Linie wurde noch nicht gefunden.

Zehn Prozent weniger Studierende

Welche objektiven Folgen hat die Einführung von Studiengebühren? Aus dem „Ländle“ (Baden-Württemberg) kommen verlässliche Zahlen. Denn dort wurden bereits zum Wintersemester 1997/1998 derlei Beiträge erhoben. Mit deutlicher Verzögerung wollen ab dem Sommersemester 2004 die Länder Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hamburg, Schleswig-Holstein und wohl auch Bayern nachziehen – mit dem Unterschied zu Baden-Württemberg, dass die Einnahmen eben nicht an die Hochschulen zurückfließen, sondern den Landeshaushalt stopfen.
Die Hochschulen in Baden-Württemberg haben nach Einführung der Studiengebühren rund zehn Prozent ihrer Studierenden auf einen Schlag verloren. Dort hat man einsehen müssen, dass etwa die Hälfte aller so definierten Langzeitstudenten sofort exmatrikuliert, wenn sie fürs Studium kräftig in die Taschen greifen müssen.
Nüchtern betrachtet dürften sich auch in Marburg allerlei Interessengruppen beschweren, wenn dank Studiengebühren bis zu 2.000 Studenten weniger in der Stadt studieren. Die Vorlesungen etwa werden dadurch nicht gemütlicher, zumal man vielen der Exmatrikulierten unterstellen darf, dass sie ihren Abschluss bereits in der Tasche haben. Sämtliche Fachbereiche werden jammern, wenn die Landeszuschüsse gekürzt werden, denn deren Höhe bemisst sich nun einmal an der Zahl der Studierenden. Trübsal blasen dürfte auch das Studentenwerk, das einen Teil des Semesterbeitrags kassiert. Nicht zu vergessen die Stadt Marburg, die um jeden Einwohner froh ist.

Proteste schwer vermittelbar

Die Zukunft verspricht also jede Menge Unheil. Allein wegen der Zahl an Exmatrikulationen können sich die Studienbedingungen nicht verbessern. Die Finanzspritze aus Wiesbaden ist nötiger denn je. Trotzdem steht jeder Streik-Aktivist – nicht nur in Marburg – vor dem Problem, dass die Proteste gegen Studiengebühren äußerst schwer zu vermitteln sind. Ein Landesbeamter sieht nicht ein, weshalb die Studierenden nicht 500 Euro im Semester zahlen wollen, wo ihn die Kürzung des Weihnachtsgelds das Vierfache kostet. Vielfach blockiert die alte Stammtisch-Parole von den „Faulen Studenten“ jedwede Unterstützung der Bevölkerung.
Sollte man die katastrophalen Studienbedingungen noch stärker in die Öffentlichkeit tragen? Munition gibt’s genug. Die Landeszuschüsse an die Marburger Uni beliefen sich im Jahr 2003 auf circa 180 Millionen Euro, wobei etwa ein Drittel für den Fachbereich Medizin aufgebracht wurde. 80% der Gesamtausgaben der Universität Marburg sind Personalkosten – nicht verwunderlich, bedenkt man die Arbeitsweise einer Universität. Es liegt somit auf der Hand, dass genau im Personalbereich die Kosten am stärksten gesenkt werden können, dass dies aber nahezu zwangsläufig die Lehre einschränkt und den wissenschaftlichen Nachwuchs blockieren und verhindern kann.

Pauschale Gebühren problematisch

Der Haushalt wurde in den letzten Jahren zwar nicht tatsächlich gekürzt. Die Uni erhielt im Jahr 2003 etwa 1,1 Millionen Euro mehr als im Vorjahr, dem gegenüber standen jedoch Mehrausgaben von etwa 3,7 Millionen im Personalbereich. Interessant im Zusammenhang mit Kosten und Ausgaben ist natürlich auch die Verteilung der Gelder an einzelne Fachbereiche. So erhält der Fachbereich (FB) 02 (Wirtschaftwissenschaften) ein Jahresbudget von ca. 3,77 Millionen Euro bei ca. 1600 Studierenden, der FB 15 (Chemie) 9,72 Mill. € bei 720 Studierenden, der FB 09 Germanistik und Kunstwissenschaften 5,36 Mill. € (2250 Stud.) und der FB 03 3,39 Mill. € (2720 Stud.). Der größte und teuerste Fachbereich der Uni ist der FB 20 Medizin, der 61,59 Millionen € erhält und ca. 2660 Studierende hat. Diese starken Differenzen sind verständlich, bedenkt man, dass bei den Geisteswissenschaften relativ geringe Ausstattungs-– und Materialkosten entstehen, die bei den Naturwissenschaften freilich wesentlich höher ausfallen.
In Anbetracht der Tatsache, dass bestimmte Berufsgruppen bei späterer Berufstätigkeit sehr unterschiedlich verdienen – so vergleiche man z.B. nur Mediziner im Vergleich zu Sozialarbeitern –, stellt sich die Frage nach der Gerechtigkeit von allgemeinen und pauschalen (Langzeit)studiengebühren. Behält man die Kosten für einzelne Studiengänge und pro Studierende(n) im Hinterkopf, erscheint eine pauschale Gleichbehandlung noch ungerechter.

Neues Wirtschaften der Uni

Ab dem Jahr 2000 gibt es an der Uni den so genannten Globalhaushalt. Das bedeutet konkret, dass die Mittel relativ flexibel eingesetzt und geschoben werden können, je nach Haushaltslage und Schwerpunktsetzung. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu dem bis 2000 geltendem sog. kameralistischen Haushalt, bei dem es für einzelne Titel (zum Beispiel Personal, Gebäudeinstandhaltung, Lehrmaterial, Heizung etc.) pro Jahr eine festgelegte Summe gab. Die ab 2000 jährlich geltenden Wirtschaftspläne (Globalhaushalt)seien wesentlich unverbindlicher und dehnbarer als Haushaltspläne, sagte uns im Gespräch Jürgen Benz vom Referat für Struktur– und Entwicklungsplanung der Verwaltungsabteilung. Dies könne zu Änderungen der Ausgaben innerhalb eines Haushaltsjahres führen. Doch damit ist die Finanzmisere noch lange nicht gelöst.

Langfristige Aussichten

Die geplanten Maßnahmen zur Einführung von Studiengebühren stehen insgesamt im Kontext von Ausgabenkürzungen im Hochschulbereich. Nachdem es ab Mitte der 60er Jahre zu einem starken Ausbau des Bildungswesens gekommen war, sank der Anteil der Hochschulausgaben am Bruttosozialprodukt von 1,3% Mitte der 70er Jahre auf 0,9% Anfang der 90er Jahre. Die voraussichtlichen Einnahmen aus den ab nächstem Jahr erhobenen Gebühren werden sich nach Schätzungen in Hessen auf insgesamt ca. 36 Millionen € pro Semester belaufen. Eine Investition dieser Summe in die Hochschulen könnte eine Akzeptanz der Studierenden eher herbeiführen als die geplante Nutzung zur Sanierung des Landeshaushaltes. Ob es wie in BW auch in Hessen zu einem Rückgang der Studierendenzahlen kommen wird, bleibt abzuwarten. Noch kann man jedoch (nahezu) kostenlose Bildung in Anspruch nehmen.

Jan Opielka, Florian Willershausen

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Zuletzt aktualisiert: 2003-11-27 0:39