Der Papst lebt weiter

- Ein Kommentar zur Politik und Wirken von Johannes Paul II -

Eine kontroverse Figur ist der Papst wohl schon immer gewesen. Kontrovers wegen seiner Ansichten, wegen seines Auftretens als Patriarch einer einflussreichen Kirche, als nicht absetzbares Oberhaupt im Vatikan. Doch bei der Einschätzung seines Wirkens muss man zumindest eine zweiteilige Unterscheidung vornehmen: zwischen seinen innerkirchlichen Überzeugungen und Taten einerseits und denjenigen Handlungen, die über das Wirken in der katholischen Kirche und auf seine Anhänger selbst hinausgehen.

Sicherlich ist beides nicht völlig voneinander zu trennen, doch macht eine Unterscheidung vor allem dann Sinn, wenn man den Einfluss des Papstes auch auf nicht-religiöser Ebene erkennt. Kein Staatschef eines Landes, in dem zumindest eine qualifizierte Minderheit an Katholiken lebt, kann es sich leisten, diesen Papst pauschal abzulehnen, oder eine Visite des katholischen Oberhirten zu ignorieren. Ein gemeinsames Foto oder ein Treffen bringt (führenden) Persönlichkeiten, nicht nur Politikern, neben gesellschaftlichem Prestige auch einen moralischen Bonus, da der Papst im Laufe seiner „Amtszeit“ – Amt ist wohl nicht der passende Begriff für diese lebenslange Tätigkeit – eben zu einer moralischen Instanz geworden ist, die über das formale katholische Maß hinausgeht.

Und schon hier beginnen sich die Meinungen zu teilen. Denn nicht für alle ist der Papst eine Autorität, für viele sind er und seine Ansichten von vorgestern.

Politischer Papst

Seine Wahl im Jahr 1978 war auch eine politische Wahl, als die Sowjetunion und die sozialistischen Staaten Osteuropas die ersten nicht zu verbergenden Risse und Unzulänglichkeiten ihrer autoritären Systeme zeigten. Er stammt eben aus einem Land, dessen kommunistische Machthaber seit 1945 im ständigen Spannungsverhältnis mit der einflussreichen katholischen Kirche regierten und diesen Einfluss dennoch nicht entscheidend zu mindern vermochten. Die Wahl war eine Art zündender Funke für die Menschen und bewirkte maßgeblich die Entstehung der oppositionellen Gewerkschafts-Bewegung Solidarnosc, als auch, in ihrem Verlauf, die friedlichen Reformversuche der 80er Jahre. Die Kirche mit ihrem für die Polen übermächtigen Papst wachte darüber, dass es nicht zu allzu großem Aufruhr oder Gewalteskalationen während des verhängten Kriegsrechts und danach kam.

Eine wichtige Funktion erfüllte der Papst im folgendem durch seine über hundert (Pilger)Reisen in der gesamten Welt. Dabei trat er auch als christlicher Missionar auf, jedoch nicht ausschließlich. Seine Reisen hatten und haben vor allem etwas von Pilgerreisen, welche die Massen an sich ansprachen, und nicht ausschließlich Katholiken oder solche, die es werden wollten. Nicht zufällig wählte er zu seiner 100ten „Jubiläumsreise“ Kroatien, ein Land, in dem die katholische und orthodoxe Kirche in Widerstreit stehen und

das als Teil des ehemaligen Jugoslawiens im Balkankrieg in den neunziger Jahren verwickelt war. Seine Reisen nach Osteuropa in den 80er Jahren gaben entscheidende Impulse zum dortigen Systembruch. Gorbatschow sagte im Jahr 1999: "Ohne diesen Papst und seine Reisen in Osteuropa wäre die Berliner Mauer sicher sehr viel später gefallen.“

Drahtseilakt der Traditionen

Dem „Clash of Civilisations“ (Samuel Huntigton) versucht der heute 83-jährige durch einen „Dialog der Religionen“ entgegenzutreten. Wichtig ist, inwieweit die katholische Kirche sich bei der Annäherung an andere Religionen „verbiegen“ kann und möchte. Die Tatsache, dass der Papst und die vatikanische Führung gemeinsame Gottesdienste bzw. Abendmahle mit Protestanten untersagen, wird von vielen Seiten als reaktionär und rückschrittlich angesehen, ist es aber nur auf den ersten Blick. Um mit Angehörigen anderer Religionen gemeinsam den Dialog aufzunehmen, müssen nicht unbedingt religiöse Traditionen aufgegeben werden, so unsinnig sie auch scheinen. Der Aspekt des Abendmahls ist auch gerade ein sehr wichtiger in der Identifikation der beiden Konfessionen und wird in seiner Bedeutung immer noch unterschiedlich bewertet: für Protestanten als Symbol einer Vereinigung mit Christus, für Katholiken als die tatsächliche Aufnahme des Leibes Christi in sich. Dieser Streit, der im Sommer 2003 beim ökumenischen Kirchentag in Berlin wieder aktuell wurde, ist gut geeignet, um die Möglichkeiten einer Annäherung von Menschen verschiedener Konfessionen darzulegen: inwieweit fühlen wir uns einander verbunden, in unseren Werten und unserer Toleranz, und fühlen uns verbunden auch trotz verschiedener Traditionen und sehen dabei über eher unbedeutende Differenzen hinweg?

Religiöse, politische Kämpfe

Sicherlich gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen kleinen Auseinandersetzungen wie dem um das gemeinsame Abendmahl, viel schwerer wiegen da Konflikte, die auf religiösem Fundament basierend, politisch missbraucht werden. Nordirland ist ein innereuropäisches Beispiel, in seinen Dimensionen viel verheerender ist der Konflikt zwischen Juden und Muslimen in Israel und Palästina, von weltweiter Bedeutung der politisch zugespitzte Konflikt zwischen muslimischer Welt und anderen Konfessionen. Zugespitzt deshalb, weil es zu einer politischen Zuspitzung kommt, dieser Konflikt also primär nicht aus den Unterschieden zwischen den Religionen entsteht. Belege dafür gibt es in der Geschichte viele, Gegenbeispiele von friedlichem Zusammenleben unterschiedlicher Konfessionen auch, viele sind jedoch lokal und deshalb für die weltweiten Medien, also auch für die „Weltöffentlichkeit“, kaum sichtbar. Hier setzt der Papst mit seinen vielen (Friedens)Botschaften, seinen interreligiösen Treffen in Assisi, seinen Besuchen in Moscheen und jüdischen Tempeln an. Um die schwer messbare Wirkung dieses Handelns zu erkennen, stelle man sich vor, der Papst und die katholische Kirche würden die Folgen der verschärften politischen Maßnahmen zugunsten ihrer Kirche nutzen wollen, die – heutige – Dominanz des Christentums anpreisen und die „Ungläubigen“ verantwortlich machen. Doch genau das tut und tat er nicht: vielmehr betont er die wahren Ursachen von Terror, die zumindest in zwei geteilte Welt, die verheerende Ungleichverteilung an Gütern und Chancen.

Rückschrittliche Ansichten

Eine sehr rückschrittliche Herangehensweise zeigt der Papst in vielen innerkirchlichen Fragen. Viele Kritiker werfen ihm vor, nach außen offen und liberal, nach innen jedoch erzkonservativ zu handeln. Der Rückzug aus der Schwangerenberatung ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie man ein Problem durch Ignoranz aus der Welt schaffen möchte. Zwar gilt auch hier das Recht der Freiheit der Überzeugungen, und die Kirche ist frei in ihrer Ansicht zu meinen, die Schwangerenberatung und das Ausstellen eines Beratungsscheins sei „Beihilfe zur Abtreibung“, die sie als "verabscheuungswürdiges Verbrechen" verurteilt. Doch im gegebenen Fall geht es um mehr, nämlich um die Unterstützung von Frauen und Familien, die diese Hilfe tatsächlich brauchen. Hier geht es primär nicht um die Frage, wo das Leben beginnt und ab welchem Monat es schützenswert ist. Es geht um die Strukturen, in welche die Kirche eingebunden war, die ein Teil eines umfassenden Beratungssystems war, aus der sich die Kirche nicht einfach herausstehlen kann. Und doch tat sie es – auf Anweisung des Papstes.

Ein anderer schwellender Aspekt, der insbesondere von jüngeren Generationen kritisiert wird, ist die Verweigerungshaltung in Fragen der Verhütung und außerehelichem Geschlechtsverkehr. Diese Haltung ist tatsächlich sehr schwierig zu vermitteln, doch wiegt sie doppelt schwer, da die Kirchen in vielen ärmeren Ländern viel größeren Einfluss und Autorität genießen als in Ländern des Westens. Die verheerenden demographischen Folgen, Bevölkerungsexplosion und auch Krankheiten wie AIDS sind deshalb nicht isoliert von der Haltung der Kirche in diesen Fragen zu sehen.

Ohne innere Reformen in die Zukunft?

Der scheinbar fehlenden Reformbereitschaft liegt in Wirklichkeit eine gewisse Unreformierbarkeit zugrunde, will die katholische Kirche den moralischen Status in der Welt als „Hüterin der weltlichen Ordnung“ (Matthias Drobinski) wahren. Eine Kirche, die sich Zeitströmungen und Entwicklungen (auch „richtigen“) anpasst, ist zwar modern, hat jedoch kaum Chancen, als überstaatliche, übergesellschaftliche Instanz oder Vertreterin des „Höheren“ und Transzendenten zumindest von einem Teil der Menschen anerkannt zu werden. Die fehlenden Reformen, das dogmatische Festhalten an überkommenen Überzeugungen sind der Preis für die gleichzeitige religiöse Autorität des Papstes und der katholischen Kirche, nicht nur für die (vielen) Katholiken aber auch für einige Anders- und Nichtgläubige. Diese Wertschätzung wird freilich auf unterschiedlichen Ebenen auch unterschiedlich bewertet. Sowohl über nationale als auch über Generationengrenzen hinweg, betrachten Menschen den Papst unterschiedlich, sind ihm gegenüber entweder gleichgültig, lehnen ihn entschieden ab oder verehren ihn als einen guten „Papa“. Letzteres rührt vor allem durch seinen Einsatz für den Frieden, den Dialog und die Aussöhnung zwischen den Religionen, den Einsatz für eine gerechte Verteilung des Wohlstandes der Welt.

Mission Frieden

In Punkto Frieden und seinem Einsatz für eine friedliche Lösung der Irakkrise kann man dem Papst sicherlich keinen naiven Pazifismus vorwerfen. Sein Widerspruch gegen diesen Krieg ist vielmehr auf eine von verschiedenen Konflikten gezeichnete eigene Biographie begründet. Unter anderem von dem zwischen der Kirche und dem polnischen (und sowjetischen) Regime, welche die Kirche noch zu seiner Zeit in Polen mit Repressalien zu unterdrücken versuchten. Oder seinem Einsatz für eine friedliche innere Erneuerung der sozialistischen Gesellschaften Polens und anderer Ostblockstaaten. Gegen Gewalt plädierte er schon damals, jedoch auch für das Beharren auf dem, was des Menschen Würde darstellt. "Der Krieg ist nie ein unabwendbares Schicksal, er ist immer eine Niederlage für die Menschheit.“ In diesen Kontext reihen sich auch seine Vergebungsbitte an das jüdische Volk für die Verbrechen und die Tatenlosigkeit des Vatikans während des Holocaust ein. Außerdem seine Besuche jüdischer und moslemischer Synagogen und Moscheen, die von ihm initiierten Gespräche mit anderen Weltreligionen, welche selbst im Vatikan umstritten sind.

Die Kritik am Bush-Kurs im Irakkrieg ist nicht eine grundsätzliche Kritik an den amerikanischen Konservativen. Sie richtet sich vielmehr, neben dem unbegründetem Krieg, gegen den Missbrauch von Religion und religiösen Symbolen durch die Bush-Administration. Die Demokratie wird als „Welterlösungsformel“ dargestellt (Jan Ross in „Die Zeit“), und gleichzeitig wird sie verbunden mit Gottes Willen, geäußert im berühmten „God bless America“. Gegen diesen Missbrauch des angeblichen Willen Gottes wendet sich der Papst, da er weiß, dass hierdurch genau das Gegenteil von dem bewirkt wird, was seine Religions- und interreligiösen Gespräche bewirken (sollen).

So kann der Papst nach eigenem Selbstverständnis und dem der Kirche auch nicht von seinem Amt zurücktreten, denn er sieht sich als gesandter Gottes, der von menschlichen Strukturen wie Arbeitszeit und Rente entbunden ist. Seine Orientierungspunkte sind christlicher, spiritueller Art, und eben diese (Leidens)Natur übt eine starke Ausstrahlung auf die Menschen aus, bewerten sie ihn nun positiv oder ablehnend.

In jedem Fall zeigt sein Leben Wirkung.

 

von Jan Opielka

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Zuletzt aktualisiert: 2004-02-11 1:06