“Was bringt Geschichte?”

- Über Aussichten von Geisteswissenschaftlern im Journalismus -

Eine derzeit unter diesem Titel laufende Veranstaltungsreihe des Fachbereichs 03 unter Leitung Dr. Losemanns versucht Probleme der Berufsfindung zu formulieren und Antworten auf diese Frage zu finden. In der wöchentlichen Veranstaltung sprechen Gäste aus verschiedenen Bereichen und stellen sich den Fragen der Studenten. Zwei dieser Veranstaltungen sind, denke ich, für die Leser dieses Magazins von Interesse. Zum einen der Besuch von Andreas Clarysse (HR) in Marburg und zum anderen eine Exkursion zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

“Gar nicht.” - So zumindest lautet die lapidare Antwort von Clarysse, zur Zeit im Hauptstadtstudio der ARD tätig, auf die Frage wie er in seiner Arbeit vom Geschichtsstudium profitieren kann. Das problemorientierte Arbeiten an Quellen und die Recherche zu einem bestimmten Thema seien jedoch Dinge, die dem Beruf des Journalisten und dem Historiker gemein seien. Clarysse, der Anfang der Achtziger Jahre in Marburg sein Magister machte, kam erst relativ spät zum Journalismus. So war es denn ein glücklicher Zufall - einer von vielen, wie sich später herausstellte -, dass er als Student über einen Bekannten zum Schreiben kam. Zuerst als Sportreporter für regionale Zeitungen und später beim HR, wo er bis heute geblieben ist.

Ebenso von glücklichen Zufällen geleitet war die Karriere von Felicitas von Lovenberg, die als Redakteurin beim Feuilleton der FAZ nun ihren “Traumberuf” gefunden hat. Obwohl sich ihre schulische Laufbahn durchaus nicht uninteressant liest - mit sechzehn auf eine englische Privatschule, danach Studium der Geschichte ebenfalls in England - hatte sie, obwohl sie bereits mit 23 Jahren mit dem Studium fertig war, Schwierigkeiten in dem Bereich Fuß zu fassen. Selbst bei kleineren Zeitungen bekam sie keine Praktikumstelle, oder gar ein Volontariat. Auf die Idee sich bei einer der großen Zeitungen zu bewerben, kam sie erst relativ spät. Doch das Wunder geschah, und sie bekam einen Platz bei der “Süddeutschen”. Nun ist sie mit Ende zwanzig die jüngste Redakteurin bei der FAZ, die, wie alle Zeitungen in den letzten Jahren, einen deutlichen Anzeigeneinbruch erlitten hat und viele der festen Redakteure entlassen musste.

Dass der spätere Beruf nicht mehr viel mit dem Fach Geschichte zu tun hat, stört die beiden Karrieristen nicht. “Man hat jede Chance zu ergreifen und darf nicht zu wählerisch sein, was Angebote betrifft“, so Clarysse. Die Vielseitigkeit dieses Berufes erfordert starke Flexibilität. Einen geregelten Arbeitstag, sowie exzellente Bezahlung dürfe man nicht erwarten. Es sei der Spaß und das Interesse, die ihn jeden Tag wieder oft mehr als zwölf Stunden an der Arbeit festhalten. Dass dadurch die Freizeit stark begrenzt ist, scheint für einen Familienvater wie Clarysse der Preis dafür zu sein, so direkt am politischen Geschehen wirken zu können. Die Bedeutung seiner Aufgabe ist ihm als Redakteur der “tagesschau” für die Bereiche Wirtschaft und Finanzen wohl bewusst. Allerdings, so sagt er, bilde er sich nichts darauf ein Weihnachtskarten von Angelika Merkel und Friedrich Merz zu bekommen. Der Grund dafür sei seine Position und nicht er selbst.

Übrigens: Die Frage was man studiert hat, ist allem Anschein nach unbedeutend, geht es um die Karriereaussichten im Journalismus. Von Lovenberg konnte nicht einen in der Redaktion der FAZ nennen, der Journalismus studiert hat!

Den Einstieg in den Journalismus zu schaffen sei allerdings schwer. So bleibt die einzige Möglichkeit der Weg über die freie Mitarbeit und viel Glück.

von Enrico Böhm

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Zuletzt aktualisiert: 2004-02-11 1:19