Ein ganz normaler britischer Donnerstag an der University of Essex

– Sokratesstudentin Mirjam Miethe schildert ihre Eindrücke-

Vergessen kann man all die Klischees von Sex, Party und Rock'n Roll-Gelagen, mit denen Austauschprogramme gern in Zusammenhang gebracht werden. Die wenigsten Sokratesstudenten fliegen ins Ausland, um Party zu machen. „Das macht sich gut im Lebenslauf“, ist den meisten Studenten sehr viel wichtiger. Ich bringe einen ganz normalen Donnerstag meines englischen Uni-Lebens zu Papier. Ein Tag wie jeder andere, ....

8:30 Uhr (in Deutschland übrigens 9:30 Uhr):

Wecker kräht, bin aber schon wach, weil der Weckalarm meines Zimmernachbarn (einer von insgesamt fünfzehn meist britischen Mitbewohnern) schon vor einer Viertelstunde losging. Es folgen Aufstehen, zu einem der vier WG-Klos gehen und danach eine der zwei WG-Duschen benutzen (natürlich bereits von Frühaufstehern völlig überschwemmt). Frühstück mit zwei anderen Leuten, die sich beeilen müssen, weil ihre Veranstaltungen eigentlich schon laufen. Aus Zeitdruck gönnt sich kaum jemand ein „echtes“ englisches Frühstück (Toast, Bohnen, Rühr- oder Spiegelei, Speck, Würstchen, manchmal auch Pilze); Studenten bleiben meist bei Cornflakes.

10:00 Uhr:

Eine Campus-Uni hat ganz offensichtliche Vorteile. Morgens vor allem den kurzen Hinweg zu den Veranstaltungsräumen. Heute Morgen gibt es allerdings vorher noch einen Abstecher in die Bibliothek. Die meisten Bücher können für zwei Wochen ausgeliehen werden (dafür haben die einzelnen Fachbereiche nur eine sehr begrenzte Auswahl bzw. gar keine Literatur in ihren Abteilungen). Auf jeden Fall muss man immer mit viel Zeit kommen, denn ein Buch ausleihen kann sich schon mal auf eine halbe Stunde ausweiten. Zum einen sind die Schlangen an den Ausleihschaltern meist doch ziemlich lang und zum anderen sind die für mich relevanten Titel alle im 5. Stock, welcher per Treppe oder mit einem Paternoster-Aufzug erreichbar ist. Beides dauert seine Zeit; der Paternoster fährt aus Sicherheitsgründen sehr langsam und meine (Treppensteig-) Kondition ist leider ziemlich am Boden (der offensichtliche Nachteil der Campus-Uni, wenn man für alles nur einen einminütigen Fußweg hat).

11:00 Uhr:

Erste Veranstaltung. Ich studiere hier in England mit einem Sokrates-Stipendium Kunstgeschichte, daher belege ich hier auch nur Kurse vom Art History Department (zwei zur Moderne für mein Kunstgeschichtsstudium und zwei zum Thema Film für die Medienwissenschaft). Ich hätte mich auch mal um was ganz anderes (Psychologie, oder so) bemühen können, aber letztendlich möchte ich mir die Kurse auch daheim anrechnen lassen. Donnerstags habe ich „Surrealismus“. Die erste Stunde besteht aus einer „lecture“, d. h. eine Art Vorlesung von der Dozentin zum Thema der Stunde (heute Surrealismus und Psychoanalyse) bei der allerdings die Studenten auch schon aktiv einbezogen werden (Fragen, Bildbeschreibung, Meinungsrunden). Weil unser Kurs mit zwanzig Leuten zu „voll“ (!) war, wird die zweite Hälfte der Veranstaltung aufgeteilt. Zehn Studenten bleiben von 11 bis 12 und der Rest erscheint von 12 bis 13, um die zwei bis drei Texte zu diskutieren, die es als „Hausaufgabe“ gab. Für eine Stunde sind es im Durchschnitt 40 Blätter, was mich am Uni-Kopierer – das ist die billigste Möglichkeit - umgerechnet drei Euro kostet; klingt kleinlich, ist trotzdem teuer.

12:00 Uhr:

Ich bin in der zweiten Veranstaltungshälfte, daher überbrücke ich die Wartezeit jetzt mit einem gemütlichen Mittagessen mit einer Freundin (auch Sokratesstudentin aus Berlin) und einer Sokrates-Spanierin (und wer sonst noch so vorbeischaut). Eine Mensa gibt es nicht, anstelle dieser verschiedene „Restaurants“, ein Cafe und einen Fastfood-Imbiss. Wir ziehen meistens den Campus-Pub vor, der billiger ist und auch ein gutes Essensangebot hat (dort konsumieren die Leute schon um 11 Uhr ihr erstes Bier und Wodkagetränk). Das Muss sind „Chips with beans and cheddar cheese“ (hört sich furchtbar an, wie das Frühstück, macht aber absolut süchtig). Nachdem die Bestellung abgegeben ist, wartet man auf eine Mikrofondurchsage mit der Bestellungsnummer. Gierig und hungrig wird das Essen schon fast zu einem Bingo-Gewinn.

13:00 Uhr:

Die Veranstaltung verläuft normal. Das akademische Jahr in England teilt sich in drei Teile (Trimester, hier „term“ genannt). Die meisten Veranstaltungen gehen über das ganze Jahr und sind daher thematisch ziemlich ausführlich. Die DozentInnen mit denen ich Kontakt habe, sind alle freundlich bemüht und nehmen (manchmal vielleicht zu viel) Rücksicht auf „Nichtmuttersprachler“. Meine Kurse sind gemischt mit Briten, ausländischen Studierenden und Sokratesleuten, wobei die englischen Studenten deutlich den Unterricht „dominieren“. Ich habe ungefähr fünf Wochen gebraucht, um einzelne Leute mit ihren Akzenten, den sanften Fistelstimmen oder coolen Slang-Männerausdrücken zu verstehen. Auf die Mitarbeit wird weniger Wert gelegt (bis auf die Referate); entscheidend sind die schriftlichen Leistungen. Wir alle müssen für jedes Trimester eine Hausarbeit schreiben, sowie eine Klausur im letzten Term. Durchaus machbar, aber auch stressig. In den letzten zwei Wochen vor Essayabgabe sollte man nur nicht damit rechnen, dass irgendjemand noch Zeit zum Weggehen hat.

14:00 Uhr:

Noch kurz ein Besuch im Computerraum (einer von unzählig vielen, die meisten 24 Stunden geöffnet) und Mails checken und danach in mein Wohnheimzimmer, um für meine Hausarbeiten zwei Bücher durchzuarbeiten. Nachmittags ist es meistens relativ ruhig, höchstens Musik aus diversen Richtungen (jemand im Stockwerk über mir hört gern und oft Sade). Völlig aus ist es allerdings, wenn es dann so ruhig ist, dass ich mich für einen Mittagsschlaf ins Bett lege, dann geht schon mal der halbe Tag drauf. Eigentlich nutze ich freie Nachmittage eher zum Einkaufen (der 24-Stunden-Supermarkt ist in circa 20 Minuten per Fuß zu erreichen) oder Wäsche waschen (überteuerter Waschsaloon gleich auf dem Campus). Die Stadt selbst ist zum Laufen (bei Kälte) doch etwas zu weit weg (mit dem Bus ca. 15 Minuten), um mal eben durch die Geschäfte zu bummeln. Allerdings bietet der Campus auch keinen Grund dazu. Höchstens um die neusten Kinofilme zu sehen muss man sich etwas bewegen. Ansonsten gibt es hier vom Reisebüro, über zwei Banken bis hin zur Post und dem Lebensmittelmarkt alles mit mehr oder weniger erschwinglichen Preisen.

18:00 Uhr:

WG-Küche. Engländer kochen meistens abends und bei 16 Leuten ist die Küche dann auch schon mal sehr voll und die Mikrowellen in Dauerbeschlag; daher koche ich mittags soweit möglich. Aber aus Geselligkeitsgründen lohnt sich das Abhängen in der Küche allemal (sowie das Abhängen in der Küche nachts um 2 Uhr, wenn eine Mitbewohnerin von ihrer Schicht bei Kentucky Fried Chicken kommt und Reste mitbringt). Irgendein Fernseher steht auch immer in Reichweite, aber bis auf den Reiz der Originalfassung von Filmen und Serien (von „Simpsons“ bis zu den neuen „Sex and the City“ Folgen) und die Nachrichteninfos ist das Programm 1:1 wie zu hause. Höchstens die, von vielen Mitbewohnern heiß beliebte, australische Soapopera „Neighbours“ ist eine qualitative Ausnahme. Die ist sogar noch ein bisschen schlechter ist, als unsere deutschen Versionen (aber das glaubt mir hier niemand).

19:00 Uhr:

Im Vorlesungsgebäude findet das „Screening“ der Art Film Society statt. Am Ende der Einführungswoche gab es einen großen „Freshersfair“, bei dem die verschiedenen Societies (Sport-, Religions-, Nationalitäten-, Musik- und einfach nur Sauf-Clubs oder –AGs) vorstellten und Mitglieder werben konnten. Eins lernt man schnell: nichts ist umsonst! Aber einige Beiträge haben sich wirklich gelohnt. Wie eben die Mitgliedschaft bei der Art Film Society, die jeden Donnerstag auf einer großen Leinwand im weitesten Sinn anspruchsvolle Filme verschiedenster Dekaden zeigt. Danach gibt es einen Becher Wein oder Saft und eine kurze Diskussion. Ein typischer Donnerstag klingt dann noch im Campus-Pub mit meinen deutschen Sokratesfreundinnen aus (untermalt von netter aber lauter Musik oder durch Fußballspielgeräusche von verschiedenen Fernsehern und letzteres ist eigentlich jeden zweiten Tag der Fall).

23:30 Uhr:

Zeit für ein Fazit. An solch durchschnittlichen Tagen wie heute ist der berühmte große Sprung nicht ganz so deutlich spürbar und ich bezweifele fast, dass diese „genutzte Chance“ eine echte Herausforderung ist. Dann gibt es jedoch auch diese anderen Tage, an denen alles schief läuft, man überhaupt keinen englischen (verständlichen) Satz mehr konstruieren kann („Was heißt noch mal ‚einfach' übersetzt?“) und man für das Lesen von zwanzig Seiten britischer Kunsttheorie über zwei Stunden gebraucht hat, die Suche nach der Buttermilch im Supermarkt wie immer vergeblich ausgefallen ist und man vor allem mal wieder realisiert wie lange es noch dauert, bis man den Liebsten zuhause (und alle anderen) wieder umarmen kann. Manche entscheidenden Veränderungen werden dann allerdings erst spürbar, wenn man „zurück“ ist und die neuen Erlebnisse mit dem wiederentdeckten alten Leben zusammentreffen. Dann sieht man erst, dass nicht eins für das andere eingetauscht wurde, sondern dass man auf gewisse Weise (ohne das alberne „Entweder-Oder“) beides hat und behält.

von Mirjam Miethe
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Zuletzt aktualisiert: 2004-02-11 1:46