Reiseberichte vom sinkenden Schiff

Lieve Joris: Der Tanz des Leoparden. Mein afrikanisches Tagebuch. Piperverlag GmbH, München 2003, 399 Seiten, 23,90 Euro.

Wir schreiben das Jahr 1997 in Zaire, der heutigen demokratischen Republik Kongo. 32 Jahre lang hat sich der Kleptokrat und Diktator Mobutu Sese Seko mit zwielichtigen Intrigen und westlicher Unterstützung an der Spitze eines von Korruption und Tribalismus zerfressenen Staates zu halten gewusst. Nun wird er Zeuge des Siegeszugs des vom ewigen Dissidenten Laurent Désiré Kabila geführten kongolesischen Widerstands. Innerhalb von drei Monaten krönt seine AFDL – eine Koalition aus kongolesischen Freiheitskämpfern, Kindersoldaten und ruandischen Einheiten – den von der östlichen Provinz Kivu ausgegangenen Vormarsch mit der Einnahme der Hauptstadt Kinshasa. Die berechtigt hastige und peinliche Flucht des an Prostatakrebs erkrankten Mobutu nach Marokko, wird von einer euphorischen Bevölkerung begrüßt und als das Zeichen einer vollendeten Befreiung gedeutet. Kabila, der bereits in den sechziger Jahren Seit an Seit mit Che Guevara gegen den westlichen Imperialismus kämpfte, sitzt nun endlich in Kinshasa und steht vor der gewaltigen Verantwortung diesen Vielvölkerstaat, mit den Ausmaßen Europas, zu regieren.

Just in dieser instabilen Umbruchsphase, in der die in Zaire ansässigen Europäer – Kaufmänner und Entwicklungshelfer – das sinkende Schiff überstürzt verlassen, beschließt die belgische Autorin Liève Joris, in das besagte Krisengebiet zu fahren. Sie verweilt etwa ein Jahr lang im Land, reist kreuz und quer durch das zairische Hinterland, porträtiert die Menschen, die Sie beim überleben mit wohlwollender Verwunderung beobachtet, notiert akribisch jedes ergiebige Gespräch, versetzt sich vielfach in ihre Lage oder setzt sich konsequent mit ihnen auseinander. Sie scheut keine Mühen, um in die verschachtelte Psychologie der Kongolesen einzudringen.

Mut zum Risiko?

Allerdings bleibt offen, ob die Autorin sich nun von Mut getrieben in die risikoreichen Erfahrungen, von denen ihr Buch gespickt ist, begibt, oder ob sie von einem blauäugigen Glauben an das Gute gelenkt wird. Zweifellos wäre die soziokulturelle Relevanz ihrer Arbeit ohne das Zusammenspiel dieser beiden Eigenschaften undenkbar. Bescheidenerweise gibt sich das Buch als eine Reiseerzählung aus. Zwischen den Zeilen offenbart sich dem Leser jedoch, dass es sich ebenso um eine Abhandlung über die gesellschaftlichen Prämissen und Auswirkungen von Staatszerfall und Klientelismus am Beispiel der Demokratischen Republik Kongo handelt. Ihr Interesse am Kongo, so formuliert es die Autorin selbst, sei allerdings rein soziologischer und nicht etwa politischer Natur.

Durch das schnappschussartige Hintereinandersetzen von Berichten, Porträts und Zitaten, die allesamt vom miteinander verstrickten Schicksal der Eliten und des gemeinen Volkes handeln, entsteht ein selten kontrastreiches Bild der zairischen beziehungsweise kongolesischen Realitäten in jenen Monaten des kriegerischen Wandels und der daraus resultierenden Konsequenzen. Sie zitiert von der Straße aufgegriffene Gerüchte und vergleicht sie mit entsprechenden Stellungnahmen offizieller Provenienz. Sie zitiert Freunde, Kontaktpersonen und andere Quellen, nennt diese größtenteils beim Namen und scheut nicht davor zurück, auch jene vorurteilsbehafteten, widersprüchlichen oder belastenden Aussagen niederzuschreiben. Das Werk lebt von diesem höchst wirkungsvollen, entmystifizierenden Querschnittsverfahren. So beschreibt Sie den Prozess in dem die Befreiten zuerst die Befreier feierlich willkommen heißen, allmählich gegenüber der neuen Staatswillkür und der verherrlichenden Propaganda misstrauisch und unsicher werden, um dann wutentbrannt und hasserfüllt zur Selbstjustiz überzugreifen. „Das Gesicht dieser Befreiung ist hässlich, von Hass und Zerstörungsdrang verzerrt.“ Gerade dieser unbestechlich detailtreue Ton schafft eine glaubwürdige und realistische Atmosphäre, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk zieht. Der Satz, der dieses Buch wohl am besten beschreibt, stammt aus der Feder der Autorin selbst: „Ich bin zwischen den Fernsehbildern durchgeschlüpft und im normalen Leben dahinter gelandet.“

von Naakow Grant-Hayford

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Zuletzt aktualisiert: 2004-02-11 1:15